Love of my life / Der Geschichtengenerator

Auch an Karfreitag spuckte Jutta Reichelts Geschichtengenerator 3 Kärtchen aus: „Emma (weiß alles)“ , „Komm!“ und „Flohmarkt“.http://juttareichelt.com/2016/03/25/11-geschichtengenerator-in-aktion/

Und weil ich selbst neugieirig war, wie es wohl mit Irmi und Erkan weitergeht, habe in einer grandiosen Osterfeiertags-Nachtschicht an der Geschichte weitergeschrieben. Man kann sich halt nicht aussuchen, wann die Muse vorbeikommt um ihren Kuss zu hinterlassen….da muss auch mal der Schlaf verschoben werden.

Emma Kramer parkte ihren Dienstwagen direkt hinter dem Streifenwagen. Es war zwar erst 4 Uhr 30, aber trotzdem hatte sich eine Traube Neugieriger am Eingang des Hauses versammelt, zwei Fotografen zückten ihre Kameras als Emma mit ihrem Kollegen auf den Hauseingang zusteuerte. Emma winkte routinemäßig ab, sie wusste, dass man versuchen würde, sie zur Herausgabe von irgendwelchen Informationen zu bewegen.

„Kein Kommentar“, sagte sie ohne jemanden anzusehen und verschwand im Haus, während zwei Streifenbeamte versuchten, den Neugierigen den Blick in das Haus zu verwehren. Langsam ging sie mit Malte, dem Kollegen mit dem sie am liebsten unterwegs war, die Treppe nach oben. Ein Mord, von der Mörderin selbst angezeigt. Der Anruf war von der Polizeinotrufzentrale an den KDD weitergeleitet worden, während sich eine Streife bereits auf den Weg zu der angegebenen Adresse machte. Emma machte diesen Job jetzt schon so lange, dass sie manchmal hoffte, alles gesehen zu haben und alles zu wissen, was auf sie zukommen könnte. Sie hatte aufgehört die Jahre zu zählen, aber dieses Jahr hatte sie ihr dreißigjähriges Dienstjubiläum und anlässlich dieser erschreckenden Zahl war ihr die Wirklichkeit ihrer langen Berufslaufbahn wieder bewusst geworden. Sie war ein Urgestein beim Kriminaldauerdienst und wenn neue Kollegen kamen schickte man sie immer zu ihr. „Geh zu Emma,“ sagte man den Neuen, „die weiß alles.“

Emma hoffte inständig, dass bei ihrer Jubiläumsfeier, die ihr im nächsten Monat bevorstand, niemand auf die Idee kommen würde, sie zu fragen, warum sie zur Kripo gegangen war. Emma war ein Kind der sechziger Jahre und aufgewachsen mit Erik Ode und Horst Tappert. In all den vielen Folgen  „Kommissar“ und „Derrick“, die sie in ihrer Jugend gesehen hatte, kochten Frauen Kaffee oder bedienten eine Schreibmaschine und am Ende war das für Emma der Grund gewesen,  diesen Beruf zu ergreifen. Heute bevölkerten so viele junge gutaussehende Kommissarinnen das Fernsehen, dass sie es  manchmal nicht fassen konnte. Die TV-aufklärungsquote lag bei mehr oder weniger hundert Prozent, das hatte mit Emmas Wirklichkeit wenig zu tun. So ein Fall wie dieser, bei dem die Mörderin ihre Tat selber anzeigte, war eine Ausnahme. Während Emma ihren Gedanken freien Lauf ließ war sie schweigend die Treppe hinaufgestiegen, Malte, ebenso schweigsam, an ihrer Seite. Deshalb mochte sie den Dienst mit ihm so gerne, sie konnten gut zusammen schweigen. Dennoch hatten beide die übrigen Anwohner registriert, die in Hausschlappen und Bademantel an ihren Wohnungstüren standen und neugierig nach oben starrten. Endlich hatten Emma und Malte die Dachgeschoßwohnung erreicht und streiften sich Handschuhe und Überzieher für die Schuhe über. Die Spurensicherung war bereits in der Wohnung, als Emma mit Malte eintraf. Sie grüßte den Beamten am Eingang mit einem Kopfnicken und betrat die Wohnung.

„Wo ist der Tote?“

„In der Küche.“ Der Streifenbeamte zeigte nach links. Emma drehte sich um und ging langsam durch den kleinen Flur. Sie blieb stehen und schnupperte. Ein schwacher Vanilleduft hing in der Luft. Malte hatte Emma beobachtet und zeigte nach links, wo auf einem schlichten weißen Sideboard die Asche von Räucherstäbchen in einer flachen weißen Schale aufgefangen worden war. Die Wohnung war ordentlich, alles schien seinen Platz zu haben. Emma öffnete die Tür zu ihrer Rechten, offensichtlich ein Abstellraum, und knipste das Licht in der kleinen Kammer an. Ihr Blick fiel auf ein Schuhregal, das drei Seiten der kleinen Kammer bedeckte.  Noch nie hatte sie so viele Schuhe auf einem Fleck gesehen. Ordentlich aufgereiht standen sie im Regal oder waren in Kartons verpackt. Emmas Blick blieb an den unzähligen schwindelerregend hohen HighHeels hängen und sie fragte sich einmal mehr, wie manche Frauen in diesen Schuhen laufen konnten. Offensichtlich war die Bewohnerin der Wohnung jedoch nicht völlig unvernünftig, denn es gab auch eine große Auswahl an Sneakers in allen Farben. Emma machte das Licht aus und schloss die Tür. Sie wandte sich wieder Richtung Küche, blieb an der Küchentür stehen und nahm die Szene in sich auf. Ein untersetzter Mann lag auf dem Boden, das Gesicht nach unten, unter seinem Körper hatte sich eine Blutlache gebildet. Der Kollege der Spurensicherung händigte ihr einen Plastikbeutel mit Portemonnaie, Handy und Schlüsselbund des Ermordeten aus.

„Der Tote heißt Erkan Huber“, er zeigte auf eine weitere Plastiktüte, in der ein blutverschmiertes Messer lag, „die Tatwaffe haben wir auch. Die Verdächtige ist im Wohnimmer“.

Emma wandte sich zu Malte, „machst du das hier? Dann befrage ich die Verdächtige.“

Malte nickte und Emma ging durch den Flur weiter bis zum Wohnzimmer. Eine Streifenbeamtin stand neben dem Sessel, in dem eine schlanke Frau saß, die am ganzen Körper zitterte. Sie hatte geweint, ihr Gesicht war verquollen. Emma sah auf ihre Notizen, suchte den Namen der mutmaßlichen Mörderin und sprach sie dann an.

„Frau Maierhofer?“

„Ja, das bin ich,“ Irmgard Maierhofers Stimme zitterte auch. „Ich war es,“ sagte sie und fing wieder an zu weinen. „Ich habe das Geräusch gehört, den Schlüssel an der Tür, ich war panisch und – „

Emma unterbrach sie und sagte ruhig: „Erzählen Sie mir einfach alles in der Reihe, was heute Nacht passiert ist.“ Es war für sie Routine, in ihre Stimme diese Mischung aus Autorität und Mitgefühl zu legen, was die Verdächtige dazu bringen sollte, ihr zu vertrauen und den Tathergang zu schildern. Sie setzte sich Irmgard Maierhofer gegenüber in den zweiten Sessel  und sah sie aufmerksam an während sie erzählte. Es war alles etwas verworren aber Emma verstand, dass der Tote offenbar einen Schlüssel für die Wohnung gehabt hatte.

„Warum haben sie dem Toten einen Schlüssel gegeben?“

„Aber ich habe ihm keinen Schlüssel gegeben!“ zum ersten Mal schien Irmgard Maierhofer aus ihrer Lethargie zu erwachen. „Ich sagte ihnen doch, dass ich in der Küche an der Spüle stand und mir einen Tee gekocht habe, als ich das Geräusch des Schlüssels gehört habe! Ich war wie gelähmt vor Angst! “

Sie schluchzte wieder und nahm sich ein neues Papiertaschentuch. Nachdem sie sich lautstark die Nase geputzt hatte, war Irmgard wieder ruhiger.

„Erkan war in meiner Abteilung,“ sagte Irmgard. „Er war mein Mitarbeiter. Ich verstehe das alles nicht -“ das Ende des Satzes blieb fragend in der Luft hängen und Emma schien es, als füllte die Frage den ganzen Raum aus.

Emma sah Irmgard in die Augen und sie sah darin die Wahrheit. Sie wusste nicht, woher sie diese Gabe hatte, aber sie hatte sie nun einmal. Wenn sie den Verdächtigen in die Augen sah wusste sie, ob sie logen oder nicht. In ihren Anfangsjahren bei der Kripo hatte man sie belächelt und nicht ernst genommen. So etwas wie Bauchgefühl war typisch Frau und ein Gefühl ohne schlagkräftige Argumente taugte nichts. Im Laufe ihrer langen Jahre beim KDD hatte sich das geändert. Heute respektierte man ihren „siebten Sinn“ und ihre Kollegen mussten neidlos anerkennen, dass sie immer richtig lag. Irmgard Maierhofer sagte die Wahrheit und Emma wusste, dass sie hier einen dieser tragischen Fälle vor sich hatte, die sie nachts nicht schlafen ließen. Diese Leben, die durch EINE falsche Entscheidung, eine falsche Gefühlsregung, aus den Fugen gerieten. Eine Tat, im Affekt oder in Panik begangen, die das Schicksal von einem Moment auf den anderen in eine andere Richtung lenkt, ohne die Chance daran je etwas ändern zu können. „What a difference a day makes, twentyfour little hours –“ schoss es Emma durch den Kopf. Sie steckte ihren Block ein und sagte ruhig: “Wir werden Sie jetzt mitnehmen ins Präsidium, gibt es jemanden, den Sie verständigen möchten? Ihren Anwalt vielleicht?“

Irmgard, die wieder auf ihrem Sessel zusammengesunken war, sah auf.

„Ich  – also ich habe keinen Anwalt,“ sagte sie und fing wieder an zu weinen. „Ich habe ja noch nie einen Anwalt gebraucht!“

Emma antwortete nicht und gab der Beamtin ein Zeichen.

„Meine Kollegin bringt sie jetzt zur Wache.“

Emma überließ Irmgard der Streifenbeamtin und ging wieder in die Küche. Die Spurensicherung war nahezu abgeschlossen und zwei Männer warteten mit einer Trage, auf der ein Leichensack lag, auf dem kleinen Vorplatz im Treppenhaus.

Malte, der sich über die Spüle gebeugt hatte und die Blutspuren, die das Messer hinterlassen hatte, fotografierte, sah zu Emma auf.

„Und,“ fragte er, „sagt sie die Wahrheit?“

„Ja,“ antwortete Emma knapp. „Irgendetwas stimmt hier nicht. Wir müssen auf jeden Fall sofort in die Wohnung des Toten bevor wir sie im Präsidium vernehmen. Komm!“.

 

Erkan Hubers Wohnung lag in einem gesichtslosen Vorort der Stadt. Im Hunger nach immer neuen Menschen hatte die Stadt sich weiter und weiter in das Land der Umgebung hineingefressen. Hochhäuser und Wohnblocks waren aus dem Boden gewachsen, in denen die vielen, die es in die Stadt zog, ein Dach über dem Kopf fanden. Erkan Hubers Wohnung war in einer der kleineren Einheiten, jede Etage wurde über einen offenen Flur erschlossen, der wie ein Balkon an der Reihe von Haustüren entlang lief. Emma zog ein paar neue Gummihandschuhe an und holte Erkan Hubers Schlüsselbund aus der Tüte der Spurensicherung. Sie schloss die schmucklose Tür auf, die wie alle anderen Türen auf dieser Etage ziegelrot war. Eine Etage darüber waren die Türen grau, in der Etage darunter dunkelblau.

„Das soll wohl Kunst am Bau sein, die bunten Türen,“ sagte Malte mit einem Grinsen.

„Schadet ja nicht, ein bisschen Farbe in der Betonwüste“ antwortete Emma und öffnete die Tür. Das erste, was sie wahrnahm, waren drei große, aufeinander gestapelte Kartons.

„Ist wohl grade erst eingezogen,“ sagte Malte und knipste das Licht an.

Emma nahm ein Blatt vom obersten Karton auf dem in großen Druckbuchstaben das  Wort „Flohmarkt“ stand.

„Sieht eher so aus, als ob er ausgemistet hat“, sagte Emma und hielt Malte das Schild hin. Dann hielt sie inne und schnupperte.

„Riechst du das?“ fragte sie. „Vanille, würde ich sagen. Riecht genauso wie in der Wohnung der Maierhofer.“

Sie sah sich um und entdeckte an der linken Wand des kleinen Flurs ein Sideboard, das dem in der Wohnung von Irmgard Maierhofer verblüffend ähnlich war. Die Asche der Räucherstäbchen war jedoch direkt auf das Sideboard gefallen, die flache weiße Schale fehlte. Emma speicherte das als seltsamen Zufall ab und ging weiter durch den Flur, warf einen Blick in die Küche, die ebenso ordentlich und aufgeräumt war die der Verdächtigen. Dann ging sie weiter und öffnete eine Glastür, die ins Wohnzimmer führte. Verblüfft blieb sie stehen. Das Zimmer war zwar anders geschnitten und hatte keine Dachschrägen, aber es war auf den ersten Blick identisch eingerichtet wie das von Irmgard Maierhofer. Sie rief nach Malte, der gerade dabei war, Schlafzimmer und Bad  zu untersuchen.

„Malte, das musst du dir ansehen!“, rief sie.

Auch Malte stutzte als er Erkan Hubers Wohnzimmer betrat.

„Was zur Hölle –“ er holte tief Luft. „Das sind doch dieselben Möbel wie bei der Maierhofer!“, rief er erstaunt aus.

„Nun“, Emma strich mit der rechten Hand über einen der beiden Sessel, „nicht dieselben aber sehr sehr ähnlich,“ sagte sie.

Emma sah sich um und ihr Blick fiel auf eine Reihe identischer schwarzer Ordner, die ordentlich nebeneinander in der weißen Schrankwand standen. Ihre Rücken waren von Hand mit den gleichen akkuraten Druckbuchstaben beschriftet wie die auf dem Schild mit der Aufschrift „Flohmarkt“.

„IRMI I“, „IRMI II“, IRMI III“, „IRMI IV“ las Malte laut vor. Emma zog den ersten Ordner heraus und schlug ihn auf. Er enthielt Fotos von Irmgard Maierhofers Wohnung, alle Räume waren sorgfältig abfotografiert, die Bilder ordentlich eingeklebt und beschriftet. Im Anschluss folgten Einzelfotos der Möbel und Notizen, wo so ein Möbel zu kaufen war und wie hoch etwa der Preis sein würde. Die Ordner II bis IV enthielten  eine Art Kalender, der Tag für Tag Irmgard Maierhofers Tagesablauf nachzeichnete. Die Aufzeichnungen begannen vor etwa einem Jahr, die letzte war vom Todestag des Opfers. Da stand in roten Druckbuchstaben das Wort „Besuch“ .Zwischen den Kalenderblättern fanden die beiden Kriminalbeamten Fotos von Irmgard beim Verlassen der Wohnung, auf dem Weg zur Arbeit,  auf dem Supermarktparkplatz mit dem Einkaufswagen. Emma und Malte überflogen die Eintragungen.

„Offensichtlich hat er sie in jeder freien Minute beobachtet,“ sagte Emma, „nicht jeden Tag, das war ihm wahrscheinlich nicht möglich, aber wann immer er konnte hat er ihr aufgelauert.“

„Du musst dir das Schlafzimmer anschauen,“ sagte Malte und Emma legte den Ordner, den sie durchsucht hatte, in das Regal der Schrankwand zurück. Sie folgte Malte ins Schlafzimmer und blieb überrascht stehen. Das Schlafzimmer war wie aus einem anderen Universum, offensichtlich war das Erkan Hubers Universum. Ein Bett aus Lärchenholz mit gedrechselten Füßen, dominierte den Raum. Die Bettwäsche war orange-gelb gemustert, ein ausgewaschenes Blumenmuster mit Bordüren aus aufgestickten Gänseblümchen. Auf einem der beiden Nachtischchen stand in silbernem Rahmen ein Foto von Irmgard Maierhofer, das sie offensichtlich bei einer Betriebsveranstaltung an einem Rednerpult zeigte.

„Ein Stalker,“ sagte Emma. “Aber einer von der ganz üblen Sorte.“

„Wir brauchen die Spusi hier,“ Malte griff in die Jackentasche und holte sein Mobiltelefon heraus.

„Das ganze Zeug hier muss ins Präsidium und die Wohnung muss fotografiert werden.“

Emma nickte und ging in den Flur, einer Ahnung folgend.

„Komm,“ rief sie Malte, „hilf mir mal mit den Kartons,“ und sie hoben gemeinsam den obersten der drei Kartons auf den Boden. Emma öffnete ihn. Sie sah hinein und es war offensichtlich, dass diese Kartons all das enthielten, was Erkan Huber gewesen war, bevor er besessen war von Irmgard Maierhofer. Ein geschnitztes Kruzifix und ein messingfarbener Kerzenleuchter lagen auf FC-Bayern-München Bettwäsche, verschiedene Holzbrettchen mit eingebrannten oder eingeschnitzten Sinnsprüchen waren zwischen die Bettwäsche geschoben.

„Trautes Heim, Glück allein“, las Emma.

„Das traute Heim war ja wohl eher ein Horrorkabinett“, sagte sie und hielt Malte das Holzbrettchen hin.

„Du hattest wieder mal den richtigen Riecher,“ sagte Malte. „Er hat sich wohl einen Nachschlüssel für ihre Wohnung machen lassen. Und er war ja offenbar nicht das erste Mal da.“

Malte schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Was für ein Widerling.“

„Du sagst es, Malte. Wenn auch überdeutlich. Ruf die Kollegen an, ich muss hier raus, mir wird schlecht,“ sagte Emma und klappte den Deckel des Kartons zu.

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