Üben üben üben

Schreiben fällt nicht vom Himmel, wer schreibt, weiß das. Ich bin nicht die Disziplinierteste, deshalb bin ich dankbar für Anregungen, die meine Kreativität triggern und in mir etwas zum Fließen bringen. Das Wochenende mit Ingmar war sehr bereichernd und erkenntnisreich. Das, was in diesen zwei Tagen entstanden ist, muss jetzt durch die Mühle der Überarbeitung gedreht werden, manches wird die Schublade wohl nie verlassen. Durch Christiane von https://365tageasatzaday.wordpress.com bin ich auf die Seite von Jutta Reichelt gestoßen die freundlicherweise andere von ihrem Erfahrungsschatz profitieren lässt und regelmäßig Input zu Schreibübungen gibt. http://juttareichelt.com Ich habe also die Schreibanregung vom 18. Juni in mir herumgetragen und jetzt auch umgesetzt:

“Ist das alles?”

Wer sagt das – und zu wem? Und wo?

Hier nun das Ergebnis meiner Übung.

„Ist das alles?“ Ich schmierte mir Butter auf mein Brot und griff nach dem Marmeladenglas. Bertram war irritiert, das spürte ich ohne ihn anzusehen.
„Wie meinst du das, `ist das alles`?“ Bertram sah mich an so wie man ein seltenes Insekt betrachtet, verwundert, neugierig, vielleicht auch angeekelt. Er sezierte mich mit seinem Blick und ich sah mich durch seine Augen. Wie ich so dasaß, ein Bein auf den Stuhl hochgezogen, die Kaffeetasse in der Hand, die Haare ungekämmt, das T-Shirt zerknittert. Ich sah an ihm vorbei durch das Fenster, auf die welkenden Blätter des Eschenahorns, dessen Zweige sich nach dem Haus ausstreckten als ob sie es umarmen wollten. Es lag schon eine Ahnung des nahenden Herbstes in der Luft, ich konnte es riechen, es roch nach Vergangenheit, Sterben, Verwesung, obwohl sich vor dem Fenster ein neuer sonniger Tag ankündigte, der uns Sommer vorgaukelte. Ich lebe mit Bertram seit zwanzig Jahren zusammen, neunzehn davon sind wir verheiratet. Er war plötzlich neben mir gewesen, wie ein Wanderer, den man auf dem Weg trifft und dessen Rhythmus so gut zu dem eigenen passt, dass man problemlos nebeneinander gehen kann. Dessen Ziel dem eigenen gleicht, sodass man immer gemeinsam ankommt und glücklich ist. Unser Leben war ein gemeinsamer Pilgerweg, mit Höhen und Tiefen, manchmal leicht und beschwingt und manchmal hart und anstrengend. Immer waren wir angekommen. Wann war er abgebogen? Ich beobachtete ein Blatt, das vor dem Fenster langsam zu Boden segelte. Warum hatte ich nicht bemerkt, dass er nicht mehr an meiner Seite war? Ich spürte, wie ich langsam immer mehr in mich hineinkroch, ich zog mich zusammen wie ein Igel und suchte in mir selber Schutz. Ich war kraftlos, saß immer noch in derselben Position, konnte mich nicht bewegen und starrte geradeaus zum Fenster. Die Zeit dehnte sich aus während wir schweigend am Tisch saßen, ich spürte immer noch Bertrams Blick auf mir wie eine Berührung an der immer gleichen Stelle, unangenehm, lästig. Mein Verstand kämpfte um die Führung und trieb meinen Körper an, ich drehte mich langsam um und sah Bertram in die Augen. Das war ein Fehler, denn seine Augen waren immer das Tor zu meiner Liebe zu ihm gewesen. Bertram hat außergewöhnlich schöne Augen, grün, mit hellen Sprenkeln, die Iris umrandet von einem grauen Ring. Ich sah schnell weg, wie ein Lügner, den man ertappt hat, und suchte in mir nach der Wut, die in mir aufgestiegen war, als wir dieses Gespräch begonnen hatten. Verzweifelt klammerte ich mich an den Rest dieser Wut und schob sie nach vorne, an den Rand der Bühne, damit ich den zweiten Akt dieses Dramas beginnen konnte. In den Jahren unserer Ehe war ich immer die Eloquentere von uns beiden gewesen. Bertram konnte es rhetorisch nie mit mir aufnehmen, ich hatte ihn mehr als einmal in Grund und Boden geredet. Jetzt hatte er mich mit einem einzigen Satz in die Sprachlosigkeit geworfen, ich stocherte in meinem Kopf nach einer Entgegnung, suchte nach etwas, das ich sagen konnte und das mir dieses Gefühl von Überlegenheit wiedergeben könnte. Ich wiederholte den Satz, den ich ihm schon hingeworfen hatte, mein persönlicher Fehdehandschuh, in der Hoffnung, dass ihn das weiterhin irritieren würde und ich so nicht gezwungen sein würde, sofort in die Schlacht zu ziehen. Ich war einfach zu müde um zu kämpfen.
„So, wie ich es sage. Ist das alles?“
„Äh – ja,“ Bertram kam ins Stocken. „Nein, also – ja, das war alles.“
Ich beobachtete, wie die Marmelade an den Seiten des Brotes auf den Teller tropfte, nahm das Brot und biss hinein, obwohl ich keinen Appetit hatte. Es war ein klug kalkulierter Schachzug um meinem Gegner zu signalisieren, dass ich nicht am Ende war sondern mich völlig entspannt dem weiteren Kampf stellen würde. Die Marmelade war über meine Finger auf das weiße Tischtuch getropft, ich rieb mit meiner Serviette auf dem Fleck herum und es blieb ein verblasster roter Schatten zurück. Das war also geblieben nach zwanzig Jahren. Ein Theaterstück mit einem schlechten Dialog.
Er: „ Ich habe mich verliebt, sie ist die Liebe meines Lebens.“
Sie: „Ist das alles?“
Ich sah auf den blassen Schatten des Marmeladenflecks. „Der geht nie mehr raus,“ dachte ich.

 

2 Gedanken zu „Üben üben üben

  1. Das gefällt mir wirklich sehr! Ich mag solche „aufgeladenen“ Alltagsszenen – also, wenn ich sie nicht gerade erlebe … Wenn es dramatisch wird im Leben, stehen wir ja selten gerade zufällig auf einer Klippe, sondern im Stau oder an der Käsetheke oder wir sitzen eben in der Küche, haben ein Marmeladenbrot in der Hand und können nicht glauben, „dass das alles war …“. Vielen Dank fürs Mitmachen!

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