Rosas Reise (2)

1901

In der Stube lehnte sich Barbara an den Kachelofen und presste die Handflächen gegen die heißen Kacheln. Das Kind in ihrem Leib bewegte sich und instinktiv legte sie eine Hand auf den gewölbten Bauch.Sie hörte Albert im Stall, sie wusste, er schloss jetzt das Tor und würde gleich in der Küche stehen, müde und hungrig. Sieben Kinder hatte sie ihm geboren, sieben, die gesund auf die Welt gekommen waren. Dieses schreckliche Jahr, als sie das tote Kind geboren hatte, wollte sie aus ihrer Erinnerung verbannen. Sie zählte dieses Kind nicht doch die Erinnerung an den Moment als es im Zimmer so still war wie in einer Gruft und sie auf den ersten Schrei des Neugeborenen wartete, der nicht kommen wollte, war in ihrem Herzen eingebrannt. Mina wusste, dass sie an dieses Kind nicht erinnert werden wollte und es war eine stille Übereinkunft zwischen ihnen, dass Mina es nie erwähnen würde.
„Zwei Wochen wird ´s wohl noch dauern“,
sagte Mina.
„s´ ist dein achtes Kind, wird vielleicht eine leichte Geburt.“
Die alte Hebamme schwieg einen Moment.
Klein ist ´s auch“,
fügte sie hinzu und ein leiser Vorwurf lag in ihrer Stimme.
„Ich habe keinen Hunger.“
Barbara klang apathisch.
„Du weißt doch, dass es mir nicht mehr schmeckt.“
„Barbara um Himmels Willen!“
Mina spürte wie sie zornig wurde.
„Der Herr gibt die Kinder und er nimmt sie!
Maria ist ein Engel im Himmel und dort geht es ihr besser als hier unten!
Versündige dich nicht am Herrn,
Sein Wille geschehe.“
Barbara ordnete ihre Kleider und setzte sich auf. Es hatte keinen Sinn mit Mina zu streiten. Sie sah zum Fenster. Schneesterne bedeckten das Glas.
Dahinter war wie durch einen Filter der weiße Vorhang des ständig fallenden Schnees zu sehen.
„Es schneit immer noch.
Du solltest schauen, dass du bei Tag noch heimkommst, Mina.
Der Wilhelm soll dich begleiten, die Wege sind gefährlich.“
Mit diesen Worten brach sie das Gespräch ab.
Sie ging zur Tür und rief nach ihrem ältesten Sohn.

Wilhelm stürmte herein. In seinen Haaren klebte Schnee, seine Wangen waren rot vom Spiel mit den Brüdern.
Wasser war auf den Straßen vor dem Haus zu Eis gefroren und die Buben hatten daraus eine lange Schleifspur gemacht.
„Wilhelm, du gehst mit der Mina heim.
Nimm die Laterne mit und pass auf, dass nichts passiert.“
Barbara sprach leise, aber eindringlich.
Wilhelm hätte nicht gewagt, seiner Mutter zu widersprechen,
seit Marias Tod war sie ihm fast unheimlich geworden.
„Ist recht, Mutter“,
sagte er und nahm die Laterne und Zündhölzer.
Bis zu Minas Haus am Ortsrand mochte das Tageslicht noch anhalten, aber auf dem Rückweg würde er die Laterne mit Sicherheit brauchen.

So waren die Tage dahin gezogen und hatten sich zu Wochen aufgetürmt. Albert schien es als lebten sie ein jeder auf einer einsamen Insel und kein Schiff verkehrte zwischen ihnen.
„Wenn wenigstens der Winter endlich vorbei wäre“, dachte Albert verbittert.
“Ein bisschen Sonne und Wärme würde uns Allen gut tun.“
Aber es schien, als hätte sich auch der Winter gegen sie verschworen.
Er bot alles auf, Eis Schnee und Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Dicke Eiszapfen hingen an den Hausdächern, wie spitze, zur Erde gerichtete Geschütze, die Eindringlinge fernhalten wollten.
Die Kälte drang durch jede kleinste Ritze, nur dicht am Kachelofen hatte man das Gefühl von Wärme.
Noch zwei Tage, dann wiederholte sich der Todestag von Maria in der sechsten Woche. Es war, als sei in der Familie eine neue Zeitrechnung angebrochen. Es gab eine Zeit „vor Marias Tod“ und eine Zeit „nach Marias Tod“.
Barbara war immer durchsichtiger geworden.
Obwohl sie am Ende ihrer Schwangerschaft angekommen war schien sie ausgemergelt. Tiefe Schatten lagen unter ihren Augen.
„Du brauchst Kraft für die Geburt. Iss!“
redete Mina ihr ins Gewissen.
„Ich habe keinen Hunger,“
war die immer wiederkehrende Antwort,
“ das Kind holt sich schon, was es braucht.“
„Aber wenn es erst einmal da ist, wirst du stillen, und du weißt, das zehrt dich aus.“
„Ja ja, Mina, ist schon gut.“

Am elften Februar brach am Morgen die Sonne durch die Wolken. Es schneite nicht mehr und ein strahlender kalter Wintertag brach an.
Am Nachmittag saß Barbara in der Stube und sah aus dem Fenster.
Der fünfjährige Eugen und die vierjährige Karoline saßen neben ihr am Tisch und sahen sie aufmerksam an.
„Mutter, weiter!“
Eugen zog an ihrem Rock. Er wollte die Geschichte von Goldener zu Ende hören.
„Der weiße Fink´, die goldene Ros´,
Die Königskron´ im Meeresschoß“,
las Barbara aus Marias Lieblingsmärchen.
Es war keines aus dem alten Märchenbuch. Es war ein Märchen, das sich ein Landsmann mit Namen Justinus Kerner ausgedacht hatte. Barbara liebte es ebenso wie Maria es geliebt hatte.
„…begrüßten alle mit lautem Jubel das Schiff, auf welchem König Goldener stand. Er stand, die helle Krone auf dem Haupte, am Vorderteil des Schiffes und sah ruhig der Sonne zu, wie sie im Meere erlosch.“
Barbara klappte das Buch zu.
„Mutter, hat der Goldener seine Eltern noch einmal gesehen?
Ist der noch mal heimgekommen?“
Eugen stellte jedes Mal dieselben Fragen.
„Bestimmt,“
antwortete Barbara ihm abwesend.
„Jetzt dürft ihr euch noch die Bilder im Buch anschauen,“
sagte sie und legte den beiden Kindern das Buch hin.
Eugen konnte sein Glück kaum fassen. Dieses Buch durfte normalerweise keines der Kinder alleine anschauen, es war Barbaras Ein und Alles.
Sie hatte es von ihrer Schwester Berta bekommen, die Marias Patentante gewesen war.
Eugen und Karoline beugten sich über das Buch, Barbara strich Karoline gedankenverloren über die dunklen Haare.
Es war Montag.
Morgen, am Dienstag, war es sechs Wochen her, dass sie Maria verloren hatte.
Sie wusste, Albert hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das neue Kind, das bald zur Welt kommen sollte, sie ablenken könnte von ihrer Trauer um Maria.
Aber sie wollte kein neues Kind.
Sie hätte dieses unbekannte Wesen gerne hergegeben für Maria.
Als ob das Kind in ihrem Bauch diesen Gedanken gespürt hätte durchlief sie in diesem Moment eine heftige Wehe.
Sie krümmte sich.

„Wilhelm!“
Sie keuchte mehr als sie rief.
„Lauf zu Mina“,
stöhnte sie bei der nächsten Wehe.
Wilhelm stürzte aus dem Haus.

Als Mina kam waren die Wehen schon weit fortgeschritten.
Barbara lief auf und ab, Schweiß stand ihr auf der Stirn, unter ihrem weiten Hemd wölbte sich der Bauch.
Mina schickte die Kinder aus dem Zimmer und stützte Barbara.
„Atmen, Barbara, das weißt du doch, Atmen.“
Barbara stützte sich schwer auf Minas Arm.
Am Ende presste sie das Kind heraus, teilnahmslos,
als ob das alles nichts mit ihr zu tun hätte.
Mina hielt das kleine Bündel Mensch in den Armen.
„Barbara, es ist ein Mädchen!“
rief sie und dachte
`Gott hat dir ein neues Mädchen geschenkt -`
aber sie sprach es nicht aus.
Als ob sie Minas Gedanken gelesen hätte sagte Barbara tonlos:
„Maria kann niemand ersetzen.“
Sie sah ihr Kind kaum an, auch nicht als Albert ins Zimmer kam.
Er nannte das kleine Mädchen Rosa Barbara, als ob er ahnte,
dass es nötig sein würde, irgendeine Art von Verbindung zwischen Mutter und Kind herzustellen.
Und wenn es auch nur der gemeinsame Name wäre.
„Das Kind ist klein, es ist schwach. Ihr solltet den Pfarrer holen, eine Nottaufe machen lassen,“ Mina gab Albert Anordnungen, während sie das Kind fest wickelte.
„Vielleicht nimmt der Herrgott das arme Würmchen zu sich.“
Wilhelm hatte sich neben die Wiege gestellt, er beobachtete das kleine runzlige Bündel, das sich in der alten Wiege fast verlor, und wartete ob die reine Seele zum Himmel aufsteigen würde. Einmal schlug das Kind die Augen auf und er hatte das Gefühl, Rosa hätte ihn direkt angeschaut. Er berührte ihre kleine Hand, da griff sie nach einem Finger und hielt ihn fest.
„Rosa“ flüsterte Wilhelm.“Gell, du gehst nicht fort, du bleibst hier! Die Mutter weint schon um die Maria, du darfst nicht auch noch sterben!“ So beschwor Wilhelm das Neugeborene und als es am nächsten Tag noch lebte war er überzeugt, seine kleine Schwester habe ihn verstanden.

Barbara erholte sich nur langsam, sie ging durch das Haus wie ein stummer Schatten. Wilhelm erschien sie wie die die junge Königin im Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen, die in der Nacht als Geist erscheint und spricht „jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr“. Manchmal, wenn er seine Mutter in ihren schwarzen Kleidern durch das Haus gehen sah, stumm und mit seltsam leerem Blick, bekam er Angst, dass auch sie verschwinden könnte. Die Trauer, die Barbara einhüllte, erschien ihm wie ein dunkles Nichts, in das sie hineinfallen, ein Nebel, in dem sie sich für immer verirren könnte.

Berta war seit Marias Beerdigung nicht mehr im Dorf gewesen. Eine festliche Taufe des Säuglings hatte es nicht gegeben, denn das neue Kind war notgetauft worden, noch in der Nacht nach der Geburt, damit es nicht namenlos und ohne Gottes Segen auf dem Friedhof würde liegen müssen. Wider Erwarten überlebte Rosa aber das kalte Wetter und die abweisende Mutter und gedieh. Schon jetzt schien sie zu wissen, dass sie nur bekam, was sie sich erkämpfte. Sie weinte ohne Unterbrechung bis Barbara sie wieder stillte.
„Das Kind weiß was es will,“ hatte die Hebamme nach einer Woche gesagt. Rosa kämpfte um ihr kleines Leben, mit nachdenklichem Gesicht, wie ein Stiefmütterchen, blickte sie in die Welt. Da war die Mutter, deren Herzschlag sie kannte. Der Vater, dessen Stimme sie hörte, und da war Wilhelm. Der erste, der sie bei ihrem Namen nannte, Rosa. Alle anderen würden noch monatelang „das Kind“ sagen, wenn sie von ihr sprachen. Der Beginn ihres Lebens untrennbar verbunden mit dem Tod der älteren Schwester. Der Winter, in dem sie geboren wurde, für immer der Winter in dem Maria starb.
Auch Berta hatte sehr an Maria gehangen, ihr Patenkind und dazu ausersehen, das zu erwartende Vermögen der Patentante zu erben. Jetzt wollte sie das Neugeborene sehen und ein Taufgeschenk überbringen.
„Was für ein kleines Kind!“ rief Berta aus, als sie einen Blick in die Wiege geworfen hatte. Rosa sah Berta aufmerksam an, ihre Augen zwei blaue Tropfen in dem winzigen Gesicht.
„Hoffentlich wächst sie anständig, sie ist ja klein wie eine Puppe! Stillst du sie auch gut?“
Sie sah ihre jüngere Schwester scharf an.
„Ach, was redest du vom Stillen, du hast doch noch nie ein Kind gehabt!“
Damit hatte Barbara Bertas wunden Punkt getroffen. Für Berta war die Kinderlosigkeit weniger ein Defizit für die Gefühlswelt als ein Defizit an Erfahrung, das sie zu ihrem Bedauern nie würde wettmachen können durch angelerntes Wissen oder Hörensagen.
Berta schnappte nach Luft und setzte zu einer Erwiderung an, aber ihr Mund schloss sich wieder wie ein Tor, das geöffnet worden war und niemand hatte eintreten wollen. Sie drehte sich wieder zu der Wiege um und sah auf das Kind hinunter.
„Wer ist der Taufpate?“
„Wir haben keinen,“ sagte Barbara.
„Der Pfarrer hat eine Nottaufe gemacht weil es so aussah als dass es stirbt.“
„Gut, dann spreche ich mit Otto.“
Damit war dieses Thema erledigt, denn niemand, auch nicht Bertas Ehemann, widersetzte sich ohne Not Bertas Plänen. Rosa hatte nun auch einen Taufpaten, einen gutsituierten noch dazu.
Berta hatte Otto Schober, einen angesehenen verwitweten Kaufmann, im letzten Jahr geheiratet. Vielleicht war sie der Meinung gewesen, im neuen Jahrhundert noch etwas Neues ausprobieren zu müssen, vielleicht reizte sie auch der Status der Honoratiorenehefrau – sie hatte es jedenfalls geschafft, Otto für sich zu gewinnen und lebte nun mit ihm in einer großzügigen Wohnung über zwei Etagen oberhalb des „Tuchhaus Schober“ und hatte ein Hausmädchen. Otto hatte seine Frau und beide Kinder durch Tuberkulose verloren, er war ein Mann, der vom Leben nicht mehr viel erwartete und froh war, dass er eine so tüchtige Frau gefunden hatte, die seinem Haus vorstand und ihn auch, wenn es nötig war, im Geschäft unterstützte.

Als im Frühling die Tage heller wurden, schien es, als würde das ganze Dorf aufatmen. Die Fenster wurden geöffnet und die Häuser holten Luft. Die Sonne war wieder da, die Natur wurde grün und die Schatten schienen nicht mehr so schwer. Doch der Tod gab sich nicht geschlagen. Im Sommer, als die Hitze über den Feldern schwirrte, nahm er den kleinen Eugen mit, nur eine Woche vor dessen sechstem Geburtstag. Wieder ein kleiner Kindersarg, dem Barbara folgen musste. Da fragten sich die Leute schon, was sie denn getan hatte, dass Gott der Herr sie so strafte. Es war nur acht Monate her, da standen sie schon einmal auf diesem Friedhof, die Kinder, die sich an den Händen hielten und Barbara, die sich an Albert klammerte. Nicht weit von seiner großen Schwester fand Eugen sein Grab.
Barbara hatte aus ihrer Trauer einen unsichtbaren Wall gebaut, Stein um Stein schichtete sie diese Mauer auf. Ihre Kraft reichte noch aus um die nötige Arbeit zu tun und ihre Familie zu versorgen. Für das Kind in der Wiege war nichts mehr übrig. Und so war die erste Hand, die dem Säugling gereicht wurde, die des großen Bruders. Er würde immer zur Stelle sein, wenn Rosa ihn brauchte.

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