Maus in Mannheim

Heute Morgen habe ich auf Christiane`s blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/2015/03/20/maus-im-haus/ eine Inspiration bekommen. Einen virtuellen Musenkuss sozusagen. Sie hat eine Maus im Haus. Und da fiel mir eine Geschichte ein, eine wahre Geschichte, selbst erlebt. Hier meine „Mausgeschichte“:
In den Neunzigern habe ich in Mannheim gelebt. By the way, ich liebe Mannheim die Kurpfalz und die Menschen dieser Region. Vielleicht erschließt sich Mannheim nicht jedem sofort, die Stadt war im zweiten Weltkrieg die am meisten angegriffene Stadt im heutigen Baden-Württemberg und erlebte fast 150 Luftangriffe. Daher kann Mannheim nicht mit so viel Romantik aufwarten wie Heidelberg, aber es ist eine wunderbare Stadt mit einer guten Schwingung. Das nur nebenbei.
Meine Wohnung war in der „Schwetzinger Vorstadt“, am Rande der Quadrate (https://de.wikipedia.org/wiki/Quadratestadt). Die Wohnung lag im zweiten Stock eines Sechsparteienhauses und hatte einen großen Balkon zum Hinterhof. Zwei riesige Birken überschatteten den Balkon und im Sommer war er mein „drittes Zimmer“, die Blätter waren wie ein grüner Vorhang und alles schimmerte in lichtem Grün. Da ich im zweiten Stock wohnte und die Sommer in Mannheim meistens heiß waren, ließ ich die Balkontüren immer offen und den Rollladen nicht ganz herunter, sodass die Zimmer tagsüber schattig blieben aber trotzdem Luft ins Zimmer kam.
Wie schon erwähnt sind die Sommer in Mannheim heiß. Und es kühlt auch nachts nicht immer ab. Es war eines dieser heißen Wochenenden, ich lag lesend auf meiner Couch, die Tür zum Balkon war offen. Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel etwas am Schrank vorbei huschen.
„Das war aber eine große Spinne!“, war mein erster Gedanke.
Ich ekle mich vor Spinnen. Ich bin sozusagen die erste Vorsitzende des Spinnenphobieclubs. Also stand ich auf um mich auf die Suche nach der vermeintlichen Superspinne zu machen. Da entdeckte ich in dem Spalt zwischen Wand und Schrank den dünnen Schwanz einer Maus. Bis zu diesem Moment hätte ich jedem gegenüber behauptet ich fände Mäuse süß. Aber in der direkten Konfrontation mit dem Feind sieht eben alles anders aus. Meine erste spontane Idee war, die Maus am Schwanz zu schnappen und raus zu befördern. Dann kamen die Horrorvisionen, von einer Batman-Maus, die sich an meinem Handgelenk festbeißt und mir via Mäusebiss unheilbare Krankheiten in die Blutbahn injiziert. Ich beschloss. Kampfkleidung anzulegen. Vorsichtig ging ich zur Tür, schlich mich hinaus und schloss die Tür sorgfältig hinter mir. Der zweite Zugang vom Balkon in die Wohnung war über die Küche, ich schloss auch die Tür von der Küche zum Flur. Dann zog ich mich um. Es hatte nachts um dreiundzwanzig Uhr immer noch geschätzte 25 Grad Celsius, es war stickig und schwül. Ich zog an: eine lange Hose, Overkneestiefel, ein T-Shirt mit langen Ärmeln und Handschuhe. Hätte ich einen Sturzhelm gehabt, hätte ich auch den noch aufgesetzt. So gerüstet betrat ich leise mein besetztes Wohnzimmer und schlich zum Schrank. Keine Spur von der Maus. Ich holte einen Besen und stocherte mit dem Stiel unter dem Schrank herum. Nichts. Juhu, die Maus ist weg! Dachte ich. Ich schloss die Balkontür und tat, was ich immer tat an einem Samstagabend, ich ging spätnachts noch tanzen, denn zum Schlafen war es ohnehin zu heiß. Irgendwann morgens um fünf Uhr kam ich ausgepowert und glücklich nach Hause und hatte die Maus schon wieder vergessen. Als ich dann am Sonntag aufstand, fand ich ihre Spuren. Mäuseköttel. In meiner Wohnung. Und keine Spur von der Verursacherin. Sie blieb unsichtbar. Es war Sonntagnachmittag und ich fühlte mich in meinen eigenen vier Wänden nicht mehr wohl.
In unserem Haus gab es auf jeder Etage zwei Wohnungen, die Wohnungen hatten einen durchlaufenden Balkon, die Balkone waren durch eine Stellwand voneinander abgetrennt. Die Maus könnte also theoretisch auch zwischen mir und der Nachbarwohnung spazieren gehen. Ich klingelte deshalb beim Nachbarn, wir kannten uns flüchtig, in der Hoffnung hier auf einen ganzen Kerl zu treffen, der mir den Kampf mit der Maus abnehmen würde. Mein Nachbar öffnete mir die Tür.
„Hallo! Du, ich wollte dir nur sagen, wir haben eine Maus auf der Etage“
Aber anstatt bei diesem Stichwort in seine Rüstung zu springen und die Lanze zu schnappen, wurde mein Held kreidebleich und sah aus als ob er gleich auf den nächsten Stuhl hüpfen wollte.
„Danke, dass du mir das sagst, ich muss gleich meine Balkontüren zu machen!“
Sagte er und knallte mir die Tür vor der Nase zu.
Hier war also auch keine Hilfe zu erwarten. Ich verbrachte noch eine weitere Nacht mit der Maus in der Wohnung und hielt die Tür zu Küche und Wohnzimmer verschlossen, in der Hoffnung, die Maus würde von selbst erkennen, dass es bei mir nichts zu holen gab und den Rückzug antreten.
Am nächsten Morgen musste ich pünktlich aus dem Haus, denn ich hatte einen Termin in Freiburg und durfte meinen Zug nicht verpassen. Ich betrat vorsichtig die Küche um mir einen Kaffee zu kochen und sah, dass der Schwingdeckel des Mülleimers nicht richtig verschlossen war. Ich schubste den Deckel an um ihn zu schließen, da sprang die Maus direkt auf mich zu. Ich stand mit dem Rücken zum Flur und erschrak mich derartig, dass ich einen Satz nach hinten machte, der Guinessbuchverdächtig war. Ich knallte die Tür zur Küche zu in der Hoffnung, dass die Maus noch drin wäre. Jetzt war ich völlig von der Rolle, verließ das Haus aber dann doch wider Erwarten rechtzeitig, ging am Bahnhof zum Gleis und stieg in meinen Zug. In den kurzen Minuten bis zur Abfahrt, gingen zwei Leute auf der Suche nach einem Sitzplatz an mir vorbei.
„Hier können wir hinsitzen. Die Plätze sind nur bis Freiburg reserviert. An Freiburg sind wir ja schon vorbei!“
Ich grinste in mich hinein.
„Manche Leute haben echt keinen Orientierungssinn,“ dachte ich. „Freiburg kommt doch erst noch!“
In diesem Moment setzte sich der Zug in Bewegung. Und da erkannte ich, dass ich aus Gewohnheit auf das falsche Gleis gegangen war. Ich fuhr alle vier bis fünf Wochen mit dem Zug Richtung Köln, aber zum ersten Mal nach Freiburg. Beide Züge fuhren zur selben Zeit ab, auf die Minute, aber eben der eine auf Gleis eins und der andere auf Gleis zwei….
Die älteren unter den geschätzten Lesern wissen, dass es Anfang der 90er Jahre noch keine Mobiltelefone für jedermann gab, keine Smartphones mit Internetzugang, keine ICEs. Die Jüngeren bitte ich an dieser Stelle, sich das einfach mal vorzustellen. Im falschen Zug, in Termindruck, ohne die Möglichkeit, nachzusehen, wo der Zug wieder anhält, wie man dann zurückkommt, den Kollegen in Freiburg zu informieren, dass man sich verspäten würde – das war noch echtes Abenteuer! Es blieb mir also nichts anderes übrig, als den Schaffner zu fragen. Ich hatte ja eine Fahrkarte, aber nicht für diesen Zug. Als der Schaffner kam wollte ich ihm flüsternd mein Dilemma erklären, es war mir nicht daran gelegen, dass jeder im Großraumwagen sich vor Schadenfreude auf die Schenkel klopfen würde. Leider war der Schaffner aber einer der Sorte Menschen, die von Geburt an mit einen integrierten Megaphon ausgestattet sind. Er posaunte die Antwort nebst Kommentar in einer Lautstärke hinaus, dass wahrscheinlich auch der Lokführer am anderen Ende des Zuges noch etwas davon hatte.
Ich bezahlte für die Strecke bis zur nächsten Station, zog den Kopf ein und machte mich so klein wie möglich. An allem war nur diese blöde Maus schuld! Wegen ihr stand ich völlig neben mir!
In Mainz hielt der Zug zum ersten Mal. Ich stieg aus und machte mich auf die Suche nach einer Telefonzelle, denn ich wusste, ich hatte etwa eine Dreiviertelstunde Aufenthalt. Dann würde ich den Zug nach Freiburg nehmen. Ich rief also meine Kollegin an um ihr mitzuteilen, dass ich etwa eine Stunde später ankommen würde als geplant.
„Was ist denn passiert?“ fragte sie.
„Das kann ich dir nicht sagen. Das muss ich dir nachher erzählen, das glaubst du mir eh nicht,“ antwortete ich.
Ich drückte mich auf dem Bahnsteig herum und stieg dann in den Zug nach Freiburg. Kam wieder am Hauptbahnhof in Mannheim vorbei, wo das Unglück seinen Anfang genommen hatte. Bei unserem Meeting in Freiburg hatte ich die Lacher auf meiner Seite als ich meine Mausgeschichte zum Besten gab und auf der Rückfahrt am Abend schickte ich mehrere Stoßgebete zum Himmel, ich möge bitte nicht wieder Mäusekot in meiner Wohnung vorfinden. Ich betrat meine Wohnung am Abend wie 007 beim Einbruch in ein fremdes Hotelzimmer und suchte den Boden in den Zimmern ab. Da waren sie wieder, frische Spuren der Kampfmaus. Das hatte alles keinen Sinn. Jetzt musste ich schärfere Geschütze auffahren, hier waren chemische Kampfstoffe angesagt.
Aus Pietätsgründen erspare ich Euch den Rest. Jedenfalls war sie dann weg, für immer. Inzwischen bin ich auch die erste Vorsitzende des Mäusephobiker-Clubs.

3 Gedanken zu „Maus in Mannheim

  1. Ach herrje. 🙂 Jaaaaa, diese Batman-Spinnen (bei mir wären es Spinnen, oder müsste ich jetzt Spiderman-Spinnen schreiben? Egal, du weißt, was ich meine), die sind echt gefährlich, das kenne ich.
    Okay, ich hoffe immer noch, dass der Tiger eingreift. Oder sie in die Lebendfalle tappt.
    Danke! 🙂

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