Barbara (6)

Berta war seit Marias Beerdigung nicht mehr in Beuren gewesen. Eine festliche Taufe des Säuglings würde es nicht geben, das neue Kind war notgetauft worden, noch in der Nacht nach der Geburt, damit es nicht namenlos und ohne Gottes Segen auf dem Friedhof liegen musste. Wider Erwarten überlebte Rosa aber das kalte Wetter und die kalte Mutter und gedieh. Schon jetzt schien sie zu wissen, dass sie nur bekam, was sie sich erkämpfte. Sie weinte ohne Unterbrechung bis Barbara sie wieder stillte.
„Das Kind weiß was es will,“ sagte die Hebamme nach einer Woche. Rosa kämpfte um ihr kleines Leben, mit nachdenklichem Gesicht (wie ein Stiefmütterchen) blickte sie in die Welt. Da war die Mutter, deren Herzschlag sie kannte. Der Vater, dessen Stimme sie hörte, und da war Wilhelm. Der erste, der sie bei ihrem Namen nannte, Rosa. Alle anderen würden noch monatelang „das Kind“ sagen, wenn sie von ihr sprachen. Der Beginn ihres Lebens untrennbar verbunden mit dem Tod der älteren Schwester. Der Winter, in dem sie geboren wurde, für immer der Winter in dem Maria starb.
Auch Berta hatte sehr an Maria gehangen, ihr Patenkind und dazu ausersehen, das zu erwartende Vermögen der Patentante zu erben. Jetzt wollte sie das Neugeborene sehen und ein Taufgeschenk überbringen.
„Was für ein kleines Kind!“ rief Berta aus, als sie einen Blick in die Wiege geworfen hatte. Rosa sah Berta aufmerksam an, ihre Augen zwei blaue Tropfen in dem winzigen Gesicht.
„Hoffentlich wächst sie anständig, sie ist ja klein wie eine Puppe! Stillst du sie auch gut?“
Sie sah ihre jüngere Schwester scharf an.
„Ach, was redest du vom Stillen, du hast doch noch nie ein Kind gehabt!“
Damit hatte Barbara den wunden Punkt von Berta getroffen. Für Berta war dieses Erfahrungsleck weniger ein Defizit für die Gefühlswelt als ein Defizit an Erfahrung, das sie zu ihrem Bedauern nie würde wettmachen können durch angelerntes Wissen oder Hörensagen.
Berta schnappte nach Luft und setzte zu einer Erwiderung an, aber ihr Mund schloss sich wieder wie ein Tor, das geöffnet worden war und niemand hatte eintreten wollen. Sie drehte sich wieder zu der Wiege um und sah auf das Kind hinunter.
„Wer ist der Taufpate?“
„Wir haben keinen,“ sagte Barbara.
„Der Pfarrer hat eine Nottaufe gemacht weil es so aussah als dass es stirbt.“
„Gut, dann spreche ich mit Otto.“
Damit war dieses Thema erledigt, denn niemand, auch nicht Bertas Ehemann, widersetzte sich ohne Not Bertas Plänen. Rosa hatte nun auch einen Taufpaten, einen gutsituierten noch dazu.
Berta hatte Otto Schober, einen angesehenen verwitweten Kaufmann, im letzten Jahr geheiratet. Vielleicht war sie der Meinung gewesen, im neuen Jahrhundert noch etwas Neues ausprobieren zu müssen, vielleicht reizte sie auch der Status der Honoratiorenehefrau – sie hatte es jedenfalls geschafft, Otto für sich zu gewinnen und lebte nun mit ihm in einer großzügigen Wohnung über zwei Etagen oberhalb des „Tuchhaus Schober“ und hatte ein Hausmädchen. Otto hatte seine Frau und beide Kinder durch Tuberkulose verloren, er war also ein Mann, der vom Leben nicht mehr viel erwartete und froh war, dass er eine so tüchtige Frau gefunden hatte, die seinem Haus vorstand und ihn auch, wenn es nötig war, im Geschäft unterstützte.

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