Harvey

(eine wahre Geschichte, erlebt von meiner Mutter, neu erzählt von mir)

Der Tag, an dem der hünenhafte Harvey das Gasthaus unserer Eltern zum ersten Mal betrat, brachte mir zwei tiefe Erkenntnisse. Die erste war, dass meine kleine Schwester, die mit ihren großen blauen Kinderaugen und den blonden Löckchen aussah wie eine zum Leben erwachte Gliederpuppe, furchtloser und unvoreingenommener war als ich.
Sie war der Inbegriff des süßen kleinen Mädchens, jeder brach bei ihrem Anblick in Entzücken aus. Die amerikanischen Soldaten, die jeden Tag bei uns zu Gast waren, vergötterten sie.
„Vielleicht haben die auch ein Kind in dem Alter zuhause, das sie schon lange nicht mehr gesehen haben,“ mutmaßte meine Mutter.
Meine Schwester und mich trennen neun Jahre, und natürlich fühlte ich mich ihr damals weit überlegen. Ich war ein dünnes, hochaufgeschossenes Mädchen mit dicken schwarzen Zöpfen, besuchte das Gymnasium der nahen Kreisstadt und kam mir schon sehr weltgewandt vor.
Es war ein wundervoller Sommer, die Luft um uns schien aufgeladen zu sein mit einem Gefühl der Leichtigkeit. Ich war dreizehn Jahre alt und der Krieg hatte meine Kindheit verschluckt wie eine Schlange ihre Beute. Sie wurde hinuntergewürgt und war verschwunden, nichts blieb übrig. Knapp zwei Wochen vor meinem dreizehnten Geburtstag wurde endlich das Kriegsende verkündet und wir hatten allen Grund zu feiern. Ich bekam einen neuen Rock, den mir meine Mutter aus der nun überflüssigen Hakenkreuzfahne nähte. Als Inhaber eines Gasthofs waren meine Eltern verpflichtet gewesen, eine solche Fahne anzuschaffen und ab und zu war sie auch zwangsläufig zum Einsatz gekommen. Insgesamt aber war sie wenig genutzt worden und in einem guten Zustand. Es wurde ein sehr schöner Rock, rot mit weißen Zierbändern – in Zeiten, in denen es nichts zu kaufen gab, musste man sich eben etwas einfallen lassen. Leben kehrte nun auch in unsere Gaststube zurück, nach Jahren der Ruhe, denn unser Gasthaus war allen NSDAP-Mitgliedern verboten gewesen und es hatte in den letzten Jahren nicht mehr viele im Ort gegeben, die den Mut gehabt hatten, bei uns einzukehren. Jetzt kamen die amerikanischen Soldaten aus genau demselben Grund zu uns. Ich musste immer an das Bildnis von den sieben mageren und sieben fetten Jahren denken. Meine Eltern und Großeltern hatten sich standhaft geweigert in die Partei einzutreten und als man nach Kriegsende eine Liste auf dem Rathaus gefunden hatte, auf der all die Einwohner verzeichnet waren, die nach dem „Endsieg“ abtransportiert werden sollten, stand meine Großmutter Anna auf dem ersten Platz, danach folgte die ganze Familie bis hin zu mir und meiner kleinen Schwester. Aber davon wollte ich jetzt nichts mehr wissen. Ich brachte den Soldaten das Bier und den Wein an den Tisch und versuchte eine Unterhaltung mit ihnen zu führen. Seit zwei Jahren lernte ich auf dem Gymnasium Englisch und ich kam mir sehr wichtig vor, da ich als Einzige in der Familie die Sprache unserer „Besatzer“ verstand. Einer der ersten, die zu uns kamen, war Harvey. Er war wohl fast zwei Meter groß, breitschultrig und – schwarz. Als er durch die Tür kam stand ich da wie vom Donner gerührt und in mir kämpfte die Neugier mit einer unbestimmten Furcht. Seine Haut war so dunkel, dass ich mich zwingen musste, ihn nicht ständig anzustarren. Er hatte das Gasthaus durch den Hintereingang betreten, was zwar ungewöhnlich aber nachvollziehbar war, wenn man seinen Wagen auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude abgestellt hatte. Meine kleine Schwester Ingrid fuhr gerade ihren Puppenwagen durch die Gaststube, als Harvey eintrat und direkt vor ihr stehenblieb. Sie starrte ihn an, furchtlos. Man sah ihrem kleinen Gesicht an, dass es in ihrem Kopf arbeitete. Sie sah zu Harvey auf, ihre Augen wanderten neugierig über sein Gesicht und dann sagte sie laut und deutlich:
„Warum hast du dich nicht gewaschen?“
Ich erstarrte und hoffte inständig, dass dieser furchteinflößende Riese das nicht verstanden hatte –einige unserer amerikanischen Gäste sprachen ein bisschen Deutsch und ich war mir nie sicher, wieviel sie von unserer Sprache verstanden.
Harvey hatte offensichtlich verstanden. Er sah auf die kleine Ingrid hinunter, die ihn ernsthaft und etwas tadelnd ansah, und dann brach er in schallendes Gelächter aus.
„Sweety – waschen won´t help!” sagte er und obwohl er lachte und die weißen Zähne in seinem dunklen Gesicht strahlten, meinte ich, einen kleinen bitteren Unterton in diesem Satz zu hören. Er ging, vorbei an der Gruppe – weißer – Amerikaner, die sich lautstark unterhielten, zu einem leeren Tisch und setzte sich alleine abseits hin. Seine weißen Kameraden grüßten ihn beiläufig.
An diesem Tag lernte ich, dass es auch bei unseren amerikanischen Freunden gute und bessere Amerikaner gab. Harvey setzte sich auch später nie zu seinen weißen Kameraden an den Tisch. Und dass er die Gaststube durch den Hintereingang betreten hatte, lag nicht daran, dass er seinen Jeep dort abgestellt hatte.
Und so war die zweite Erkenntnis an diesem Tag, dass meine Hoffnung auf eine bessere Welt nach dem Krieg offenbar eine Illusion war.

Ein Gedanke zu „Harvey

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