Barbara

Es gab nicht viel, was aus der Welt in das kleine Dorf drang. Das Leben floss in den Menschen dahin wie ein träger schwerer Sirup, dessen Bahn vorgegeben war und nicht verändert werden konnte. Die, die sich je gefragt hatten, ob mehr vom Leben zu erwarten war, waren nicht mehr da. Die erste Auswanderungswelle hatte das Dorf nach den Hungerjahren 1816/17 erfasst, ganze Familien wurden hinaus geschwemmt und trieben in eine unbekannte Zukunft davon. Nur die Alten, die geblieben waren, erinnerten sich noch an sie. Die Auswanderer siedelten im Kaukasus oder an der Wolga und zuerst vergaß man ihre Gesichter und später ihre Namen. Der Herzschlag des Dorfes verlangsamte sich für ein paar Jahre, dann waren die leeren Häuser wieder bewohnt.
Doch immer wieder zog es Dorfbewohner hinaus, jede Generation gebar eine Gruppe von Mutigen, die die Fremde nicht fürchteten und ein besseres Leben in einer neuen Heimat suchten.
Die Familie des Farrenwärters Matthäus hatte noch nie einen Auswanderer hervorgebracht. Sie galten als gottesfürchtig und lebten den Pietismus streng und ergeben. `Arbeit ist Gottesdienst`, dieser Sinnspruch hing in der guten Stube und in diesem Bewusstsein wuchsen auch die Kinder heran.
„Ich gehe nach Amerika,“ erklärte Berta ihrer jüngeren Schwester. „Bist du verrückt?“ Barbara starrte Berta entsetzt an. „Woher hast du das Geld? Die Reise ist doch teuer!“
„Ich habe alles gespart was ich konnte,“ sagte Berta. „Ich brauche ja nicht viel. Und den Rest zahle ich dem Agenten von meinem Lohn in Amerika zurück. Da verdienen Frauen viel mehr Geld als hier.“
Barbara war sprachlos. Berta hatte offenbar alles bereits genau geplant.
„Hast du Vater gefragt?“
Berta lachte bitter auf.
„Fragen? Ihn fragen? Bist du noch gescheit? Er will mich nur verheiraten, aber daraus wird nichts. Wenn er seine Äcker verdoppeln will dann muss er eine andere Sau zur Schlachtbank treiben!“
Sie sah Barbara herausfordernd an.
„Er hat ja noch dich, Schönheit.“
Barbara schaute verlegen zu Boden, sie schämte sich für ihre Schwester. Wie konnte sie nur so frech und undankbar sein?
„Ich liebe Albert“ sagte sie leise.
Berta lachte laut auf.
„Diesen Hungerleider? Dem wird er dich nie zur Frau geben.“ „Er hat mich gefragt, ob ich ihn heirate. Und ich habe ja gesagt. Am Sonntag nach der Kirche geht er zum Vater.“
„Versprich mir, dass du dir den aus dem Kopf schlägst, Barbara. Einen armen Bauern mit kaum so viel Land, dass er zwei Mäuler stopfen kann. Du wirst arbeiten müssen wie ein Gaul und dazwischen bekommst du ein Kind nach dem anderen!“
Berta nahm Barbaras Hände und zwang sie ihr in die Augen zu sehen.
„Versprich es mir, Barbara. Verschenk nicht dein Leben!“
Barbara schüttelte den Kopf.
„Der Herr hat uns unseren Platz gegeben, Berta. Mein Platz ist hier. Und wenn er Albert und mir viele Kinder schenkt so ist das sein Wille.“
Kopfschüttelnd ließ Berta Barbaras Hände los.
„Bei dir ist Hopfen und Malz verloren, Schwester. Jetzt hilf mir mit der Tasche. Ich muss mich auf den Weg machen.“
Barbara sah ihrer Schwester nach. Sie ging mit leichtem Schritt und schien froh, das Dorf wieder verlassen zu können. Barbara war noch nie woanders gewesen als in dem Ort, in dem sie geboren worden war. Die Fremde machte ihr Angst, um nichts in der Welt hätte sie freiwillig diesen Platz verlassen, wo sie jedes Haus und jeden Menschen, der darin wohnte, kannte.

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