Sonn – Tag

wahrhaftig, ein SONNentag heute. Wir hatten unglaubliche 20 Grad, mehr als ein T-shirt habe ich heute nicht gebraucht. Nur schade, dass wir keine Sommerzeit mehr haben, jetzt wird es bereits wieder dunkel. Statt im Haus saß ich heute mit dem Laptop im Garten, es war wie eine kleine Reminiszenz an mein Sommerbüro. Gute Gelegenheit, zu recherchieren und für den NaNo weiter zu arbeiten. Da mein Roman ja das ganze 20. Jahrhundert umfasst, nutze ich einiges aus den Aufzeichnungen meines Vaters. Je mehr ich mich hineinlese desto mehr habe ich das Gefühl , dass ich den Drang zu erzählen von ihm geerbt habe. Er hat sich in seinen letzten Lebensjahren auf die Spur seiner Eltern gemacht und ich möchte ihn hier mal zu Wort kommen lassen, denn ich glaube, es geht vielen wie mir: was „der kleine Mann“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebt hat, wissen wir nicht, weil nur die große Weltgeschichte festgehalten wird. Aber es gibt so viele Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Hier ist eine davon:

„Zu meinen Großeltern in U. sagte ich immer nur „Ähne“ und „Ahna“. Wahrscheinlich hatte mir das meine Mutter so beigebracht. Damit gab es einen wörtlichen Unterschied zu Großmutter und Großvater in B. , den Eltern meiner Mutter. Das Haus von Ähne und Ahna war nicht weit entfernt vom Haus des Urgroßvaters. Vielleicht hat mein Ähne das Grundstück für sein Haus von seinem Vater bekommen, denn früher achtete man sehr darauf, in der Nähe des eigenen Hauses weitere Grundstücke zu besitzen. Das Haus, ein landwirtschaftliches Anwesen, stand auf einem etwa 1 Morgen großen Platz. Morgen ist ein Flächenmaß, das bis in das 20 Jahrhundert hinein die Größe von Äckern und Wiesen angab. Ein Morgen ( die Größe eines Ackers, der an einem Morgen (Vormittag) umgepflügt werden konnte) war in den einzelnen Regionen unterschiedlich. In U. war es die Größe von 33 Ar (1 Ar = 100 qm). Die Wohnräume bei meinen Großeltern lagen im ersten Stock, wie in fast allen Bauernhäusern, direkt über dem Stall. Über die Stalldecke, die in dieser Zeit als Holzbalkendecke ausgeführt war, wurde die Stallwärme auf den Fußboden des Wohnzimmers übertragen. Also eine „Fußbodenheizung“. Direkt angebaut an das Wohnhaus war eine große Scheune, denn neben seiner Anstellung als Meister in der Spinnerei bei Firma O. betrieb mein Ähne mit seiner Familie eine, für damalige Zeiten, mittlere Landwirtschaft. Das war für viele Arbeiter und Angestellte ganz normal. Die Landwirtschaft war kein Hobby sondern ein Zubrot für die Selbstversorgung. Das Getreide für Brot und für die Tiere wurde selbst angebaut, Gras und Ohmd für die Kühe holte man von den eigenen Wiesen.

Mein Vater hatte drei Brüder. Christian, der Älteste, ist als Kind schon verstorben. Somit war mein Vater der Älteste und alle drei mussten schon als Kinder in der Landwirtschaft mithelfen, denn der Vater war ja von Montag bis Samstag in der Fabrik.
Als mein Vater zwölf Jahre alt war fielen am 29. Juni 1914 die Schüsse in Sarajewo. Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie wurden erschossen. Vorbei war es mit der ruhigen Zeit. Am 2. August 1914 erfolgte die Mobilmachung und bereits einen Tag später die Kriegserklärung an Frankreich. Mit sechzehn Jahren wurden aus jungen Burschen in U. Rekruten und fast einhundert Einberufene aus dem Dorf mussten bereits in den ersten Wochen an die Front. Mein Vater hatte Glück, er wurde nicht mehr eingezogen. Fünf Monate nach seinem sechzehnten Geburtstag, am 11. November 1918, war der erste Weltkrieg zu Ende. Zu dieser Zeit war mein Vater bereits in der Lehre. Mein Ähne sagte immer: „nur wer eine Lehre gemacht hat und einen Beruf erlernt hat, kann in der heutigen Zeit bestehen.“ Alle seine Söhne haben eine Schlosserlehre gemacht, das war in dieser Zeit nicht selbstverständlich.
Morgens um fünf Uhr musste mein Vater Albert aufstehen, um dann nach einer guten halben Stunde Fußmarsch zum Bahnhof von W. zu gelangen, von wo er mit dem Zug weiterfahren konnte zu seiner Lehrfirma. Am Abend war er selten vor 19 Uhr zuhause.
In seinem Lehrbetrieb in der nahen Kreisstadt erfuhr er auch ein wenig mehr über die neue Bewegung im Land. Die Arbeiterparteien hatten sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie in der neuen Demokratie durchgesetzt. In seinem Heimatdorf merkte man davon noch gar nichts, im Gegenteil.
Die Sängerabteilung des Turnvereins, wo Albert als „Zögling“ Mitglied war, hatte einen sehr schweren Stand gegen den bürgerlichen Gesangverein, den „Liederkranz“. Ein Riss ging durch die Jugend von U. Die Vereine der Arbeiterschaft wurden alle unterdrückt. Auf dem Rathaus saßen reiche Bauern und die hatten das Sagen. Es war ein „Politikum“, man wollte die Proletarier nicht hochkommen lassen. Immer wieder wurde der Antrag auf einen Raum im Schulhaus, zum Abhalten der Chorproben, abgelehnt. Auch anderen Vereinen, wie dem Arbeiter-Samariterbund und ein paar Jahre später dem Arbeiterradfahrverein „Wanderlust“ erging es nicht anders. Dann stand die Neuwahl des Schultheißen an und Matthäus L., der bisherige Bürgermeister, wollte seinen Posten gerne behalten und war auf die Stimmen der Arbeiter angewiesen. Auch die Frauen durften ja seit 1919 wählen. So kam es, dass Zugeständnisse gemacht wurden und die Sängerabteilung des Turnvereins einen Raum für ihre Chorproben bekam. Der Gemeinderat war zunächst dagegen und gab schließlich seine Zustimmung nur mit der Auflage:
„…dass der Sängerabteilung verboten wird, im evangelischen Schulhaus unpassende Lieder zu singen.“
Es war nämlich bekannt, dass die Singstunde mit der „Internationalen“ abgeschlossen wurde, die mit folgender Passage ebenfalls unter das Verbot fiel:
„Es rettet uns kein höh`res Wesen
kein Kaiser nicht und kein Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen,
können wir nur selber tun!“
Das alles passierte vor etwa 100 Jahren in einem kleinen Dorf, irgendwo auf dem Land zwischen Stuttgart und Ulm. Der Friedhof des Dorfs ist immer noch genau neben der Kirche und wie vermutlich überall, gibt es auch an dieser Kirche Gedenksteine für die Gefallenen des ersten und zweiten Weltkriegs. Bei einem Besuch der Kirche im letzten Sommer habe ich die Namen studiert und das Alter der Gefallenen ausgerechnet. Die meisten waren keine zwanzig Jahre alt.
Wir alle tragen die Geschichten unserer Ahnen in den Adern – manchmal, wenn ich ganz ruhig bin, kann ich sie flüstern hören….

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