Rosas Reise (5)

Anne (2)
Es war, als ob Rosas Geschichte etwas in mir in Gang gesetzt hätte. Immer wieder nahm ich die Seite heraus, die sie kurz nach ihrem achtzigsten Geburtstag geschrieben haben musste. Immer wieder las ich ihre Worte und es kam mir vor, als enthielten sie eine Botschaft für mich, den Auftrag, es besser zu machen.
Es sind im Leben ja oft die vermeintlichen Zufälle, die dem eigenen Schicksal eine neue Richtung geben. Wie ein Schubs, der einen aus der eingeschlagenen Spur schiebt und so zu einer neuen Perspektive verhilft oder Dinge in Bewegung setzt. Vielleicht ist es aber tatsächlich so, dass man die Menschen und Situationen anzieht, die einem helfen, dahin zu kommen wo man hinmöchte. Rosas Botschaft erreichte mich zu einem Zeitpunkt, an dem ich auf dem besten Wege war, mich für andere und das Aufrechterhalten einer heilen Welt, die keine mehr war, aufzugeben. Wenige Wochen zuvor waren die Kulissen meiner Familienidylle zusammengestürzt und hatten sich als das entpuppt, was sie gewesen waren: potemkinsche Dörfer. Mein persönlicher Supergau war an einem Oktoberabend eingeleitet worden, der unspektakulär begann. Doch an diesem Abend schlich sich die Katastrophe an und als ich am nächsten Morgen aufstand hatte sie es sich bereits in meinem Leben gemütlich gemacht ohne dass ich es bemerkt hatte. Mein alter Freund Martin war zu Besuch bei seinen Eltern und wir wollten uns endlich mal wieder treffen und ausführlich reden. Seit er in Hamburg wohnte sahen wir uns nur noch sehr selten und wir freuten uns beide auf das Wiedersehen. Es war ein milder Abend, wir saßen auf meiner Terrasse bei einem Glas Rotwein und sahen der Sonne zu wie sie hinter dem Wald verschwand. Bei mir gab es nicht viel zu erzählen, alles war wie immer. Martin hatte mir schon am Telefon angedeutet, dass etwas passiert sei und ich hatte das Gefühl, er wollte es loswerden.
„Was ist los,“ sagte ich, „erzähl, ist etwas mit deinen Eltern?“ Martins Vater hatte einen Schlaganfall gehabt und ich wusste, dass die Genesung sehr langsam voranging und Martin sich große Sorgen gemacht hatte.
„Nein, es geht beiden soweit gut. Bei meinem Vater hat sich viel getan, er kann wieder laufen, zwar mühsam mit Gehhilfe, aber es wird jeden Tag besser.“
Ich war erleichtert. Die Sorge um die Eltern war etwas, was meine gleichaltrigen Freunde und mich immer mehr beschäftigte. Die Kinder waren selbständig und forderten uns nicht mehr so wie die Jahre davor, aber jetzt kamen Krankheit und Hinfälligkeit der Eltern als neue Aufgabe hinzu, die wir meistern mussten.
Martin holte tief Luft, offensichtlich kostete es ihn einige Überwindung, mir zu erzählen was ihm auf der Seele brannte.
„Sandra hat einen anderen,“ sagte er mit einer Spur Bitterkeit in der Stimme.
Ich war völlig überrascht von dieser Eröffnung und zunächst wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte.
„Woher weißt du das? Bist du dir sicher? “ ich konnte mir das nicht recht vorstellen.
„Ja, ich bin sicher. Ich habe vor ein paar Tagen ihr Handy in der Hand gehabt, sie hatte 180 SMS von einem Typen namens Thorsten drauf. Solche Sachen wie `ich vermisse dich`, ìch würde dich jetzt gerne und küssen und so weiter.“
„Du kontrollierst ihr Handy?“ Ich war erschüttert; tat aber so als ob ich das amüsant finden würde.
„Ach, eigentlich ist das nicht mein Ding aber ich war so hilflos – seit Monaten spüre ich, dass etwas nicht stimmt aber wenn ich sie frage, was los ist weicht sie aus -“, Martin war außer sich, das spürte ich.
„Bestimmt sagt sie: es ist nichts, alles ist gut, stimmt`s?“
„Ja genau. Sie streitet alles ab. Aber jetzt habe ich den Beweis.“
„Und, hast du sie schon damit konfrontiert?“
„Nein“ er holte tief Luft.“ Ich kann nicht.“
„Wie, du kannst nicht – sie betrügt dich offensichtlich! Das kannst du doch nicht so hinnehmen!“
Jetzt war ich diejenige die lauter wurde.
„Ich kann nicht mit ihr darüber sprechen, ich habe Angst, vor der Wahrheit. Angst, dass sie mich verlassen könnte. Ich leide. Du kannst dir das nicht vorstellen, wie ich leide. Ich kann nicht mehr schlafen, ohne zwei Tabletten jede Nacht komme ich gar nicht erst in den Schlaf, und trotzdem schlafe ich nie mehr als drei, vier Stunden. Ich bin manchmal zu nichts zu gebrauchen.“
Ich drehte mein Weinglas zwischen den Fingern, sah Martin an und konnte es nicht fassen. Er saß da, mit eingezogenen Schultern, wie ein Häuflein Elend. Martin war so ein selbstbewusster Mann, er hatte so viel Charisma. Schon zu unserer Schulzeit, denn so lange kannten wir uns, war er in unserer Kleinstadt etwas Besonderes gewesen. Ich konnte es nicht fassen, dass eine Frau ihn so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Ich reichte ihm sein Glas und stieß mit ihm an.
„Kopf hoch, Martin. Du bist so ein großartiger Mensch. Wenn Sandra das nicht erkennt, dann ist ihr nicht mehr zu helfen.“
Es war leicht dahingesagt, das wusste ich, aber etwas Besseres fiel mir einfach nicht ein. Martin lächelte gequält und trank einen Schluck Wein. Wir stellten unsere Gläser ab und schwiegen, es war, als würde das, was Martin mir da erzählt hatte, jetzt langsam in unser Bewusstsein sickern. Ich kenne das, solange man Dinge mit sich selber ausmacht sind sie nicht so wirklich und real wie in dem Moment, wenn man darüber spricht. Es zum ersten Mal ausspricht – es ist als würde man damit das manifestieren, was zuvor nur ein Gedanke war, es in die Wirklichkeit hereinholen, und nie wieder loswerden. So ging es uns beiden jetzt, wir staunten über das, was er da gesagt hatte und das Gesagte wurde zur Wirklichkeit. Martin starrte schweigend vor sich hin. Das was zwischen Sandra und Martin passierte betrachtete ich jetzt aus der Distanz, wie ein unbekanntes Insekt, das man versucht in eine Kategorie einzusortieren. In einem entfernten Winkel in mir lauerte jedoch die Erkenntnis, dass ich das auch kannte. Die Frage „was ist los?“ weil man spürt, dass etwas nicht stimmt, dieses diffuse Gefühl einer sich anbahnenden Katastrophe – und auch die immer wiederkehrende Antwort „es ist nichts.“ Das Gespräch mit Martin war das Streichholz an einer Lunte, deren Sprengkörper in meinem Leben wie ein Blindgänger gelauert hatte. Jahrelang lag er da und nichts war passiert. Jetzt war Martin derjenige, der, ohne es zu wissen und völlig absichtslos, die Lunte in Brand gesteckt hatte.
Als ich mich an diesem Abend ins Bett legte konnte ich lange nicht einschlafen. Martins Geschichte ging mir nicht aus dem Kopf. „Eigentlich könnte das auch meine Geschichte sein,“ dachte ich. Und mit diesem Gedanken öffnete ich der Katastrophe die Tür. Sie zog bei mir ein. Ihr erster Auftritt war am nächsten Morgen als ich beschloss ohne Ankündigung und ohne Plan B reinen Tisch zu machen. Auch ich hatte mir jahrelang den Satz „es ist nichts“ angehört. Jetzt wollte ich endlich die Wahrheit hören. Als wir mit einer Tasse Kaffee am Esstisch saßen stellte ich mir vor ich säße in einem Verhörzimmer, eine Szene die ich aus diversen Krimis kannte. Ein Tisch, zwei Stühle die sich gegenüber stehen, ein Aufnahmegerät und eine Kamera, die das Gespräch aufzeichnet.
Ich schaltete das imaginäre Aufnahmegerät ein und begann mit der Befragung des Verdächtigen.
„Heute ist der 10. Oktober 2013, 10 Uhr 15. Anwesend sind Kriminalkommissarin Ina M.. und der Verdächtige Thomas M..“
Leider konnte ich nicht die übliche Frage stellen: „wo waren Sie in der Nacht zum…“ und so weiter. Es gab ja keinen konkreten Fall. Da war nichts weiter als dieses Gefühl. Eine Ahnung, die am Abend zuvor durch das Aussprechen Zugang zu meiner Wirklichkeit bekommen hatte. Oder einfach das Öffnen der Büchse der Pandora, in die ich all die Nächte eingeschlossen hatte, in denen ich alleine im Bett lag und mich fragte wo mein Mann war. Die Nächte, in denen ich um drei Uhr morgens aufgewacht war, weil das Bett neben mir immer noch leer war. Ihm eine SMS geschrieben hatte, weil er das Telefon nicht abnahm. Die Antwort bekommen hatte dass er gleich losfahren würde. Und als er nach einer Stunde immer noch nicht da war weitere fadenscheinige Erklärungen via SMS in Kauf genommen hatte. Den Inhalt dieser Büchse konnte ich jetzt nicht auf den Tisch kippen, der Tisch wäre zweifellos zusammengebrochen. Also tastete ich mich auf Zehenspitzen an das Thema heran. Umkreiste es weiträumig, zog den Kreis immer enger bis ich Thomas soweit hatte dass er mir in die Augen sehen musste – und auch der Wahrheit.
Und dann kann die Antwort, mit der ich nicht gerechnet hatte.
„Ich habe mich verliebt. Sie ist die Liebe meines Lebens.“
Treffer, versenkt. Das saß. Da dachte ich doch immer, ich wäre ich wäre die Liebe seines Lebens. Die Katastrophe saß mit am Tisch und grinste mich an.
Der Verdächtige gab zu, weitere Leichen im Keller zu haben, Mein imaginäres Vernehmungsprotokoll erfasste fünf Jahre Ehebetrug mit diversen Frauen. Die Identität dieser Personen wollte der Verdächtige nicht preisgeben, das war für den momentanen Stand der Ermittlungen auch irrelevant. Als der Verdächtige sich in Gefühlsduseleien erging schaltete sich das Aufnahmegerät von selbst ab.
Ich heftete meine Notizen an eine unsichtbare Pinnwand und zog meine Schlüsse. Mit dieser Aussage konnten einige ungeklärte Ereignisse der Vergangenheit nachvollzogen werden. Es kam langsam Licht in diesen Fall, auch wenn der Verdächtige so tat, als ob er nichts dafür konnte, dass es so weit gekommen war (Es ist Schicksal. Wir sind füreinander bestimmt) so war es doch offensichtlich, dass er aus freien Stücken und in vollem Bewusstsein gehandelt hatte. Er war in vollem Umfang schuldfähig. Die Anklage konnte bei der Staatsanwaltschaft eingereicht werden und ich war sicher, der Staatsanwalt würde die Höchststrafe fordern.
Die Zeit sickerte vor sich hin, aus dem Morgen war plötzlich Mittag geworden, ohne dass ich es realisiert hatte. Eine Mücke umkreiste meinen Kaffeebecher und ich konzentrierte mich auf ihr Brummen und wartete auf eine Gelegenheit, sie mit der Zeitung zu erledigen. Aber sie entwischte mir immer wieder, setze sich an anderer Stelle auf dem Tisch hin und grinste mich an. Irgendwann wurde sie aber unvorsichtig und ich erwischte sie auf dem Deckel des Marmeladenglases. Ihr zermatschter kleiner Körper verschaffte mir etwas Befriedigung. Vielleicht hätte ich Thomas in diesem Moment auch gerne mit der zusammengefalteten Zeitung auf den Kopf gehauen – vielleicht hätte ich auch einfach gerne geschrien, ihn angeschrien, die ganze Welt, mein Schicksal, Gott, das Universum – es musste doch irgendeine Instanz geben, die ich für diese schreiende Ungerechtigkeit verantwortlich machen konnte! Stattdessen blieb ich äußerlich völlig ruhig, nahezu tiefenentspannt, es war ein Gefühl als ob ich zwei Wesen wäre, ein inneres, das schrie und ein äußeres, das schwieg. Ich starrte auf die Leiche der Fliege und hatte ein schlechtes Gewissen. Dann entdeckte ich einen Marmeladenfleck auf dem Tischtuch, ging in die Küche, holte ein feuchtes Tuch und versuchte den Fleck aus dem Tischtuch zu reiben. Aber es blieb ein verwischter roter Punkt zurück. Das erschien mir wie eine Metapher für das, was mir gerade passierte. Auch wenn ich noch so sehr versuchen würde, diesen Vertrauensbruch auszuradieren, es würde ein Rest zurückbleiben, der nie verschwinden würde. So wie die Flecken, die auch nach wiederholtem Waschen nicht mehr weggehen, zwar immer mehr verblassen aber wer weiß, wo der Fleck war, kann ihn auch sehen wenn nur noch eine Ahnung davon da ist.

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