Das Sockenparadies

Vor kurzem, es war einer dieser gruselig-grauen Wintertage, an denen es nie richtig hell wird, saß ich in meiner wortwabe und litt an Winterdepression. Irgendwie ging alles schief an diesem Tag und es gipfelte darin, dass nach dem Waschen eine meiner Lieblingssocken, handgestrickt von meiner Schwester, verschwunden war. Ich hatte es mir schon in meiner Melancholie gemütlich gemacht und badete in Trübsinn als mich das Telefon zwang, aus meinem Seelenmorast aufzutauchen. Ein guter Freund, ebenso feinfühlig wie phantasievoll, erzählte mir folgende Geschichte, die mich auch prompt aufheiterte:

Das Sockenparadies

Wir kennen alle das Phänomen der sich in Nichts auflösenden Socken. Man steckt ein vollständiges Paar Socken in die Waschmaschine und nur eine kommt nach dem Waschgang wieder zum Vorschein. Auch das sorgfältige Ausschütteln von T-shirt-ärmeln und Hosenbeinen bringt nichts zutage, das Absuchen und Abtasten der Waschmaschinentrommel bleibt völlig ergebnislos. Die fehlende Socke ist und bleibt verschwunden und wird auch nie wieder auftauchen. Es soll ja Menschen geben, die nur identische Socken besitzen, damit in diesem Fall immer ein Gegenstück vorhanden ist und sich bei Schwund so automatisch neue Paare ergeben, die auch zusammenpassen. Doch wurde das Phänomen des Sockenschwunds jemals untersucht? Es ist wunderbar und rätselhaft zugleich und wird nie endgültig gelüftet werden. Wohin verschwinden sie, die namenlosen Socken aller Größen und Farben, die Jahr für Jahr in Waschmaschinen verloren gehen? Es gibt wunderbare Geschichten, die unter Socken erzählt werden und das eine oder andere Bruchstück ist bis zu mir durchgedrungen. Auch unter Socken gibt es Plaudertaschen die sich gerne wichtigmachen und eine gute Story nicht für sich behalten können. Von ihnen stammt die Information über das Sockenparadies. Was für Nemo der Abfluss („alle Abflüsse enden im Meer“ ) ist für Socken „Das Große Tor“ – die magische Pforte ins Sockenparadies.  Angeblich gibt es in jeder Waschmaschine ein „Großes Tor“ – und unter den Socken wird von Generation zu Generation die mystische Geschichte vom Sockenparadies weitergegeben. Die Großen erzählen es den Kleinen, vornehme Golfsocken erzählen es sportlichen Tennissocken, jede Socke kennt irgendeine Geschichte vom Sockenparadies. Nachts, wenn es still wird in Schränken und Ankleiden, flüstern sich die Socken die Geschichten vom Sockenparadies in die Bündchen, und am Morgen, wenn sie wieder zwischen Fuß und Schuh gequetscht werden, träumen sie den Traum von grenzenloser Freiheit und freier Partnerwahl. Ja, so ist es, die Socken wären gerne frei in der Wahl ihrer Partner und manch einer wäre auch viel lieber Single. Aber als Socke die sozusagen „an festen Füßen“ ist, wird man für immer dazu verdammt sein, mit dem eigenen Zwilling, seinem eigenen Spiegelbild, in der Schublade zu liegen. Im Sockenparadies aber ist alles möglich, es gibt keine Standesunterschiede, alle sind gleich. Rot paart sich mit schwarz, gelb mit grün oder lila mit orange. Der feine Seidenstrumpf kann eine Beziehung mit einer handgestrickten Wollsocke eingehen und sich an sie schmiegen, die bunt geringelte Mädchensocke kann sich mit dem Funktionskniestrumpf einlassen und niemand wird sich daran stören. Und alle, die lieber alleine durch das Paradies der Socken streunen und sich mal mit der einen und dann mit der anderen zusammenrollen werden ebenfalls glücklich. Das sind die Geschichten, die in der Sockenmatrix kursieren, und wen wundert es da, wenn jede Socke sich in der Waschmaschine auf die Suche nach diesem „schwarzen Loch“, nach dem „Großen Tor“ in die Freiheit macht? Doch wie im wahren Leben liegt die Tragik in der Frage: was geschieht mit denen, die alleine zurückbleiben? Sie haben keinen Sinn mehr, der Sockenbesitzer hat keine Verwendung für die Socke ohne Partner. Sie landen also bestenfalls in der Kleiderspende, oder aber gleich auf der Müllkippe. Vorn dort gibt es keine Chance mehr auf das Sockenparadies, denn der einzige Zugang führt durch eine Waschmaschinentrommel im Schleudergang, wenn sich das schwarze Loch zum Sockenparadies öffnet. Diese armen Gesellen wären vielleicht auch gerne ausgebrochen, aber sie hatten keinen Mut. Oder sie haben ihren Partner geliebt und hätten im Traum nicht daran gedacht, dass sie verlassen werden könnten für ein Leben in einer Welt, von der keine Socke weiß, ob sie wirklich existiert, denn bekanntermaßen ist noch keine zurückgekommen und hat davon berichtet. 

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