Barbara (4)

1901
Februar

In der Stube lehnte sich Barbara an den Kachelofen und presste die Handflächen gegen die heißen Kacheln. Das Kind in ihrem Leib bewegte sich und instinktiv legte sie eine Hand auf den gewölbten Bauch.
„Zwei Wochen wird ´s wohl noch dauern“,
sagte Mina.
„s´ ist dein achtes Kind, wird vielleicht eine leichte Geburt.“
Die alte Hebamme schwieg einen Moment.
Klein ist ´s auch“,
fügte sie hinzu und ein leiser Vorwurf lag in ihrer Stimme.
„Ich habe keinen Hunger.“
Barbara klang apathisch.
„Du weißt doch, dass es mir nicht mehr schmeckt.“
„Barbara um Himmels Willen!“
Mina spürte wie sie zornig wurde.
„Der Herr gibt die Kinder und er nimmt sie!
Maria ist ein Engel im Himmel und dort geht es ihr besser als hier unten!
Versündige dich nicht am Herrn,
Sein Wille geschehe.“
Barbara ordnete ihre Kleider und setzte sich auf. Es hatte keinen Sinn mit Mina zu streiten. Sie sah zum Fenster. Schneesterne bedeckten das Glas.
Dahinter war wie durch einen Filter der weiße Vorhang des ständig fallenden Schnees zu sehen.
„Es schneit immer noch.
Du solltest schauen, dass du bei Tag noch heimkommst, Mina.
Der Wilhelm soll dich begleiten, die Wege sind gefährlich.“
Mit diesen Worten brach sie das Gespräch ab.
Sie ging zur Tür und rief nach ihrem ältesten Sohn.

Wilhelm stürmte herein. In seinen Haaren klebte Schnee, seine Wangen waren rot vom Spiel mit den Brüdern.
Wasser war auf den Straßen vor dem Haus zu Eis gefroren und die Buben hatten daraus eine lange Schleifspur gemacht.
„Wilhelm, du gehst mit der Mina heim.
Nimm die Laterne mit und pass auf, dass nichts passiert.“
Barbara sprach leise, aber eindringlich.
Wilhelm hätte nicht gewagt, seiner Mutter zu widersprechen,
seit Marias Tod war sie ihm fast unheimlich geworden.
„Ist recht, Mutter“,
sagte er und nahm die Laterne und Zündhölzer.
Bis zu Minas Haus am Ortsrand mochte das Tageslicht noch anhalten, aber auf dem Rückweg würde er die Laterne mit Sicherheit brauchen.

So waren die Tage dahin gezogen und hatten sich zu Wochen aufgetürmt. Albert schien es als lebten sie ein jeder auf einer einsamen Insel und kein Schiff verkehrte zwischen ihnen.
„Wenn wenigstens der Winter endlich vorbei wäre“, dachte Albert verbittert.
“Ein bisschen Sonne und Wärme würde uns Allen gut tun.“
Aber es schien, als hätte sich auch der Winter gegen sie verschworen.
Er bot alles auf, Eis Schnee und Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Dicke Eiszapfen hingen an den Hausdächern, wie spitze, zur Erde gerichtete Geschütze, die Eindringlinge fernhalten wollten.
Die Kälte drang durch jede kleinste Ritze, nur dicht am Kachelofen hatte man das Gefühl von Wärme.
Noch zwei Tage, dann wiederholte sich der Todestag von Maria in der sechsten Woche. Es war, als sei in der Familie eine neue Zeitrechnung angebrochen. Es gab eine Zeit „vor Marias Tod“ und eine Zeit „nach Marias Tod“.
Barbara war immer durchsichtiger geworden.
Obwohl sie am Ende ihrer Schwangerschaft angekommen war schien sie ausgemergelt. Tiefe Schatten lagen unter ihren Augen.
„Du brauchst Kraft für die Geburt. Iss!“
redete Mina ihr ins Gewissen.
„Ich habe keinen Hunger,“
war die immer wiederkehrende Antwort,
“ das Kind holt sich schon, was es braucht.“
„Aber wenn es erst einmal da ist, wirst du stillen, und du weißt, das zehrt dich aus.“
„Ja ja, Mina, ist schon gut.“

Am elften Februar wurde das achte Kind geboren.
An diesem Nachmittag saß Barbara in der Stube und sah aus dem Fenster.
Der fünfjährige Eugen und die vierjährige Karoline saßen neben ihr am Tisch und sahen sie aufmerksam an.
„Mutter, weiter!“
Eugen zog an ihrem Rock. Er wollte die Geschichte von Goldener zu Ende hören.
„Der weiße Fink´, die goldene Ros´,
Die Königskron´ im Meeresschoß“,
las Barbara aus Marias Lieblingsmärchen.
Es war keines aus dem alten Märchenbuch. Es war ein Märchen, das sich ein Landsmann mit Namen Justinus Kerner ausgedacht hatte. Barbara liebte es ebenso wie Maria es geliebt hatte.
„…begrüßten alle mit lautem Jubel das Schiff, auf welchem König Goldener stand. Er stand, die helle Krone auf dem Haupte, am Vorderteil des Schiffes und sah ruhig der Sonne zu, wie sie im Meere erlosch.“
Barbara klappte das Buch zu.
„Mutter, hat der Goldener seine Eltern noch mal gesehen?
Ist der noch mal heimgekommen?“
Eugen stellte jedes Mal dieselben Fragen.
„Bestimmt,“
antwortete Barbara ihm abwesend.
„Jetzt dürft ihr euch noch die Bilder im Buch anschauen,“
sagte sie und legte den beiden Kindern das Buch hin.
Eugen konnte sein Glück kaum fassen. Dieses Buch durfte normalerweise keines der Kinder alleine anschauen, es war Barbaras Ein und Alles.
Sie hatte es von ihrer Schwester Berta bekommen, die Marias Patentante gewesen war.
Eugen und Karoline beugten sich über das Buch, Barbara strich Karoline gedankenverloren über die dunklen Haare.
Es war Montag.
Morgen, am Dienstag, war es sechs Wochen her, dass sie Maria verloren hatte.
Sie wusste, Albert hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das neue Kind, das bald zur Welt kommen sollte, sie ablenken könnte von ihrer Trauer um Maria.
Aber sie wollte kein neues Kind.
Sie hätte dieses unbekannte Wesen gerne hergegeben für Maria.
Als ob das Kind in ihrem Bauch diesen Gedanken gespürt hätte durchlief sie in diesem Moment eine heftige Wehe.
Sie krümmte sich.

„Wilhelm!“
Sie keuchte mehr als sie rief.
„Lauf zu Mina“,
stöhnte sie bei der nächsten Wehe.
Wilhelm stürzte aus dem Haus.

Als Mina kam waren die Wehen schon weit fortgeschritten.
Barbara lief auf und ab, Schweiß stand ihr auf der Stirn, unter ihrem weiten Hemd wölbte sich der Bauch.
Mina schickte die Kinder aus dem Zimmer und stützte Barbara.
„Atmen, Barbara, das weißt du doch, Atmen.“
Barbara stützte sich schwer auf Minas Arm.
Am Ende presste sie das Kind heraus, teilnahmslos,
als ob das alles nichts mit ihr zu tun hätte.
Mina hielt das kleine Bündel Mensch in den Armen.
„Barbara, es ist ein Mädchen!“
rief sie und dachte: `Gott hat dir ein neues Mädchen geschenkt -` aber sie sprach es nicht aus.
Als ob sie Minas Gedanken gelesen hätte sagte Barbara tonlos: „Maria kann niemand ersetzen.“
Sie sah ihr Kind kaum an, auch nicht als Albert ins Zimmer kam.
Er nannte das kleine Mädchen Rosa Barbara, als ob er ahnte,
dass es nötig sein würde, irgendeine Art von Verbindung zwischen Mutter und Kind herzustellen.
Und wenn es auch nur der gemeinsame Name wäre.

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