Tag 1

Eine neue Zahl: 2016.

Irgendwie gefällt mir die Zahl besser als die alte, 2015. Subjektive Wahrnehmung nennt man das wohl. Das neue Jahr habe ich begrüßt auf der Feuertreppe der Hautklinik der Uniklinik Tübingen, mit einer Handvoll Menschen, die wie ich einen guten Grund hatten, hier zu sein. Die Nachtschwester, zwei Ärzte, der Portier, ein Patient. Und ich. Am Ende des Ganges lag meine Mutter, erkrankt an Gürtelrose, die sich wie ein Feuermal über die rechte Seite ihres Gesichts zieht, über das Auge bis in den Haaransatz. Da sie wegen ihrer Demenz, die die Folge einer Hirnblutung ist, völlig ohne Orientierung ist, muss 24 Stunden jemand bei ihr sein. Ich teile mir die Tage mir meiner Schwester auf. Sie übernimmt den Tagdienst und ich die Nacht und den Morgen, Gleich wird sie kommen um mich abzulösen. So bin ich zu diesem Silvester der anderen Art gekommen. Es war irgendwie surreal, da auf der Feuertreppe im nebligen Tübingen. Das Knallen der Raketen und Böller ein Feuerwerk für die Ohren, sehen konnte man wegen des Nebels fast nichts, einzelne Raketen, die sehr hoch in den Himmel stiegen, waren sichtbar. Das war ja wie ein Sinnbild für meinen persönlichen Jahreswechsel. Er war auch „beschnitten“, vernebelt wie die Sinne meiner Mutter.

Ich hatte, dem Schicksal trotzend, mein Ausgehkleidchen angezogen, Schmuck und Ohrringe, dunkelroten Lippenstift. Ich wollte Silvester feiern, schön sein, für mich. Ich hatte mir eine kleine Flasche Brut eingepackt und Luftschlangen an den Galgen über dem Krankenbett, das für mich neben dem Bett meiner Mutter steht, aufgehängt.

Es sind ruhige Stunden hier in der Klinik. keine Ablenkung, kein Radio, kein Fernsehen, nur die mühsamen Atemzüge meiner  Mutter im Bett neben mir. Viel Zeit für Reflektion. Seit heute morgen habe ich auch Zugang zum Internet, nachdem der frreundliche Portier mir gezeigt hat, wie ich es machen muss. Alle hier sind unglaublich nett, hilfsbereit, es ist eine sehr ruhige, schöne Schwingung in diesem Haus.

Jetzt freue ich mich einfach, endlich wieder mal Zeit für meinen Blog zu haben, es muss wohl einiges wieder raus was sich über die anstrengenden letzten Wochen angestaut hat.

Ich wünsche Euch allen ein glückliches neues Jahr, Gesundheit, Liebe und Zufriedenheit. Mögen die Menschen um Euch sein, die ihr liebt und braucht.

11 Gedanken zu „Tag 1

  1. Dieser Text hat mich sehr berührt – und ich sage das nicht so dahin – ich kenne Tage im Krankenhaus durch meine Junioren. Vor Jahren als ich mit beiden in der Düsseldorfer Uniklinik war, habe ich mich, als ich nicht schlafen konnte, mit den Nachtschwestern angefreundet. Nachts, so scheint es, ist es in Krankenhäusern friedlicher – zumindest auf einigen Stationen. Es war ruhig und sehr friedlich.

    Für dieses Jahr wünsche ich dir Zuversicht und den Mut der kommenden Dinge.
    Herzlichst piri

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