Nachtrag

Irgendwie kommt man ja auch zu nichts wenn man viel Zeit hat. Das ist das Phänomen des Urlaubs, der doch am Anfang wie eine große leere Leinwand vor einem liegt, eine scheinbar unendlich ausgedehnte Kette von Tagen, die man mit all den Dingen ausfüllen kann, die einem gerade so in den Sinn kommen. Zumindest wenn man so wie ich, ohne die Zwänge eines Hotelalltags, in einer Wohnung mitten unter Einheimischen wohnt. Trotzdem rasen die Stunden in völliger Langsamkeit dahin und dann ist er da, der letzte Tag und man fragt sich, wo die Wochen denn geblieben sind. So ging es mir und all die Geschichten von meinen Tagen in Nizza blieben in Hierolyphenschrift in meiner kleinen sonnengelben Kladde von Clairefontaine stecken und harren jetzt auf den Tag der Wiederbelebung. Mittlerweile steht meine Wortwabe wieder im heimatlichen Nieselregen und die Tage voller Sonne und fünfunddreißig Grad im Schatten scheinen so weit weg wie der Mond. Es kommt mir vor als hätte ich eine Zeitreise gemacht und wäre vom Hochsommer übergangslos in den Herbst gereist, dabei bin ich nur eine Stunde mit Lufthansa in die falsche Richtung, nämlich nach Nordosten, geflogen. Aber es hilft ja nichts. Meine sommerliche Bräune hat sich schon fast verflüchtigt und all die leichten Kleidchen und T-Shirts, die die Schnäppchenjägerin in mir im französischen Sale ergattert hat, haben sich in ihr Schicksal ergeben und harren im Schrank aus bis zum nächsten Jahr, denn in diesem Jahr scheint das ja nichts mehr zu werden mit dem Sommer. Grund genug also, die Teile meines Gehirns, die die Erinnerungen abspeichern, anzuzapfen und mit Hilfe der entsprechenden Digitalfotos lebendig werden zu lassen.

Menton

Ich bin ja in meinen Tagen in Nizza zur begeisterten Nutzerin öffentlichen Nahverkehrs geworden. Dank des simplen Systems ist das in Nizza unkomplizierter als die Fahrt von meinem Zuhause in das rund dreißig Kilometer entfernte Stuttgart. Statt der komplizierten Suche nach dem richtigen Zahlencode für die gewünschte Zielhaltestelle zieht man in Nizza ein Ticket für einen Euro fünfzig und fährt los. Das Ticket ist eine Stunde gültig in die gleiche Richtung, man kann also theoretisch auch unterwegs aussteigen und schnell einen Espresso trinken und dann wieder weiterfahren. Der Wechsel von Tram auf Bus kostet nicht nochmal extra. Ich fahre also in „Virgile Barel“ los und steige am „Place Garibaldi“ aus. Von dort laufe ich ein paar hundert Meter bis zum Yachthafen, weil ich immer noch nicht herausgefunden habe wo die Haltestelle des Bus N° 100 am Place Garibaldi denn nun ist. place GaribaldiAber der kurze Weg zum Hafen ist unproblematisch und am Yachthafen gibt es auch immer was zu sehen, zum Beispiel Bootsbesitzer, die am Wochenende ihre Boote auf Hochglanz schrubben ganz so wie es zuhause der anständige Deutsche mit seinem Auto macht. jachtDieses Mal habe ich Glück, der Bus ist nicht so überfüllt und ich bekomme einen Sitzplatz. Die Fahrt dauert eine knappe Stunde und führt an der wunderschönen Küste vorbei durch Monaco nach Menton. Monaco scheint das Ziel fast aller Fahrgäste zu sein, für mich unbegreiflich, ich weiß nicht was an dieser Ansammlung hässlicher Hochhäuser spannend sein soll. CAM01229Ich steige in Menton aus und gehe ein paar Schritte dann bin ich an der Promenade. Eine weitgeschwungene Bucht breitet sich vor mir aus, das Wasser ist so intensiv blau als hätte das Meer eine Absprache mit dem Tourismusverband der Coté d`Azur getroffen, dem Namen auch wirklich alle Ehre zu machen. Es weht ein warmer Wind, es riecht nach Meer und ich entscheide spontan Menton den Titel „Lieblingsstrand“ zu verleihen. Ich laufe die Promenade entlang und das auffälligste ist, daß fast auf der ganzen Länge nicht etwa die üblichen „Büdchen“ mit Andenken, Schwimmringen und Postkarten die Promenade oberhalb des Strandes säumen sondern Restaurants und Cafés ihre Tische und Sonnenschirme aufgebaut haben. Jedes Restaurant hat seine eigene Farbe bei Servietten und Sitzkissen oder Sonnenschirmen gewählt, um sich so zum Nachbarn abzugrenzen und zu signalisieren, wie weit das eigene Areal reicht. CAM01241Die Kellner rennen also mit Speisen und Getränken über die Straße um den Gästen, die bequem direkt am Strand mit ungehindertem Blick aufs Meer sitzen möchten, das Gewünschte zu servieren. Am Ende der Bucht steht ein kleines Holzhaus mit der Aufschrift „Bibliothèque“ und zuerst denke ich , was für ein ulkiger Name für eine Strandbar aber als ich näherkomme stelle ich fest, dass es sich tatsächlich um eine Bibliothek handelt. Offenbar kann sich der Strandbesucher hier Bücher ausleihen, was für eine grandiose Idee!
Als ich mir einen Platz ausgesucht habe muss ich wieder einmal den Sonnenschirm in den Kieseln windfest verankern, was bei den groben Kieseln hier und dem doch mittlerweile kräftigen Wind gar nicht so einfach ist. Ein Häufchen Steine rund um den Stab des Schirms sollte helfen, aber nach einer Stunde kommt einer der französischen Baywatch-Jungs und fordert alle Strandbesucher auf, ihre Sonnenschirme zu schließen, weil der Wind zu kräftig ist. Rundherum höre ich fast nur Italienisch, Menton scheint bei den italienischen Nachbarn als Urlaubsziel sehr beliebt zu sein. Ich kann mich da nur anschließen und es fällt mir schwer, mich am Abend loszureißen und den Heimweg nach Nizza anzutreten.CAM01240
Beim Warten auf den Bus habe ich Zeit, mich in die Fassade des Hauses gegenüberder Haltestelle zu verlieben, diese Art der Verzierung habe ich häufig gesehen, aber das war eine besonders schöne Variante.fassade in Menton

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