Rosas Reise (3)

1905

Als Rosa vier Jahre alt war, wurde Wilhelmina geboren.
„Du solltest keine Kinder mehr bekommen, Barbara. Du kommst ja kaum noch zu Kräften.“ sagte Mina.
Die alte Hebamme hatte mit dem Kopf geschüttelt, als sie Barbara nach der Geburt das Kind in die Arme legte.
„Zehn Kinder sind genug, Barbara. Du hast keine Kraft mehr, du bist völlig ausgezehrt.“
Tatsächlich war Barbara nach Marias Tod nie wieder richtig zu Kräften gekommen. Sie war immer noch abgemagert und blass und nur während der beiden Schwangerschaften in den letzten vier Jahren hatte sie etwas Gewicht zugelegt. Sie wirkte bei allem, was sie tat, mechanisch, als ob ihre Seele weit weg  und nur eine Hülle ihrer selbst anwesend wäre.
Barbara legte das wimmernde kleine Wesen an ihre Brust und sah schweigend auf den Garten hinaus. Die Obstbäume hinter dem Haus trugen das erste zarte Grün, das Gras war nicht mehr so stumpf und leuchtete heller. `Es riecht nach Frühling,` dachte sie und die Sehnsucht nach Sonne und Licht wurde plötzlich übermächtig.
“Kannst du nicht ein Fenster öffnen, Mina, damit ein bisschen von der Frühlingsluft hereinkommt?“
„Frühlingsluft – eine Wöchnerin und ein Neugeborenes im Zimmer, ich bin froh, dass wir es hier drinnen warm haben und du willst das Fenster aufreißen!“
„Ach Mina, nur einen Spalt, bitte!“ Barbara sah Mina so flehend an, dass diese nachgab, Barbara noch eine Decke umlegte und dann das Fenster, das am weitesten vom Bett der Wöchnerin entfernt war, einen Spalt breit öffnete.
Barbara holte tief Luft und schloss erschöpft die Augen. Plötzlich brach die Müdigkeit über sie herein und sie spürte wie ihr die Augen zufielen. Aber im Schlaf kamen die traurigen Gedanken, im Schlaf kam die Erinnerung. Barbara wehrte sich dagegen. Sie wollte nicht einschlafen.
Kraftlos reichte sie Mina das Neugeborene, das zufrieden an ihrer Brust eingeschlafen war. Mina legte das Kind in die Wiege und schloss die Seiten des Betthimmels.
Als Barbara zu der alten Wiege hinüber sah dachte sie an Maria. Sie wäre jetzt dreizehn Jahre alt.
Der Schmerz war nicht mehr so übermächtig wie im ersten Jahr. Er war von einer großen Lawine, die sie immer wieder zu überrollen drohte, zusammengeschmolzen zu einem harten kleinen Stein, den sie in ihrer Brust trug. Barbara spürte den Schmerz ihrer Trauer wie ein ständiges Reiben, eine Wunde, die sich niemals schloss. Immer wieder wurde der dünne Schorf, der sich gebildet hatte, aufgerissen und die Wunde blutete wieder.
Als sie so ruhig dalag und wieder auf eine Wiege sah, holte sie den schmerzenden Stein hervor. Sie schloss die Augen und hielt ihn in ihrer Hand, fühlte wie schwer er wog.
„Er ist kleiner geworden, aber nicht leichter,“ dachte sie.
Sie versuchte, sich Marias Gesicht vorzustellen und es war in ihrer Erinnerung noch mehr zu einem Schemen geworden, es gelang ihr nicht mehr. Tränen traten in ihre Augen.
Mina ahnte, was in Barbara vorging.
„Denkst du immer noch an Maria?“
Barbara schwieg.
„Du musst an die Kinder denken, die leben, Barbara! Maria ist bei unserem Herrn, es geht ihr gut im Himmel! Denk an die Lebenden, sei dankbar dass der Herr euch gesunde Kinder geschenkt hat und versündige dich nicht – „
Mina wollte weiter reden aber da trat Albert durch die Tür. Er beugte sich über die Wiege und strich dem Kind mit seiner rauen Hand über die Wange.
„Welchen Namen sollen wir ihr geben?“
Barbara sah zu Mina.
„Es ist das zehnte Kind dem Mina bei uns auf die Welt geholfen hat. Wir nennen sie Wilhelmina.“
Mina strahlte und ihr altes, von Runzeln durchzogenes Gesicht errötete leicht.
Albert lachte als er Minas unverhohlene Freude sah.
„Das ist gut,“ sagte er, „das ist sehr gut. Und der Kaiser freut sich auch.“
„Am Sonntag kommt die Berta,“ sagte er,“ vielleicht wird sie ja Patin für die Wilhelmina.“
Albert hatte nicht gewagt hinzuzufügen, dass Berta ja seit dem Tod Marias kein Patenkind mehr hatte. Aber er wusste, dass Barbara ihn auch ohne Worte verstanden hatte.
„Ich spreche mit ihr,“ sagte sie.
Als ihre Schwester am Sonntag kam, saß Barbara in der Küche und stillte das Neugeborene. Rosa und ihre kleine Schwester Anna stritten um eine Flickenpuppe und weinten beide erbärmlich.
Berta schüttelte den Kopf.
„So kommst du nie zu Kräften, jetzt sind es schon drei so kleine Bälger. Warum schickst du nicht ein Kind zu mir? Das ist ja alles zu viel für dich, Bärbel.“
Berta nannte ihre Schwester beim alten Kosenamen aus der Kindheit.
„Wir haben keine Kinder aber ein großes Haus und genug Geld um ein Kind satt zu kriegen.“
„Ich kann doch ein Kind nicht hergeben wie einen Hund!“, Barbara war empört.
„Aber Bärbel, es ist doch nur gut gemeint. So lang, bis es dir wieder besser geht.“
Barbara zögerte, aber dann blickte sie auf das Neugeborene und wusste, noch ein paar Tage, dann würde sie wieder unerbittlich in die Arbeit auf dem Hof eingespannt werden.
Wilhelmina musste gestillt werden und die kleine Anna war erst drei Jahre alt. Es wäre eine Erleichterung, weiß Gott.
„Gut, die Rosa geht.“
Als Rosa ihren Namen hörte, hob sie den Kopf und sah die Mutter an.
„Rosa, du darfst zur Tante Berta gehen, die hat ein schönes großes Haus, da hast du ein Zimmer ganz für dich allein!“
Rosa verstand nicht recht, was die Mutter meinte, aber sie hatte verstanden, dass sie weggehen sollte.
Sie stampfte mit dem Fuß auf und weinte: „Rosa will nicht weg,“
schluchzte sie und drückte sich an Barbaras Rock.
Als Albert am Abend mit den großen Söhnen vom Feld kam, war der Handel zwischen den Schwestern perfekt.
Rosa würde zu Berta ziehen und Berta würde Patin werden bei Wilhelmina.
Wilhelm stritt mit der Mutter, aber sie war unerbittlich.
„Aber die Karoline kann doch zur Berta gehen –„
„Die Karoline brauch ich hier im Haus und die Anna ist zu klein. Nein, es ist besprochen, die Rosa geht.“
Berta und ihr Mann Otto hatten ein florierendes Tuchgeschäft in der nahen Kleinstadt, Rosa würde es dort gut gehen.
Wilhelm wollte nicht aufgeben, seit Rosas Geburt fühlte er sich für sie verantwortlich. Er war fast siebzehn Jahre alt und überragte seine Mutter deutlich. Wie Barbara hatte dunkle, fast schwarze Haare und helle grünbraune Augen. Sie standen sich wütend gegenüber und nur der anerzogene Respekt vor den Eltern hinderte Wilhelm daran, seine Mutter anzuschreien. Wütend und mit einem Gefühl von Ohnmacht drehte er sich um und verließ das Haus.
„Wo gehst du hin?“ rief Barbara ihm nach.
Aber Wilhelm reagierte nicht auf ihr Rufen und sie sah ihn die Straße hinuntergehen.
„Bestimmt geht er wieder zu Else, ins Unterdorf,“ murmelte Barbara wütend vor sich hin.
Seit einigen Monaten ging das schon, es hatte sich bereits im Dorf herumgesprochen, dass „Farrenwärters Wilhelm“ mit der Else poussierte. Sie war ein bildhübsches Mädchen, aber sie würde kein Land, kein Grundstück in eine Ehe miteinbringen. Barbara hatte andere Pläne für ihren Ältesten, er sollte nicht die Tochter eines Taglöhners heiraten, der kaum seine Familie ernähren konnte.
In den nächsten Wochen bis zu Rosas Abreise sprachen Mutter und Sohn nur das Nötigste miteinander. Wilhelm verbrachte jede freie Minute mit Rosa und Barbara ahnte, dass er sie auch mit Else zusammengebracht hatte. Eines Tages hatte Rosa eine kleine Flickenpuppe im Arm. Sie war offensichtlich von Hand genäht, aber mit so viel Liebe zum Detail gearbeitet, dass sogar Barbara, die sehr geschickt in allen Handarbeiten war, die Puppe staunend von allen Seiten betrachtete. Über einem weißen Blüschen trug die Puppe ein geblümtes Schürzenkleid mit einer kleinen Spitzenborte, darüber einen roten Mantel, der sogar einen Kragen aus falschem Pelz hatte. Ein kleiner roter Muff, den die Puppe um den Hals trug, vervollständigte das Ensemble.
„Das ist die Else!“ sagte Rosa stolz und somit war Barbaras Vermutung bestätigt.
„Die Else hat nämlich die Puppe gemacht,“ setzte Rosa hinzu.
„Nur für mich, niemand hat so eine schöne Puppe. Die Else nehm ich mit damit ich nicht alleine bin wenn ich auf die Reise gehe.“
„Soso, wenn du auf die Reise gehst..“ Barbara nahm sich vor, mit Wilhelm ein ernstes Wort zu reden. Rosa würde keine Reise machen, sie würde einige Zeit bei Berta wohnen und leben. Aber vielleicht war es besser, ihr das nicht zu sagen. Vielleicht hatte Wilhelm ja recht Rosa weiszumachen, sie gehe auf Reisen.
Wie sich herausstellte, besaß die Puppe auch eine kleine Tasche und ein weiteres Kleid, das in die Tasche gepackt wurde. Man hatte verabredet, dass Rosa am Tag von Wilhelminas Taufe mit Berta und Otto nach Kirchheim fahren würde. Während der Passionszeit war eine Taufe undenkbar, so wurde die Taufe auf den 3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, festgesetzt.

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