Stuttgart – Köln, einfach (1)

Teil 1 Stuttgart – Mannheim, Mannheim – Koblenz

Heute habe ich herausgefunden, dass ich Zugfahren hasse. Keine Ahnung, warum das plötzlich so gekommen ist. Vielleicht ist der überfüllte ICE von Stuttgart nach Mannheim schuld daran. Ich komme mir vor, als wäre ich Teil einer gigantischen Völkerwanderung, eingekreist von Menschenmassen, die scheinbar wissen, wohin sie wollen und doch wie verlorene Schafe ziellos umherirren. Auf der Suche nach dem richtigen Wagon, dem reservierten Sitzplatz, der Fahrkarte oder einem Platz für das überdimensionierte Gepäck schieben sie sich durch die schmalen Gänge. Ich bin froh, als ich endlich auf meinem Platz sitze und versuche, einfach unsichtbar zu werden. In Mannheim steige ich aus dem überfüllten ICE um in einen IC nach Köln. Sparpreis heißt für weniger Geld länger Zugfahren. Im Grunde bekomme ich also mehr Zugfahrzeit obwohl ich weniger bezahle. Hier wird mir der Inhalt des Satzes „Zeit ist Geld“ mehr als klar. Heute habe ich aber Zeit und kann die so gesparten 34 Euro heute Abend  zum Beispiel in ein leckeres Essen investieren. Außer der Geschwindigkeit gibt es  keinen großen Unterschied zum ICE, ich stelle sogar überrascht fest, dass mir das langsamere Fahren mehr zusagt als das Tempo des ICE. Außerdem ist der Wagon hier irgendwie heller und auch nicht so überfüllt. Mein Nebensitzer macht komische Geräusche beim Trinken aus der Wasserflasche und ich hoffe sehr, dass er nicht auf die Idee kommt, mich in ein Gespräch zu verwickeln, denn ich habe definitiv keine Lust mich zu unterhalten. Ich gehe aber davon aus, dass jede Zelle meines Körpers diese Ablehnung ausstrahlt und ich wie geplant meine Reise schweigend fortsetzen kann Vielleicht bin ich menschenscheu geworden in den letzten Jahren, Kommunikation mit Fremden ist mir zunehmend lästig und auch zu anstrengend. Wie befürchtet habe ich jetzt aber den Kampf um die Armlehne, die die beiden Sitzplätze trennt, verloren. Eigentlich ist es eine Frechheit, nur eine Armstütze für zwei Reisende einzubauen. Einer zieht immer den Kürzeren. Der Mann neben mir, der sich als rücksichtsloser Armstützenbesetzer entpuppt hat, ist etwa fünfzig Jahre alt, groß und sehr dünn. Er hat längeres, dunkelblondes Haar, das wirr vom Kopf absteht. Seine Fingernägel sind unnatürlich kurz, sie enden einige Millimeter unterhalb der Fingerkuppe. Jetzt setzt er sich eine schmale Lesebrille auf, zieht die Bahnzeitschrift aus der Sitztasche und während er liest kratzt er sich selbstvergessen am Schritt. Wie gesagt, neuerdings hasse ich  Zugfahren. Ich bin sozusagen eben zur ersten Vorsitzenden des neugegründeten Zughasserclubs aufgestiegen.

Die Asiatin rechts vor mir hat Sandalen an, ohne Strümpfe. Ich frage mich, warum sie an einem so kühlen, regnerischen Herbsttag keine geschlossenen Schuhe trägt. Ist es eine Touristin, die nicht mit den typisch deutschen Herbsttemperaturen gerechnet hat? Hat sie nur Sandalen? Schwitzt sie vielleicht unnatürlich stark an den Füssen? Will sie sich abhärten? Oder hat sie eine Wette abgeschlossen (Wetten, dass ICH diesen naßkalten Tag mit nackten Füßen in Sandalen überstehe, ihr Warmduscher?)Ich finde jetzt Gefallen daran, den anderen Reisenden auf die Füße anstatt in das Gesicht zu sehen. Neben mir auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Frau mit strengem Blick, die in ihren Bequemschuhen schwarze Socken mit weißen Tupfen trägt. Nichts sonst an ihr hat etwas Kindliches oder Verspieltes an sich. Sie könnte eine pensionierte Lehrerin sein, wahrscheinlich Latein und Geschichte. Jetzt ist sie auf dem Weg zu ihrem Sohn und dessen Familie. Sie mag ihre Schwiegertochter aber nicht leiden, weil die genau diese Leichtigkeit hat, die sie selber immer gerne gehabt hätte. Sie selbst hat es aber nur zu getupften Socken gebracht. Mein Nebensitzer war in der Zwischenzeit zweimal auf der Toilette. Jetzt trinkt er eine Dose Coca Cola und das Geräusch, das er beim Trinken aus der Dose macht ist noch schlimmer als wenn er aus seiner Wasserflasche trinkt. Scheinbar ernährt er sich von Wasser, Coca Cola und Fingernägeln, die er ausgiebig beim Lesen knabbert. „Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Koblenz Hauptbahnhof“

3 Gedanken zu „Stuttgart – Köln, einfach (1)

  1. Ich liiiiiebe stundenlanges Bahnfahren. Man entdeckt dort die Zeit für sich selbst wieder, das nicht unbedingt auf ein Ziel gerichtete Nachdenken, das Gedanken schweifen lassen, das Dösen. Ich kann mein Skizzenbuch hervorholen oder den angefangenen Krimi, ich kann, wenn ich mag, meine Sitznachbarin kennenlernen, ich kann stricken, ich kann mir einen Songtext ausdenken oder ich kann träumen. Und das alles liebe ich besonders im ICE, in dessen bequemen Sitzen ich durchaus auch einschlafen kann.
    LG von Rosie

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