Barbara (5)

„Das Kind ist klein, es ist schwach. Ihr solltet den Pfarrer holen, eine Nottaufe machen lassen,“ Mina gab Albert Anordnungen, während sie das Kind fest wickelte.
„Vielleicht nimmt der Herrgott das arme Würmchen zu sich.“
Wilhelm hatte sich neben die Wiege gestellt, er beobachtete das kleine runzlige Bündel, das sich in der alten Wiege fast verlor, und wartete ob die reine Seele zum Himmel aufsteigen würde. Einmal schlug das Kind die Augen auf und er hatte das Gefühl, Rosa hätte ihn direkt angeschaut. Er streckte seine Hand aus, da griff sie nach einem Finger und hielt ihn fest.
„Rosa“ flüsterte Wilhelm.“Gell, du gehst nicht fort, du bleibst hier! Die Mutter weint schon um die Maria, du darfst nicht auch noch sterben!“ So beschwor Wilhelm das Neugeborene und als es am nächsten Tag noch lebte war er überzeugt, seine kleine Schwester habe ihn verstanden.

Barbara erholte sich nur langsam, sie ging durch das Haus wie ein stummer Schatten. Wilhelm erschien sie wie die die junge Königin im Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen, die in der Nacht als Geist erscheint und spricht „jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr“. Manchmal, wenn er seine Mutter in ihren schwarzen Kleidern durch das Haus gehen sah, stumm und mit seltsam leerem Blick, bekam er Angst, dass auch sie verschwinden könnte. Die Trauer, die Barbara einhüllte, erschien ihm wie ein dunkles Nichts, in das sie hineinfallen, ein Nebel, in dem sie sich für immer verirren könnte.
Als im Frühling die Tage heller wurden, schien es, als würde das ganze Dorf aufatmen. Die Fenster wurden geöffnet und die Häuser holten Luft. Die Sonne war wieder da, die Natur wurde grün und die Schatten schienen nicht mehr so schwer. Doch der Tod gab sich nicht geschlagen. Im Sommer, als die Hitze über den Feldern schwirrte, nahm er den kleinen Eugen mit, nur eine Woche vor dessen sechstem Geburtstag. Wieder ein kleiner Kindersarg, dem Barbara folgen musste. Da fragten sich die Leute schon, was sie denn getan hatte, dass Gott der Herr sie so strafte. Es war nur acht Monate her, da standen sie schon einmal auf diesem Friedhof, die Kinder, die sich an den Händen hielten und Barbara, die sich an Albert klammerte. Nicht weit von seiner großen Schwester fand Eugen sein Grab.
Barbara hatte aus ihrer Trauer einen unsichtbaren Wall gebaut, Stein um Stein schichtete sie diese Mauer auf. Ihre Kraft reichte noch aus um die nötige Arbeit zu tun und ihre Familie zu versorgen. Für das Kind in der Wiege war nichts mehr übrig. Und so war die erste Hand, die dem Säugling gereicht wurde, die des großen Bruders. Er würde immer zur Stelle sein, wenn Rosa ihn brauchte.

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