Prolog

Schnee fällt mitten ins Herz

Es gab nicht viel, was aus der Welt in das kleine Dorf drang. Am Ende eines weiten Tals lag es zwischen Hügeln voller Obstbäume und schmiegte sich an den Albaufstieg wie ein Kind an den Rockschoß der Mutter. Etwa fünfzig Häuser drängten sich um die kleine Kirche und das Rathaus, die sich genau gegenüber lagen, die Hauptstraße lag dazwischen und trennte das Dorf in zwei Teile. Auf der Seite der Kirche lag das „Unterdorf“, wo die armen Bauern und Taglöhner lebten, auf der Seite des Rathauses, die der Alb zugewandt war, lag das „Oberdorf“, dort waren die Häuser größer und die Truhen voller. Es schien, als ob die Armen näher bei Gott sein mussten weil sie seinen Beistand nötiger hatten. Das hügelige Land versperrte den Blick auf die Welt, nur wenn man den steilen Aufstieg zur Burgruine auf sich nahm konnte man über das Land schauen, an klaren Tagen bis zu den Vogesen. Das Leben floss in den Menschen dahin wie ein träger schwerer Sirup, der, wenn er einmal seine Spur gefunden hat, diese nicht mehr verlässt. Die, die sich je gefragt hatten, ob mehr vom Leben zu erwarten war, waren nicht mehr da. Die erste Auswanderungswelle hatte das Dorf nach den Hungerjahren 1816/17 erfasst, ganze Familien wurden hinaus geschwemmt und trieben in eine unbekannte Zukunft davon. Nur die Alten, die geblieben waren, erinnerten sich später noch an sie. Die Auswanderer siedelten im Kaukasus oder an der Wolga und zuerst vergaß man ihre Gesichter und später ihre Namen. Der Herzschlag des Dorfes verlangsamte sich für ein paar Jahre, dann waren die leeren Häuser wieder bewohnt.
Doch immer wieder zog es Dorfbewohner hinaus, in jeder Generation wurde eine Gruppe von Mutigen geboren, die die Fremde nicht fürchteten und irgendwann aufbrachen um ein besseres Leben in einer neuen Heimat zu suchen.
Die Familie des Farrenwärters Matthäus hatte noch nie einen Auswanderer hervorgebracht. Sie galten als gottesfürchtig und lebten den Pietismus streng und ergeben. Nicht der Mensch sollte entscheiden, was gut für ihn war, Gott war es, der alles richtete. Gottes Achtung errang man durch harte Arbeit und das Befolgen der Gebote. `Arbeit ist Gottesdienst`, dieser Sinnspruch hing in der guten Stube und in diesem Bewusstsein wuchsen auch die Kinder heran. Doch dann hatte es plötzlich auch in Matthäus Familie ein Kind gegeben, das aufbegehrte gegen die Gesetze, die der Vater festgeschrieben hatte. Berta, die Älteste, hatte sich geweigert, den Weg, den die Familie für sie vorgesehen hatte, zu gehen. Anstatt den Mann, der ihr bestimmt war, zu heiraten, hatte sie sich eine Stelle als Dienstmädchen im fernen Stuttgart gesucht und das Dorf verlassen. Eines Tages hatte sie die Eltern mit ihrem Entschluss konfrontiert, nach Amerika auszuwandern und Matthäus hatte das Gefühl gehabt, als hätte Berta eine Krankheit eingeschleppt, die seine Familie still unterwandern würde. Als sie jedoch nach fünfzehn Jahren wieder zurückgekehrt war, im Gepäck ein kleines Vermögen, das sie sich durch harte Arbeit und eisernes Sparen erarbeitet hatte, war Matthäus doch stolz auf sie gewesen. Sie hatte einen verwitweten Geschäftsmann in der nahen Kreisstadt geheiratet und Matthäus hatte insgeheim großen Respekt vor dieser Frau, die ihm fremd geworden war und doch seine Tochter sein sollte.
Berta und ihre jüngste Schwester Barbara trennten fünfzehn Jahre. Barbara bewunderte ihre ältere Schwester, wenn auch deren Aufbegehren gegen den Vater und das Leben im Dorf sie nicht beeinflusst hatte. Während Berta in Amerika ihr Glück suchte, war sie zur Schule gegangen, hatte diese mit vierzehn Jahren beendet, gearbeitet und gebetet und von ihrer Mutter all das gelernt, was sie für das ihr bestimmte Leben als Ehefrau und Mutter können musste. Sie hatte sich nie gefragt, ob es etwas anderes geben könnte als dieses Leben, das sie kannte. So trieb sie im täglichen Einerlei dahin und ließ es zu, dass andere über ihr Schicksal bestimmten. Als sie einundzwanzig Jahre alt war und volljährig wurde, kehrte Berta zurück, rechtzeitig zu Barbaras Hochzeit. In den nun folgenden Jahren, in denen Barbaras Leben aus Gebären und Arbeiten bestand, war Berta zur Stelle, wann immer ihre Schwester sie brauchte. Als nach drei Buben endlich ein Mädchen geboren wurde, übernahm Berta die Patenschaft für die kleine Maria. Weitere Kinder folgten, die Geburten reihten sich aneinander wie Perlen auf einer Schnur, aber Maria war immer anders als ihre Geschwister. Sie schien mehr das Kind von Berta zu sein als das ihrer Mutter. Sie war selbstbewusst und hatte eine rasche Auffassungsgabe und wie ihre Patentante war sie zielstrebig und fleißig. Sie war ihrer Mutter früh eine Hilfe im Haus und mit den kleineren Geschwistern und Barbara spürte, dass sie dieses Kind mehr als alle anderen liebte und immer wieder hatte sie deshalb ein schlechtes Gewissen. Sie wollte mit Maria strenger sein als mit den anderen Kindern, um so ein Gegengewicht zu dieser Liebe zu setzen, aber sie konnte es nicht.
Jetzt hatte sich das alte Jahrhundert verabschiedet und die Menschen im Dorf vertrauten auf einen gütigen Gott, der ihnen auch in diesem neuen Jahrhundert das tägliche Brot und Frieden schenken würde. Seit dreißig Jahren hatten sie jetzt nicht nur einen König sondern auch einen Kaiser und das Dorf war Teil des deutschen Kaiserreichs. Doch eine Ahnung von neuen Zeiten wehte auch durch die kleinen Gassen und in die Zuversicht mischte sich in den täglichen Gebeten eine unbestimmte Furcht vor der Zukunft, die alle umtrieb. Im ersten Sommer des neuen Jahrhunderts war Barbara mit dem achten Kind schwanger. Sie quälte sich in dieser Schwangerschaft und je mehr die Monate vergingen desto mehr Arbeit musste sie auf Marias Schultern laden. Dann kam der Winter und brach mit Macht über die Menschen herein. Rings um das kleine Dorf waren die Hänge weiß, die Konturen der Bäume und Sträucher nur noch zu erahnen.
Die Äste brachen unter Schnee und Frost, Wege waren zugeweht, es schien, als hätte die Landschaft jegliche Farbe verloren. Das Braun der kahlen Äste, der bleierne Himmel und scheinbar ununterbrochen fallender Schnee bildeten einen nebelgrauen Rahmen für Tage, an denen es nie richtig hell wurde. Irgendwann vor Weihnachten hatte Maria begonnen zu husten. Niemand hatte darauf geachtet, denn immer wieder hustete eines der Kinder. Man gab ihnen Milch mit Honig zu trinken und braute einen Kräutertee mit Spitzwegerich. Doch der Husten wurde schlimmer, irgendwann erbrach Maria sich beim Husten. Sie verlor an Gewicht und wurde immer blasser.
Nach Weihnachten bestand Barbara darauf, dass ein Bett für Maria in die Stube an den Kachelofen gestellt wurde, damit sie nicht in der kalten Schlafkammer liegen musste. Als die Silvesternacht anbrach war Barbara wie gelähmt vor Angst, sie könnte Maria verlieren. Die Angst legte sich wie eine Klammer um ihr Herz und nahm ihr den Atem, immer wieder holte sie tief Luft um dieses Gefühl zu vertreiben. Sie war jetzt im neunten Monat schwanger und der dicke Bauch mit dem unbekannten Kind darin behinderte sie. Doch die Angst bahnte sich ihren Weg und zog sich um Barbara zusammen, schloss sie in sich ein wie in einen Kokon, der sich immer enger schnürte. Es schien ihr als ob das zu Ende gehende, sterbende Jahr auch Maria mit in den Tod reißen könnte. Sie wachte am Bett ihrer Tochter und war sicher, wenn Maria den Neujahrsmorgen erleben würde dann wäre alles überstanden.
Marias Husten erfüllte den Raum. Barbara stand vor dem Bett, starrte auf das bleiche kleine Gesicht und strich Maria eine schweißnasse dunkle Locke aus der Stirn. Lauernd stand der Tod neben dem Kamin.
„Wenn ich einschlafe nimmt er sie mit,“ dachte sie.
„Nicht schlafen, nie mehr schlafen. Bis wir wieder fröhlich am Tisch sitzen und jemand sagt, weißt du noch, der Winter als Maria so krank war?“
Maria hustete. Ein trockenes, keuchendes Geräusch, wie ein Kratzen auf rauem Papier, ein Atemholen ohne Atem. Zwei Kinder in einem Zimmer. Eines auf der Schwelle des Lebens, kurz vor der Geburt, eines schon fast hinübergeglitten in einen fiebernden Traum. Trafen sie sich in diesem Niemandsland und hielten sich fest? Der Schnee fiel unaufhörlich. Die Konturen der Landschaft wurden rund und weich, die kahlen Äste der Eiche vor dem Haus waren mit weißen Bändern geschmückt wie für ein Fest. Barbara starrte aus dem Fenster und blinzelte in das Nichts aus wirbelnden Flocken. Der Tod grinste sie zuversichtlich an. „Nicht einschlafen“, ein schwächer werdendes Mantra. Nicht einschlafen.
In dieser Nacht starb Maria. Als Barbara erwachte, einen Arm um das tote Kind geschlungen, war der Tod verschwunden. Staubkörnchen reisten auf einem Sonnenstrahl durch das Zimmer.
Das Grab für Maria wurde dem gefrorenen Boden nur mit Mühe abgerungen. Barbara stand vor dem kleinen Sarg, den schwangeren Bauch mit dem anderen Kind wie ein Schild vor sich. Die Trauergäste blickten an ihr vorbei als sie kondolierten, sie wollten weg, zurück in die Normalität des eigenen Lebens. Doch Barbaras Trauer war machtvoll, hing wie Nebel über dem Platz und kroch mit langen Tentakeln über den Schnee. Nistete sich ein in ihre Mäntel wie schlechte Luft, verfolgte sie bis in ihre Häuser und nahm ihnen den Atem.
An einem kalten sonnigen Februartag im Jahr 1901 wurde Rosa geboren.
Aber der Tod gab nicht auf. Es würde sein Jahrhundert werden.

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