Picknick

Die Idee kam mal wieder von Karima. Elsa und ich wären nie imstande gewesen, uns so etwas auszudenken. Wie so oft ließen wir uns von ihr manipulieren, zu etwas hinreißen, was so gar nicht in unserer Natur lag. (Auch wenn Karima ständig das Gegenteil behauptete).
„Wir sollten mal ein Picknick veranstalten“, so eröffnete sie eines Nachmittags unsere Unterhaltung. Wir trafen uns regelmäßig in den Nachmittagsstunden unter einem wunderschönen alten Baum, machten es uns bequem und tauschten die Neuigkeiten des Tages aus.
„Was meinst du mit `Picknick`?“ fragte ich sie.
„Nun, einmal selbst unser Essen besorgen und dann gemeinsam unter unserem Baum verspeisen.“
„Du hast Ideen, ich würde zu gern wissen, wo du das nun wieder her hast.“
Elsa schüttelte den Kopf.
Karima sah Elsa angriffslustig an.
„Hier im Zoo machen so viele Leute Picknick, da können wir das doch auch mal tun!“ sagte sie im Brustton der Überzeugung.
„Warum sollte ich mir mein Essen selbst besorgen? Ich wurde von klein auf bedient, das ist nun wirklich nicht mein Niveau.“ Elsa drehte sich um.
„Es wird euch gefallen, glaubt mir. Das Essen schmeckt besser, und schon die Vorbereitungen machen Spaß.“
„Naja, ich weiß nicht,“ sagte ich. „Das hört sich doch sehr nach Arbeit an. Wir sollten uns das Essen bringen lassen.“
Karima schüttelte unwillig den Kopf und wechselte das Thema.
Es war ihre übliche Taktik. Sie weichte uns auf wie einen Butterkeks, der in warmen Kakao getaucht wird. Ohne dass wir es merkten, sorgte Karima dafür, dass sich unsere Bedenken nach und nach in Luft auflösten.
Es kam wie es kommen musste. Karima hatte uns über Wochen ihrer hartnäckigen Gehirnwäsche unterzogen und plötzlich schien es für Elsa und mich nichts Begehrenswerteres zu geben, als sich sein Essen selber zu besorgen und dann unter unserem Baum ein Picknick zu veranstalten. Am Ende waren wir aufgeregt wie Teenager und konnten es kaum erwarten.
„Wann machen wir denn nun endlich das Picknick?“
fragte ich Karima, wie fast jeden Tag. Doch sie machte ein großes Geheimnis um das Ganze. Sie wollte sich auch nicht zum geplanten Termin äußern.
„Ich muss noch das Menü festlegen,“ sagte Karima an einem unserer gemeinsamen Nachmittage.
„Warum tust du so geheimnisvoll“, fragte Elsa, „ich dachte wir besorgen das Essen gemeinsam?“
„Sagen wir mal so: ich übernehme dabei die Initiative und werde auf eure Vorlieben eingehen. Lasst euch einfach überraschen.“
Mehr wollte sie uns nicht verraten. Also saßen wir hier im Zoo, Nachmittag für Nachmittag unter unserem Baum und warteten. Trotzten der Hitze, lästerten über die Leute die an uns vorbei gingen und warteten geduldig darauf , dass Karima uns den Tag des Picknicks bekanntgab.
Wir drei kannten jeden hier. Am interessantesten waren für uns immer die Tierpfleger. Karima hatte sie alle in Kategorien eingeteilt. Wohlgemerkt, die männlichen Tierpfleger. Für die Frauen interessierten wir uns nicht, die Männer hingegen erhielten unsere volle Aufmerksamkeit.
„Da ist Jan!“ Karima sprang auf. „Sieht er nicht fantastisch aus?“
Jan hatte Kategorie eins.
Er bog um die Ecke am Gepardengehege. Wie immer war sein dichtes blondes Haar verstrubelt, seine braungebrannten muskulösen Arme schoben eine Schubkarre. Die grünen Zoopflegerhosen sahen an ihm aus wie Designerjeans. Keine Ahnung wie er das machte, vielleicht ließ er sie maßschneidern.
„Hallo Mädels,“ rief er uns zu.
Karima gab einen undefinierbaren Laut von sich. Sie sah aus, als ob sie ihn gleich anspringen wollte.
„Meine Güte, Karima,“ echauffierte sich Elsa, “jetzt reiß dich mal zusammen! Das ist ja peinlich wie du Jan anhimmelst. Es muss ja nicht der ganze Zoo über deine Vorlieben Bescheid wissen! In Übrigen ist er weiß Gott nicht standesgemäß.“
Elsa übertrieb wie immer. Sie tat dauernd so vornehm weil einer ihrer Vorfahren angeblich blaues Blut gehabt hatte. Heimlich nannte ich sie `die Prinzessin auf der Erbse`. Elsa war die älteste von uns und vielleicht hatte sie deshalb manchmal so altmodische Ansichten. Oder lag es daran, dass Elsa und ich Jan seit Kindesbeinen kannten und sie glaubte, Besitzrechte an ihm zu haben?
„Ach Elsa, das ist doch heutzutage sowas von egal. Schau dir diesen begnadeten Körper an, was man mit dem alles machen könnte –„ Karima blickte Jan verträumt hinterher.
„Gut, ich gebe zu, wenn ich mir Alfred daneben ansehe -“, ich sah Alfred um jene Ecke biegen, um die Jan eben verschwunden war. Alfred war das genaue Gegenteil von Jan. Etwa 130 Kilo Lebendgewicht steckten in einer ausgebeulten grünen Latzhose, sein Gesicht war gerötet, die fransigen Haare klebten schweißnass am Kopf. Ich seufzte.
Alfred war in Karima`s Einteilung auf 6, das entsprach der untersten Kategorie.
Tiefer konnte man als Mann nicht mehr fallen.
„Auch wenn Alfred der König der Löwen wäre, das wäre nie ein Mann der mich interessieren könnte,“ sagte ich.
“Jan dagegen schon.“
Ich hatte mich zu einem gefährlichen Statement hinreißen lassen. Karima mochte es nicht, wenn man ihr widersprach, aber man durfte ihr auch nicht zu oft Recht geben. Das beflügelte sie in ihren manchmal seltsamen Ideen.
„Siehst du Elsa, Sina versteht mich.“
Karima sah Elsa triumphierend an. Sie betrachtete mich wohl ab sofort als ihre Verbündete. Elsa schmollte, sie wollte auch dazugehören, aber sie konnte einfach nicht über ihren Schatten springen.
„Ist ja auch egal. Ich will weder Jan noch Alfred. Basta,“
sagte Elsa mit Nachdruck und wandte sich ab.
Karima blickte so ratlos, als ob sie bei Rubiks Cube eine Drehung zu viel gemacht hätte und nochmal von vorne anfangen müsste.
„Aber wenn du wählen könntest zwischen Jan und einem anderen Mann, dann würdest du dich für Jan entscheiden, nicht wahr?“
Karima sah Elsa lauernd an.
Elsa schwieg.
Ich zuckte die Achseln. Aussitzen, hieß die Devise. Elsa würde sich schon beruhigen bis zum nächsten Tag. Karima verdrückte sich.
Ich setzte mich neben Elsa. „Karima ist halt nicht von hier. Sie ist Migrantin, da wo sie herkommt, herrschen andere Regeln. Sie braucht einfach noch mehr Zeit um sich einzugewöhnen.“
Elsa antwortete nicht. Schweigend beobachteten wir die vorbeigehenden Besucher.
„Karima ist so anders als wir“, sagte Elsa schließlich leise.
“Manchmal macht sie mir Angst.“
Das fand ich damals übertrieben, aber die Dinge nahmen ihren Lauf und Elsa sollte recht behalten.
Es war einer dieser fantastischen wolkenlosen Sommertage. Elsa und ich hatten uns wie immer an unserem Stammplatz getroffen. Die Sonne war schon über ihren Zenit gewandert und wir genossen den kühlen Schatten unter unserm Baum. Gleichmäßig wie aus einem tropfenden Wasserhahn tropften die Minuten in den Tag, während wir dösten und ab und zu ein paar belanglose Worte wechselten. Karima ging in einiger Entfernung von Elsa und mir scheinbar gedankenverloren auf und ab und nickte uns zu.
Gerade als Jan und Alfred um die Ecke bogen und Jan uns sein fröhliches „hallo Mädels“ zurief, brach Karima zusammen. Etwas zu theatralisch für meinen Geschmack, aber Jan fiel darauf herein. Sofort ließ er alles stehen und liegen.
„Mit Karima stimmt was nicht,“ rief er Alfred zu. „Ich sehe nach ihr!“.
Alfred schrie irgendwas von „Arzt holen“ und „warten“ aber Jan schien ihn nicht zu hören.
Langsam näherte er sich Karima, sie regte sich immer noch nicht.
Als er sich über sie beugte schlug sie zu. Ihre mächtige Pranke traf ihn offensichtlich völlig unerwartet. Karima war so plötzlich über ihm, dass es mir den Atem verschlug. Sie packte ihn am Genick und schleifte ihn unter unseren Baum.
„Picknick, Mädels“ rief sie und sah uns erwartungsvoll an.
„Jetzt können wir ihn vernaschen, den schönsten Tierpfleger im Zoo!“

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