Rosas Reise (7)

1905

Der Taufsonntag kam und nach der bescheidenen Feier packte man Rosa, die ihre Puppe Else fest an sich klammerte, warm ein und sie fuhr mit Berta und Otto, der auf dem Kutschbock saß, in der offenen Kutsche davon. Die erste Aufregung verflog rasch und Rosa schlief auf dem Schoß der Tante ein. Als sie in Kirchheim angekommen waren, trug Otto sie ins Bett.
„Es ist besser, wir lassen sie schlafen“, meinte er.
Berta stimmte ihm zu.
„Ich hoffe nur, sie wacht nicht auf heute Nacht und irrt im Haus herum“, sagte sie.
Doch Rosa schlief tief und fest und wurde am Morgen von Bertas lautem Rufen geweckt. Die Tage im Schoberschen Haushalt waren von festen Regeln geprägt, Arbeit diente jedoch, anders als Rosa das aus ihrem Elternhaus kannte, nicht dazu, Gott zu gefallen sondern um Vermögen anzuhäufen. Bertas Wahlspruch, den sie bei jeder passenden Gelegenheit zum Besten gab, war „haste was dann biste was.“ Rosa begleitete Tante und Onkel jeden Tag in den Laden, wo Otto Tuche und Stoffe, Posamenten und Knöpfe und alle Arten von Kurzwaren verkaufte. Rosa saß in einem der dunklen Holzregale, die die Wände hinter dem Tresen verdeckten, auf den Stoffballen und beobachtete, wie Otto die Rollen auf dem großen Verkaufstisch ausbreitete und mit einem langen Holzstab, der als Maßband diente, die gewünschte Länge abmaß. Sie atmete den Duft der Wolle ein, lauschte den Gesprächen, die Berta mit den Kundinnen führte und besah sich die Zeichnungen in den Modejournalen. Sie liebte das Klingeln der kleinen Glocke an der Tür des Ladens, das Kommen und Gehen der Kunden, die Ladentür erschien ihr wie das Tor zu einer fremden Welt, durch das die Menschen in ihren kleinen Kosmos eintraten und wieder verschwanden. Frauen in bauschigen Röcken mit schmal geschnürter Taille, die Handschuhe trugen auch wenn es nicht kalt war und Männer, die mit ernstem Gesicht und Händen ohne Schwielen den Stoff für eine neue Hose prüften. Sie war es nicht gewöhnt, so vielen fremden Menschen zu begegnen, doch die anfängliche Scheu legte sich schnell. Die Tage vergingen im immer gleichen Rhythmus, die Arbeit wurde unterbrochen von Mahlzeiten, die schweigend in dem großen Esszimmer eingenommen wurden. Berta regierte über den Haushalt und ihren Ehemann und auch Rosa hatte sich zu fügen. An den Nachmittagen war Otto alleine im Geschäft und Berte widmete sich mit Inbrunst Rosas Erziehung. Sie fütterte sie mit ihren Lebensweisheiten und war fest entschlossen, aus Rosa das Kind zu formen, das sie gehabt hätte, wenn sie je schwanger gewesen wäre.
„Wenn du etwas werden willst im Leben, musst du nach Amerika gehen“, pflegte sie zu sagen. „In Amerika kann unsereins noch etwas werden. Da gibt es keinen Kaiser, der über seine Untertanen bestimmt wie es ihm gefällt.“ Sie war keine Anhängerin der herrschenden Verhältnisse und vom Kaiserreich hielt sie gar nichts. Ihre wahre Tragödie war ihr Geschlecht, sie wusste das und machte immer wieder eine Bemerkung darüber, die Rosa nicht verstand. Aber sie lernte, dass Männer über Frauen bestimmen, sobald man sich ihnen durch Heirat ausliefert und dass eine Frau nur selbstbestimmt leben kann wenn sie alleine bleibt.
„Aber du hast doch auch den Onkel Otto geheiratet, Tante“ sagte Rosa.
„Ja, mein Kind, das habe ich. Aber da war ich schon was. Haste was dann biste was. Und ich habe Geld mitgebracht aus Amerika. Wenn du etwas werden willst, musst du einmal nach Amerika gehen, Rosa. In Amerika gibt es Häuser, die haben zwölf Etagen oder mehr. Alles ist groß und weit und wer fleißig ist kann auch sein Glück machen.“
Rosa sah Berta mit großen Augen an.
„Wo ist denn Amerika?“ fragte sie.
„Weit weg, man muss mit einem Schiff über das Meer fahren, das dauert sechs Wochen“, sagte Berta. „Die Passage ist teuer, da musst du vorher tüchtig arbeiten und sparen, damit du dir die Fahrkarte kaufen kannst.“
„Ich will auch nach Amerika gehen, Tante“, Rosa machte ein ernstes Gesicht.
„Dann musst du immer fleißig sein,“ sagte Berta und sah Rosa streng an. „ Und deshalb wirst du jetzt Handarbeiten lernen. Ein Mädchen ist nie ohne Handarbeit.“
Berta ging zu ihrem Nähkästchen und holte eine Häkelnadel und ein Knäuel Wolle.
„Wir fangen mit Häkeln an. Schau her, so macht man Luftmaschen.“ Sie nahm Rosas kleine Hände, wickelte ihr den Faden um die Finger der linken Hand und führte die rechte Hand. Wieder und wieder musste Rosa es versuchen bis sie verstanden hatte wie sie die Hände und das Garn halten musste. Jedes Mal war Berta unzufrieden mit dem Ergebnis, nahm Rosa das gehäkelte Band aus unförmigen Luftmaschen ab und zog die Arbeit wieder auf.
„Das ist nicht gut Rosa, das musst du nochmal machen.“
Und Rosa fügte sich und übte. Sie wollte fleißig sein und eiferte bald in allem Berta nach. Sie lernte Häkeln und einige Monate später auch das Stricken. Bertas Leidenschaft für, akkurat gefertigte, Handarbeiten war eine Passion, die beide zu Lebzeiten verbinden würde. Rosa konnte ganz in ihrer Arbeit aufgehen und dabei die Welt um sich vergessen. Berta, die eher kurz angebunden war, konnte sich doch nicht beherrschen, als sie sah, wie begabt Rosa war und wie schnell sie lernte. Deshalb ließ sie sich, ganz gegen ihre Gewohnheit, immer wieder zu Lob hinreißen. Rosa, die so viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt war, sah zu Boden und strengte sich dann noch mehr an. So zogen die Monate ins Land, Weihnachten stand vor der Tür und Rosas Erinnerung an ihre Familie begann zu verblassen.

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