Rosas Reise (4)

Anne

Als meine Großmutter starb war ich zwanzig Jahre alt. Sie war eine kleine drahtige Person, zäh und voller Energie. Sterben war etwas, das irgendwie nicht zu ihr passte. Es berührte mich, dass sie alleine im Krankenhaus gestorben war, aber ich war in dieser Zeit so sehr mit mir selbst und den Schmerzen des Erwachsenwerdens beschäftigt, dass ich den Tod meiner Großmutter erlebte wie eine Bahnstation an der der Zug nicht anhält. Man sieht Bänke, Anschlagtafeln, Menschen, aber alles bleibt seltsam vage, wie ein Aufblitzen, das keine Erinnerung hinterlässt.
Sie war ein Teil meines Lebens gewesen, es war seltsam, dass sie nun verschwunden sein sollte, lautlos. Die Lücke, die sie hinterließ, tat sich erst viele Jahre später auf, als ich begann in ihr Leben einzutauchen und sie nichts mehr fragen konnte. Sie schien mir wie eines dieser Vexierbilder zu sein, die deine Sinne täuschen und dir einmal eine alte Frau zeigen und dann eine junge Frau mit keckem Federhütchen. Es kommt nur darauf an, wie man das Bild betrachtet und worauf man seinen Fokus richtet. Als sie noch lebte hatte ich immer die alte Frau gesehen, verrückt nach Amerika, verbittert über ihr Leben und unglücklich verheiratet. Doch je mehr ich von ihrem Leben erfuhr desto klarer wurde das andere Bild – da war auch die junge Frau mit dem Hütchen.
Was nimmt man wahr, wenn man seine Eltern, seine Großeltern sieht? Nur die Gegenwart. Die Vergangenheit bleibt ein unbekanntes Land, wenn sie dich nicht einladen, sie dorthin zu begleiten.
Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, dass meine Oma Rosa, wie ich sie immer nannte, auch einmal jung war. Eine junge Frau, voller Sehnsüchte und Träume, deren Leben begann lange bevor ich sie das erste Mal wahrgenommen hatte.
Meine Mutter hatte mir nach dem Tod meines Vaters eine angestaubte Kiste überreicht.
„Ich glaube, das sind Fotos und Briefe von Rosa,“ sagte sie. „Ich habe das alles im Büroschrank deines Vaters gefunden und ich finde, du solltest es bekommen.“
Damit fing alles an. Ich setzte mich an einem regnerischen Sonntag im Herbst mit der Kiste auf das Sofa und nahm den Deckel ab, den Papierkorb bereits griffbereit. Denn es war völlig klar, dass ich das, was ich hier finden würde zwar anschauen und eventuell auch lesen, aber sicherlich nicht aufbewahren würde. Ich gehöre zu den Menschen, die regelmäßig Dinge entsorgen die keinen Nutzen mehr haben um Platz für anderes zu schaffen. Jetzt war da also dieser staubige Karton und sein noch ungeklärter Inhalt, das sollte zwischen Mittagessen und Tatort zu schaffen sein. Ich nahm die vergilbten Schwarzweißfotos, die oben lagen, heraus und sah sie durch. Teilweise erkannte ich meine Großtanten neben meiner Oma, aber viele Gesichter, vor allem auf den älteren Fotos, waren mir unbekannt. Es folgte ein schmales Fotoalbum, das offensichtlich Bilder ihrer Jahre in Amerika enthielt.
Ich schlug das Album auf und fand ein dicht beschriebenes Blatt weißes, liniertes Papier, es musste neueren Datums sein. Ich faltete es auseinander und begann zu lesen.

Je weniger mein Körper sich bewegt umso mehr reisen meine Gedanken, meistens in die Vergangenheit. Ist das eine schlechte Angewohnheit alter Leute, weil einfach mehr Zeit hinter ihnen liegt als sie noch vor sich haben? Mein aktuelles Lebensgefühl blende ich meistens aus, lieber lasse ich mich hemmungslos fallen in die Erinnerung an die Zeit als ich jung war. Ich wende mich nach innen, lausche einem fernen Ton, leise, konzentriert. Ich suche nach diesem einen Ton, der irgendwo in mir, konserviert seit Jahren, jetzt immer leiser klingt. Ich kann dann sogar meinen Blick nach innen richten, solange bis ich diesen Ton gefunden habe, und dann folge ich ununterbrochen seiner Spur in meinem Inneren. Ich liebe diese Reisen durch meine Archive, wie ich das nenne. Ich sitze mit geschlossenen Augen da und lausche nach innen. Das klappt überall. In der Kirche ebenso wie beim Altennachmittag oder bei einem langweiligen Familienfest. Meine inneren Reisen haben dazu geführt, dass meine Familie sich mit dem Rest der Welt einig darüber ist, dass mein Geisteszustand nicht mehr der beste sei. Es scheint mir, dass wir alle in derselben Situation sind: wir sitzen die Zeit bis zu meinem Ableben aus und versuchen das Beste daraus zu machen. Für meine Familie bin ich eine alte verbitterte Frau, launisch und kratzbürstig. Ich befürchte, das trifft mein äußeres Bild ziemlich genau. Leider bin ich nicht in der Lage und vielleicht auch nicht willens mein Innerstes nach außen zu kehren. Ich wollte nie etwas von mir preisgeben, das gebe ich zu. Wenn ich heute in den Augen meiner Familie als absonderlich und launisch gelte, dann stört mich das nicht weiter. Es ist kein Grund, mein Schicksal vor ihnen auszubreiten wie ein unberührtes Laken, auf dem ihre Kommentare schmutzige Spuren hinterlassen. Ich werde nicht der erste Mensch sein, der seine Geheimnisse mit ins Grab nimmt und auch nicht der Letzte. Und dass es damit nicht mehr lang dauert, das spüre ich. Der Krebs, der angeblich ein Magenleiden ist, frisst sich unaufhörlich voran. Ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde? Ich glaube es nicht.
Meine Familie hat gemeinsam mit meinem Arzt entschieden mich in dem Glauben zu lassen, meine Magenbeschwerden seien die Folgen eines harmlosen Magengeschwürs. Wie immer so griff auch hier das Vorurteil, dass mit zunehmendem Alter nicht nur die Haare weniger werden sondern automatisch auch die Gehirnleistung. Auch wenn es auf manche Menschen zutreffen mag, auf mich trifft es ganz gewiss nicht zu. Ich würde sogar behaupten, dass das Alter meinen Scharfsinn noch verstärkt. Ich jedenfalls lasse mich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln. Schließlich ist es mein Körper, meine Krankheit und meine Lebenszeit. Ich habe mir daher eine zweite Meinung eingeholt. Bei einem Arzt, der als gnadenlos offen gilt und deshalb bei sensiblen Menschen keinen guten Ruf genießt. Für mich ist er genau der Richtige. Er hat mir schonungslos eröffnet dass ich wohl noch ein Jahr zu leben hätte, im Höchstfall. Da ich nicht an Wunderheilung glaube habe ich ihn um ein Rezept für starke Schmerzmittel gebeten und mich für seine Offenheit bedankt. Dieser Arzttermin fand drei Tage vor meinem achtzigsten Geburtstag statt. Die Familie hatte sich für meinen Ehrentag mächtig ins Zeug gelegt. Ich wurde zum Essen ausgeführt und man trug launige Gedichte vor. Ich machte gute Miene und sah verstohlen auf die Uhr. Nach dem Dessert stand ein Spaziergang an und aus Rücksicht auf mein fortgeschrittenes Alter fiel dieser recht kurz aus. Danach kam das Beste, der Nachmittagskaffee. Ich liebe Kaffee, also trank ich mehrere Tassen, schloss dann hellwach die Augen und begab mich in mein Archiv. „ Die Oma Rosa schläft wieder,“ hörte ich meine Enkelin flüstern. Wenn die Leute wüssten, wie einfach es ist, seine Ruhe zu haben wenn man sich – gekonnt – schlafen stellt, würde das zur allgemeinen Disziplin werden. Ich saß also mit geschlossenen Augen auf meinem Stuhl und hörte nur noch Gesprächsfetzen und irgendwann gar nichts mehr. Stattdessen fragte ich mich ernsthaft, ob ich nach meiner Rückkehr aus Amerika jemals wieder glücklich gewesen war. Mein Leben war an mir vorbeigezogen wie die Landschaft, die man aus dem Zugfenster betrachtet. Es gibt Berge und Täler, schöne und weniger schöne Abschnitte. Manchmal denkt man, hier ist es schön, hier würde ich gerne länger bleiben, aber der Zug rast weiter. Leute steigen ein und steigen aus, setzen sich neben dich, auch wenn du sie nicht magst. Und andere, die du viel lieber in deinem Abteil hättest, finden dann keinen Platz mehr. Die Fahrkarte durch das Leben ist jedenfalls nur eine einfache, ein Zurück gibt es nicht. Mein Zug hat wohl nicht mehr allzu viele Stationen vor sich, bald kommt der große Tunnel, der hoffentlich ins Licht führt. Obwohl ich in einer sehr pietistischen Familie aufgewachsen bin hielt sich meine Religiosität immer in Grenzen. Diesem zur Schau stellen des eigenen Glaubens, das so gerne von meinen Schwestern praktiziert wurde, konnte ich nie etwas abgewinnen. Ich war mein Lebtag nur bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Taufen in der Kirche, das hat mir genügt. Der Herrgott hat sich seinen Spaß mit mir erlaubt, meiner Meinung nach sind wir quitt, ich bin ihm nichts mehr schuldig. Meine Enkelin Anne hängt der Theorie an, dass alles, was einem im Leben zustößt, Schicksal ist und als Prüfung angesehen werden muss, die es zu bestehen gilt. Wenn dem so wäre, habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben? Jetzt sitze ich hier am Fenster einer altersgerechten Erdgeschosswohnung und fahre auf meinen Erinnerungen Karussell bis mir schwindlig wird und ich mich an den Armlehnen meines Sessels festhalten muss. Ab und zu hole ich das Foto des einzigen Mannes hervor, den ich je geliebt habe und frage mich was aus mir geworden wäre,

Hier war die Seite zu Ende. Ich legte das Blatt neben mich und suchte nach der Fortsetzung, aber ich fand leider nichts. Ich war sprachlos. Viel mehr als das Geheimnis um den unbekannten Mann, den meine Großmutter geliebt hatte, beschäftigte mich, dass sie offensichtlich ähnliche Gedanken gehabt hatte wie ich. Auch ich hatte mich in den letzten Jahren immer wieder gefragt, ob ich eigentlich mein Leben gelebt hatte oder das Leben, von dem die anderen glaubten, dass es gut für mich sei. Diese Verbitterung, die ich immer bei ihr gespürt hatte, kam sie daher? Wäre es möglich, dass auch ich mit achtzig Jahren zu diesem Ergebnis kommen würde wenn ich auf mein Leben zurückblickte? Ich faltete das Papier sorgfältig zusammen und legte es zurück in die Kiste. Ich saß da, den staubigen Karton immer noch auf den Knien, und dachte über mein Leben nach. War meine Bilanz denn so viel besser? Ich war mir nicht sicher.

3 Gedanken zu „Rosas Reise (4)

    • hallo liebe Christiane, das ist schön! Ja, endlich geht es weiter…ich habe meine „7 mageren Monate“ 🙂 hinter mir und bin voll motiviert…die eine oder andere Nachtschicht hatte ich schon. Irgendwie gehn bei mir die Schleusen manchmal nachts erst richtig auf, lach. Dir einen schönen Tag, bei uns scheint die Sonne….
      LG
      Carmen

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