Der 29. Februar (Skizze)

Alles passierte am 29. Februar und um ehrlich zu sein, ich war nicht wirklich überrascht. Ich kann mir, wenn es sein muss, eine Schlange um den Hals legen oder eine Vogelspinne streicheln – ich bin völlig frei von den üblichen Phobien. Meine Phobie ist die neunundzwanzigster-Februar-Phobie. Ich bin am ersten März geboren, so steht es zumindest in meiner Geburtsurkunde, aber manchmal habe ich Alpträume und wache nachts schweißgebadet auf, weil der alte Hermann im Traum neben mir steht, mit seinem knochigen Finger auf mich zeigt und mit heiserer Stimme flüstert: „Dich gibt es ja gar nicht!“ Dann verwandle ich mich in eine dünne Rauchsäule wie ein Ginny aus der Flasche und Hermann fächelt mich einfach weg.
Sie könnten jetzt zu Recht einwenden, dass es Quatsch ist und ich sogar bei Google nachsehen kann, wie oft der 29. Februar schon vorkam. Doch dieser Tag ist mein Trauma und ich bin fest davon überzeugt, dass er eine Illusion ist.
Das Unglück begann am 29. Februar um null Uhr dreizehn. Ich gehe nie zur Arbeit am 29. Februar und verbringe den Tag mit möglichst banalen Tätigkeiten. Nach mehreren Geschäftsreisen hatte sich einiges an Wäsche angesammelt und ich hatte mir vorgenommen, die ganze Wäsche zu waschen und zu bügeln. Ich überwache meine Stromkosten im Internet mit einem speziellen Programm und nutze, wann immer es geht, den Nachttarif. Am 28. Februar um 23 Uhr 28 füllte ich die Waschtrommel zum zweiten Mal und stellte das Programm für sechzig Grad Wäsche ein. Danach setzte ich mich auf die Couch und beobachtete auf der Anzeige meiner digitalen Uhr, wie sie mich dem verhängnisvollen Tag näherbrachte.
Die Sache mit dem Waschsalon war eigentlich ein Unfall. Eine Folge der Tatsache, dass mein Exfreund seine Hosentaschen nie ausleerte, bevor er die Hosen in die Waschtrommel warf. Irgendwann verstopfte sein Kleingeld die Pumpe. Aber als die Waschmaschine um null Uhr dreizehn am 29. Februar streikte, war er bereits ausgezogen und unsere Kommunikation auf dem Nullpunkt angelangt, sodass ich ihm die Reparaturkosten nicht aufs Auge drücken konnte. Ich war wie immer pleite also verschob ich die Reparatur der Waschmaschine auf einen nicht näher benannten Zeitpunkt in der Zukunft und suchte am Morgen des 29. Februar, das erste Mal in meinem Leben, einen Waschsalon auf.
Ich schleppte eine vollgestopfte Reisetasche zum Waschsalon meines Vertrauens, es war der, der meiner Wohnung in der Berger Straße am nächsten lag. Einmal um die Ecke am „Wespennest“ lag er am Ende der kleinen Gasse rechts. Ein schlauchförmiger Raum, Waschmaschinen und Trockner standen aufgereiht rechts und links. Die Bedienung der Maschinen war für mich wie Glücksspiel, ich wusste nicht so recht, was am Ende bei der ganzen Aktion herauskommen würde. Es hatte sich so viel Wäsche angesammelt dass ich mich, nachdem ich die Tasche geleert und eine Maschine mit weißer Kochwäsche und eine mit sechzig Grad gestartet hatte, wieder auf den Weg nach Hause machte um die vierzig Grad Wäsche zu holen. Das Mädchen bemerkte ich erst, als ich wiederzurückkehrte. Sie war unglaublich dünn, das war das, was mir sofort ins Auge sprang. Sie war ganz in schwarz angezogen und als sie ihre Wäsche in die Maschine stopfte dachte ich spontan: „wie eine große schwarze Spinne“. „Eine Spinne mit feuerroten Haaren“ antwortete ich mir selbst. Die Haare waren nicht rot, diese Haare waren ein Manifest. Ich trat an eine leere Maschine und füllte meine Wäsche ein. Ich beobachtete das Mädchen aus dem Augenwinkel und spürte eine große Anziehungskraft, die von ihr ausging. Ihre Haut war sehr blass, die schwarzen Klamotten und das rote Haar bildeten einen fast unnatürlichen Kontrast dazu. Ich musste mich zwingen nicht ständig zu ihr hin zu starren. Es wäre mir unangenehm gewesen wenn sie mich dabei ertappt hätte. Ich warf die Münze in die Maschine und sah auf, da stand sie direkt vor mir.
„Warum starrst du mich an?“ fragte sie mich ganz direkt.
Ihre Augen waren groß und rund und veilchenblau. Sie sah mich an und ich wurde rot.
„Also, äh, „ ich fing an zu stottern, „ ja also, -„ ich machte eine Pause um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen.“ Ich war so fasziniert von deiner Haarfarbe.“
„Ach ja? Nicht etwa von meiner dünnen Figur? “ Sie hob die Arme über ihren Kopf und breitete sie aus. „Du hast nicht etwa gedacht, dass ich aussehe wie eine große schwarze Spinne?“
Ich zuckte zusammen, wahrscheinlich blieb mir der Mund offen stehen.
Sie kam näher und hielt ihr Gesicht genau vor meines.
„Eine große schwarze Spinne mit roten Haaren?“
Ich wich entsetzt zurück.
Sie fing an zu lachen.

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