Bedenke wohl was du dir wünschst, es könnte dir gewährt werden

Oder: Der Geschichtengenerator©Jutta Reichelt hat vorgegeben
ERKAN (ziemlich verliebt)    KANTINE   „NATÜRLICH KANN ICH DAS!“

Erkan starrte auf seinen Bildschirm. Das Angebot würde sich nicht von selbst schreiben, soviel war klar. Aber leider waren sämtliche Synapsen in seinem Gehirn mit Fehlschaltungen beschäftigt. Denn egal, an was Erkan dachte, es führte immer nur zu einem Thema: Irmi. Er versuchte, sich zusammenzureißen, aber es war von vornherein klar, dass das nicht klappen würde. Wie konnte sich ein Mann in seinem Alter nur so kindisch benehmen? Es war nicht auszuhalten. Die schöne Irmi verfolgte ihn nun schon seit drei Wochen bis in den Schlaf. Und er hatte keine Chance ihr auszuweichen denn er verbrachte die ganze Woche mit ihr, mindestens acht Stunden am Tag, von Montag bis Freitag. Die schöne Irmi war seine neue Chefin. Vertriebsleitung Innendienst war der offizielle Titel. Sexiest Woman alive war der inoffizielle Titel, den Erkan an Irmi vergeben hatte. Seit Irmi, oder besser Frau Maierhofer, den Glaskasten am Ende des Großraumbüros bezogen hatte, sammelten sich bei Erkan die Überstunden an. Die Effizienz von Erkans Arbeit ließ allerdings diametral zu seiner Arbeitszeit nach. Er saß an seinem Schreibtisch und malte Männchen aufs Papier oder starrte über die Köpfe seiner Kollegen hinweg in Richtung Glaskasten. Wenn er sie nur einmal in den Armen halten könnte, nur einmal…Erkan seufzte und fand sich damit ab, dass das ein Traum bleiben würde. Er war Mitte Fünfzig, Irmi war Anfang vierzig. Während Erkan mit seiner Karriere bereits durch war würde sie noch mindestens fünf oder zehn Jahre Gas geben. Da war er sich sicher.
Erkan Huber hatte eine Mutter mit türkischen Wurzeln, die aus Liebe zu ihrem bayrischen Ehemann sogar die Konfession gewechselt hatte, aber der Preis dafür war, dass der gemeinsame Sohn den Namen ihres Vaters tragen sollte, Erkan, was so viel bedeutet wie „General“ oder „Anführer“. So kam der bayrische Bub zu seinem exotischen Vornamen, der aber schnell zu „Erki“ abgewandelt wurde. Der kleine Erkan war jedoch nie der Anführer, er war froh, wenn er mitspielen durfte und man ihn ansonsten in Ruhe ließ, denn er war nahe am Wasser gebaut und brach schnell in Tränen aus. Der erwachsene Erkan Huber war sich sicher, dass sein Hang zur Melodramatik ein Erbe der orientalischen Mutter war, denn sein Vater war ein Urbayer, der das Wort Drama vermutlich nicht einmal buchstabieren konnte.
Auch bei Irmgard Maierhofer, von Erkan insgeheim Irmi genannt, konnte man in keinem Fall von „nomen est omen“ sprechen. Hätte sie gewusst, dass der verliebte Erkan Huber sie „Irmi“ nannte, hätte sie vermutlich einen Lachanfall bekommen. Frau Maierhofer, die seit dem ersten Tag von allen Mitarbeitern, außer Erkan, nur „M“ genannt wurde, war groß, schlank und tough. Sie ließ sich von keinem auf der Nase herumtanzen. Ihre Kleidung war schlicht aber durchaus feminin. Sie trug immer knielange Bleistiftröcke in schwarz oder grau, kombiniert mit Seidenblusen in pastelligen Farben, dazu Pumps. Das Büro betrat sie jeden Morgen mit Sneakers, wechselte dann aber sofort hinter dem Schreibtisch die Schuhe und stöckelte danach mit ihren Stilettos durch das Büro um bei ihrem morgendlichen Rundgang alle Mitarbeiter zu begrüßen. Ihre langen braunen Haare waren zu einem lockeren Dutt aufgesteckt. Irmgard Maierhofer war sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst und setzte diese zu ihrem Vorteil ein. Sie hatte sich diese Position erarbeitet, auch wenn das bestimmt wieder der eine oder andere nicht wahrhaben wollte und ihr eine Affaire mit einem Vorgesetzten nachsagte. Irmgard Maierhofer hatte das nicht nötig und was man ihr nachsagte interessierte sie schon lange nicht mehr. „never fuck the company“ war ihr Wahlspruch und daran würde sie sich halten.
Sie blieb bei Erkans Schreibtisch stehen.
„Guten Morgen Herr Huber!“ sagte sie und lächelte ihn aufmunternd an. „Was macht das Angebot für Kremmler?“
Erkan hatte Irmi schon seit Minuten beobachtet und den Moment, wenn sie an seinem Schreibtisch ankommen würde, gleichzeitig herbeigesehnt und verwünscht. Er würde wieder wie ein kompletter Idiot aussehen, das war ihm klar.
„Ich, äh, also, ja… guten Morgen Irm…Frau Maierhofer,“ Erkan hätte sich ohrfeigen können für sein Gestammel. „Ja, also ich mache das heute fertig.“
„Schön, dann mailen Sie es mir bitte rüber. Können Sie das bis um vierzehn Uhr dreißig fertigstellen?“
„Natürlich kann ich das, Frau Maierhofer.“
„Wunderbar, dann noch einen schönen Tag!“ Irmi strahlte ihn an und ging dann weiter. Erkan seufzte. Was hatte er sich da nur angetan. Es war acht Uhr fünfundvierzig. Das Angebot würde etwa fünfunddreißig Positionen umfassen. Er hatte noch nicht einmal die Hälfte davon zusammen. Wenn er das schaffen wollte, dann konnte er sich eine Mittagspause in der Kantine abschminken.
Erkan entschied, dass er dieser Herausforderung ohne einen weiteren Kaffee nicht gewachsen war. Er stand auf und ging Richtung Teeküche. Zwangsläufig führte sein Weg an Irmis Glaskasten vorbei, aber ihr Platz war leer. Eine kleine Enttäuschung machte sich in Erkan breit, als er die Teeküche betrat. Insgeheim hatte er ja gehofft, dass Irmi ihn bitten würde, ihr einen Kaffee mitzubringen. Erkan stellte seinen Kaffeebecher auf den dafür vorgesehenen Platz und drückte den Knopf für Cappuccino an der hochmodernen chromglänzenden Maschine. Erkan bezeichnete sich selbst gerne als „Kaffeejunkie“. Seine Vorliebe für Kaffee ging so weit, dass er sich manchmal abends beim zu Bett gehen wünschte es wäre schon wieder Morgen, nur um wieder einen Kaffee trinken zu können. Allein der Duft, der jetzt der Maschine entströmte, entschädigte ihn schon für alle sehnsuchtsvollen Gedanken zu seinem derzeitigen Lieblingsthema. Die Teeküche grenzte an einen umlaufenden Balkon, der gerne von den Rauchern für eine schnelle Pausenzigarette genutzt wurde. Während Erkan gedankenverloren auf die Kaffeemaschine starrte, die seinen Cappuccino aufbrühte, wurde schwungvoll die Balkontür aufgeschoben und Irmgard Maierhofer betrat vom Balkon her die Teeküche. Dabei verhakte sich einer ihrer Stilettos in der Türschwelle und sie drohte, der Länge nach auf den gefliesten Boden zu knallen. Erkan, der Irmi völlig paralysiert angestarrt hatte, kam gerade noch rechtzeitig zu sich um sie aufzufangen. Der abbrechende Absatz gab ein hässliches Geräusch von sich, wie absplitterndes Holz, und mit einem kleinen wehklagenden „krch“ trennte er sich vom Schuh. Irmgard Maierhofer lag jetzt in seinen Armen, ja sie hing förmlich an seinem Hals. Erkan wusste nicht, wie er mit dieser Situation umgehen sollte, aber Irmi stellte sich bereits wieder auf die eigenen Beine. Das heißt, sie stellte sich auf ein Bein, zog den ruinierten Schuh vom Fuß und sagte bedauernd:
„Der ist hin.“
Der Absatz steckte noch immer in der Türschwelle und Erkan bückte sich um ihn heraus zu hebeln. Es war ein unglaubliches Bild. Irmi Maierhofer, auf einem Bein balancierend, den kaputten Schuh in der einen Hand, die andere zur Wahrung des Gleichgewichts in den Küchentresen gekrallt. Zu ihren Füßen kniend Erkan Huber, der ihr jetzt den abgebrochenen Absatz reichte wie die heiligen drei Könige Weihrauch und Myrrhe an das Jesuskind.
„Da haben Sie mir ja das Leben gerettet,“ Irmgard grinste ihn an. „Vielleicht sollte ich auf weniger hohe Absätze umsteigen. So kann ich jedenfalls nicht wieder zurück ins Büro. Wären Sie wohl so nett und würden mir meine Sneakers holen?“
„Selbstverständlich, einen Moment, ich bin gleich wieder da!“ sagte Erkan und rannte los.
Kurz darauf kam er mit den Sneakers in der Hand wieder in der Teeküche an. In der Zwischenzeit waren noch zwei weitere Kollegen aus der Nachbarabteilung dort eingetroffen um sich einen Kaffee zu holen und Irmi hatte bereits die dramatische Rettungsaktion von Erkan um Besten gegeben.
„Wenn Herr Huber mich nicht aufgefangen hätte, wer weiß was ich mir gebrochen hätte,“ sagte Irmi mit Dramatik in der Stimme und untermalte den Satz mit weitausholenden Gesten.
Erkan war das unangenehm, aber andererseits war er auch ein bisschen stolz, dass sie ihn so hervorhob. Er holte für Irmi einen Stuhl aus einem der angrenzenden Büros, damit sie sich setzen und in Ruhe ihre Sneakers anziehen konnte. Erkan war in seinem Element, endlich konnte er zeigen, was für ein Gentleman der alten Schule er war. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte sich Irmi zu Füßen gesetzt und ihre Schnürsenkel geknotet.
Nachdem sie die Schuhe getauscht hatte, stand Irmgard auf, sah in die Runde und sagte:
„Dann können wir ja jetzt wieder weiterarbeiten. Einen schönen Tag noch die Herren.“, und an Erkan gewandt. „ Herr Huber? Gehen wir?“
Erkan, der seinen, mittlerweile nur noch lauwarmen, Cappuccino hinuntergestürzt hatte, stellte mit einem klirrenden Geräusch die Tasse in die Spüle und folgte seiner Chefin.
Als sie an Irmis Glaskasten angekommen waren, öffnete Erkan ihr galant die Tür und sie sagte:
„Nochmals vielen Dank, Herr Huber. Können Sie mir dann das Angebot schicken? Vierzehn Uhr dreißig?“
Erkan sagte nur lahm: „Natürlich kann ich das,“ und ging zu seinem Platz.
„Du hast dir gewünscht sie im Arm zu halten,“ sagte er sich. „jetzt ist es gut.“
Erkan versuchte, sich wieder auf seine Arbeit und die Erstellung des Angebots zu konzentrieren. Aber wenn das in Erfüllung gegangen ist, dann geht vielleicht noch mehr? In Gedanken spielte Erkan immer wieder die Szene in der Teeküche durch. Was, wenn sich Irmi Maierhofer jetzt unsterblich in ihn verliebt hatte, nachdem sie ihm so nahe gekommen war? Bestimmt wartete sie nur darauf, dass er den Anfang machte. Bestimmt war es so. Erkan war sich plötzlich absolut sicher. Er war sich so sicher, dass er sogar das Angebot ohne weitere Ablenkung termingerecht fertigstellte. Natürlich musste sie die Unnahbare bleiben. Nur er konnte diesen Schritt auf sie zu machen. Und er würde sie nicht enttäuschen.
Als Irmgard Maierhofer am Abend das Bürogebäude verließ und Richtung U-Bahn ging bemerkte sie nicht wie Erkan Huber sich lautlos an ihre Fersen heftete.

8 Gedanken zu „Bedenke wohl was du dir wünschst, es könnte dir gewährt werden

  1. Liebe Carmen, ich komme leider nur in kleinen Schritten dazu, die zahlreichen Geschichten (ich freue mich sehr darüber) zu lesen und bin daher erst jetzt bei dir und deinem Erkan Huber gelandet – mit umso größerer Freude bei der Lektüre … Und in diesem Fall führt ja nun wirklich kein Weg an einer Fortsetzung vorbei 😉 Herzliche Grüße!

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  2. Liebe Carmen,
    oh! Dein Erkan ist ja echt abgründig! Da kann man ja gespannt sein, in welche Richtung die Geschichte weitertreibt, wenn du sie denn treiben lässt. Macht ein sehr unbehagliches Gefühl beim Lesen … 😉
    Liebe Grüße
    Christiane (deren Erkan erst mal das Licht des Blogs erblicken musste)

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