Rosas Reise (6)

Anna (3)

Während ich die Fliege ermordet und das Tischtuch geschrubbt hatte saß Thomas da und schwieg. Ich konnte seinen inneren Drang aufzustehen und zu verschwinden fast körperlich spüren. Irgendwann war ich mit meinem stummen Monolog fertig und wandte mich wieder an ihn.
„Wer ist es?“
„Das ist doch egal.“ Sein Ton war barsch, er wollte nichts preisgeben. Aber ich hatte eine Ahnung, eine plötzliche Erleuchtung.
„Es ist die Tochter deiner Galeristin, stimmt`s? Natürlich, sie ist es – „ Thomas holte Luft und wollte mir ins Wort fallen aber ich war schneller. „Du brauchst nichts mehr zu sagen, ich weiß es ohnehin schon.“
Plötzlich passten alle Indizien zusammen. Je mehr der Verdächtige sich auf seinem Stuhl wand desto sicherer war ich, dass ich mit meiner Vermutung recht hatte.
„Es ist unfassbar“, sagte ich. „ Lief das schon als ich sie getroffen habe? Habt ihr da schon heimlich über mich und meine Blödheit gelacht?“
Ich wusste dass ich unsachlich wurde aber ich konnte nicht anders. Und es war mir auch egal. Wen interessierte es jetzt noch was für ein Bild ich abgab? Der Mann, der mir da gegenüber saß, hatte mich ja ohnehin schon abgeschrieben, da brauchte ich mich jetzt auch nicht mehr anzustrengen und mich von meiner besten Seite zeigen.
„Du musst das sofort beenden“, scheinbar gab es noch einen wahnwitzigen Teil in mir, der an dieser Ehe festhalten wollte. „Ich eigne mich nicht zur Zweitfrau.“
„Wenn du von mir verlangst, dass ich sie nicht mehr sehe dann werde ich dich dafür hassen.“
Aus welchem schlechten Film war dieser Dialog geklaut? Ich starrte ihn an.
„Dann ist ja alles klar“, sagte ich. „Dann gibt es kein Zurück mehr.“
Im selben Moment als ich es sagte wurde mir klar, was das bedeutete. Ich war eine verlassene Ehefrau. Ich, die seit dem Moment, als wir uns kennengelernt hatten, keinen anderen Mann angesehen hatte. Ich hätte ihn nie betrogen, das ist nicht mein Stil. Ich kann nicht lügen, bin für klare Verhältnisse, auch wenn es wehtut. Die Wahrheit, auch wenn sie schwer zu ertragen ist, war mir immer lieber als angelogen zu werden oder lügen zu müssen.
Thomas schien erleichtert. Ich hatte in diesem Spiel die schlechteren Karten, das stand fest. Vor allem hinkte ich seinem Aggregatzustand fünf Jahre hinterher. Fünf Jahre, in denen er sich Stück für Stück von mir entfernt hatte während ich an dem, was war, unerbittlich festhielt. Während er bereits unten an der Treppe angekommen war ging ich erst oben durch die Tür. Er hatte den Hauptfilm schon zu Ende geschaut und seine Popcorntüte weggeworfen während ich noch bei Werbung und Trailer war. Mein Film zeigte mir, dass wir eine schwierige Phase hatten, aber das würde wieder besser werden. Irgendwann kam das Happy End, davon war ich überzeugt gewesen. Es gab so vieles, was erst einmal besser werden musste, und wenn das alles gut war würde die Beziehung von selber wieder funktionieren. Jetzt war klar, dass nichts jemals wieder so werden würde wie es war.
Fragmente von Erinnerungen blitzten auf in meinem Kopf, wie in einem schnellgeschnittenen Film jagte eine Szene die nächste. Unser Hochzeitsfest, die wunderbare Rede meines Vaters, die Geburt unseres Sohns, die Wiese mit dem Apfelbaum vor dem Fenster des Kreißsaals, Thomas wie er das Skifahren lernte, weil ich eine begeisterte Skifahrerin bin, eine Reise nach Wien, als er dort noch studierte – ich ließ die Bilder an mir vorüberziehen und spürte wie ich anfing zu weinen. Das hatte ich nicht gewollt, ich wollte doch cool bleiben, ich wollte nicht die trauernde Verlassene geben in diesem Stück. Die Tränen liefen mir über das Gesicht, während ich die Augen geschlossen hatte und den Film über unser gemeinsames Leben sah. Es ist ein Klischee, dass Männer nicht sehen können, wie eine Frau weint. Vermutlich können sie es dann nicht ertragen, wenn sie wissen, dass sie die Frau zum Weinen gebracht haben, wenn das eigene schlechte Gewissen dazu kommt. Thomas fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Wir kannten uns ja so gut, ich konnte es spüren, wie er sich innerlich wand und sich am liebsten in Luft aufgelöst hätte. Aber das konnte ich ihm jetzt nicht ersparen. Ich hatte das Gefühl, neben mir zu stehen und mich zu beobachten, wie ich da saß, eine heulende Frau Anfang fünfzig, die Wimperntusche in Schlieren unter den Augen, in Jeans und Pulli, alles andere als reizvoll.
„Und was wird jetzt aus mir? “ hörte ich mich fragen. „Ich bin 52, mich schaut doch keiner mehr an!“
Das war meine Realität. Film Noir, kein Happy End. Die Angst, alleine zu bleiben, keinen Menschen zu haben, der mir vertraut ist, mit dem ich alt werden kann. Natürlich war das völlig übertrieben aber diese Angst war da und sie füllte meine Zukunft aus bis an den Horizont.
„Wir werden das nicht kommunizieren.“ So langsam kam ich wieder in der Wirklichkeit an und damit auch bei unserem gemeinsamen Kind. Plötzlich war es mir nicht mehr wichtig, was mit mir sein würde, wie aus dem Nichts war da eine Trauer in mir, weil ich meinem Sohn keine heile Familienwelt würde erhalten können. Diese Erkenntnis traf mich viel härter. Ich fühlte mich schuldig, ich hatte versagt.
„Wir werden das nicht kommunizieren“, wiederholte ich. Und der Satz wurde zu meinem persönlichen Mantra. Ich wollte den Schein unbedingt wahren. Weder unser Sohn noch meine Familie oder unsere Freunde sollten davon etwas erfahren. Ich schämte mich weil mir so etwas passiert war. Ich so dumm und naiv gewesen war, diesen jahrelangen Betrug nicht mitzubekommen. Ja, ich schämte mich. Es war mir peinlich, es kratzte an meiner Ehre. Es war eine Niederlage, mit der ich nicht umgehen konnte. Ich bezog alles auf mich, suchte nach Fehlern, fühlte mich plötzlich alt und hässlich. Die einzige Person, die ich einweihte, war meine älteste Freundin Elena. Wir kennen uns fast unser ganzes Leben und es gibt wahrscheinlich auf diesem Planeten keinen Menschen, der mich so gut kennt wie sie. Unser gemeinsamer Wahlspruch ist „ein Leben ohne beste Freundin ist zwar möglich aber sinnlos“.
Niemand sonst, nicht einmal meine Schwester, erfuhr von diesem Ereignis, das ich als persönliche Niederlage verbuchte. Thomas und ich trafen eine Vereinbarung und ich deckte ihn wenn er zu seiner Freundin, Geliebten was auch immer sie war, fuhr. Ich war tatsächlich in den ersten Wochen der Meinung, wir könnten diesen Status Quo noch drei Jahre bis zum Abitur unseres Sohnes aufrechterhalten. Ich litt, allerdings brauchte ich keine Schlafmittel. Wenn es etwas gibt, was ich immer kann, dann ist es schlafen. Das hat mich vielleicht gerettet. Ich konnte mich abends alleine ins Bett legen und schlafen, meistens traumlos, bis zum nächsten Morgen. Ich stand auf, machte Frühstück für unseren Sohn Adrian, ging in mein Büro und arbeitete. Telefonierte mit Kunden, schrieb Rechnungen, tat das, was ich immer tat. Thomas tauchte ab in sein Atelier und wenn er in meine Nähe kam konnte ich ihn nicht ertragen. Er fing an mich zu nerven.
„Musst du immer alles liegen lassen?“
„Räum doch deinen Mist mal weg!“
„Du hast schon wieder das Licht die ganze Nacht angelassen!“
Und im nächsten Augenblick war ich traurig, sentimental und weinte. Diese ersten Wochen nach der Aussprache waren ein Höllentrip. Äußerlich ließ ich mir nichts anmerken, ich machte alles mit mir selbst aus. Eine Woche nach dem Supergau fuhr ich zu einem Seminar an den Bodensee. Die Aussicht, das ganze Wochenende weg zu sein, war berauschend. Ich würde auf diesem Seminar meinen Freund Julian treffen, dem ich bereits per Email folgendes mitgeteilt hatte:
„Lieber Julian, bitte bring eine Flasche Champagner und eine Packung Kleenex mit. Ich muss dir etwas erzählen.“
Wir hatten eine kleine Ferienwohnung in Konstanz gemietet, zwei Schlafzimmer, Küche Bad und ein gemütliches Wohnzimmer mit Schwedenofen. Ich holte Julian am Flughafen in Friedrichshafen ab und tatsächlich packte er eine Flasche Champagner und eine Packung Kleenex aus, als wir in der Wohnung vor dem prasselnden Kaminfeuer saßen. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte, emotionslos, abgeklärt. Ich trank den Champagner aber die Kleenex kamen nicht zum Einsatz. Ich war wie betäubt. Seine erste Reaktion war:
„Schmeiß den Typen raus!“
Ein Ratschlag, den ich in den kommenden Monaten noch öfter hören würde.
Das war etwas, was in meiner Wirklichkeit so unvorstellbar war wie ein Tsunami im Bodensee. Wie sollte das gehen? So wie in den Filmen, wo die betrogene Ehefrau Klamotten, Schuhe und Computer aus dem Fenster auf die Straße wirft? Diese Art Melodrama liegt mir nicht.
Außerdem waren da ja auch noch irgendwelche, mittlerweile diffusen Gefühle. Ich habe diesen Mann geliebt. Hätte ich mich an Jesus Christus gehalten, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen „Liebe deinen Nächsten wie die selbst.“ Wie dich selbst. Das hatte ich vergessen. Ich habe ihn mehr als mich selbst geliebt. Oder andersherum: ich habe mich selbst nicht so geliebt wie ich ihn liebte. Jetzt saß ich da mit meiner Liebe, die keine Antwort mehr bekam, die in einen Raum ohne Echo hineinrief und mir blieb nur eines übrig: mich auf die Liebe zu mir selbst zu besinnen. Und dann bekam ich den Karton mit Rosas Nachlass. „… habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben?“ Nun, es war noch nicht zu spät. Ich konnte nochmal von vorne anfangen. Jetzt würde ich mein Leben für mich passend machen. Eines wusste ich schon: ich würde versuchen herauszufinden, was Rosa in Amerika erlebt hatte. Wer dieser unbekannte Mann war. Plötzlich hatte ich wieder ein Ziel, eine Aufgabe, die ganz die meine war. Niemand würde mich davon abhalten, ich war wie besessen von der Idee.

Ein Gedanke zu „Rosas Reise (6)

  1. Die Geschichte geht so unter die Haut.

    Und ja, Frauen haben oftmals gute Antennen, wären da nicht die Lügen, die aus der inneren Gewissheit Selbstzweifel produzieren.

    Es ist so wie Du schreibst, nach solch einer Erfahrung ist ein neues Ziel wichtig. Eine Aufgabe.

    Gefällt 1 Person

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