Rosa (5)

1905

Die Geburten reihen sich aneinander wie die Perlen einer Kette. Im Herbst 1905 erwartet Barbara ihr zehntes Kind (ein Mädchen, man wird sie Wilhelmina taufen, zu Ehren des Kaisers) und Barbara ist nach dieser Geburt erschöpft wie nach keiner anderen. Sie denkt an Maria und weiß, jetzt wäre sie dreizehn Jahre alt.

Der Schmerz ist nicht mehr so übermächtig wie im ersten Jahr. Er ist von einer großen Lawine, die sie immer wieder zu überrollen drohte, zusammengeschmolzen zu einem harten kleinen Stein, den sie in ihrer Brust trägt. Der Stein reibt beständig eine kleine Wunde in ihre Brust, kaum hat sich die Wunde mit dünner Haut überzogen reißt die Erinnerung sie wieder auf. Der Schmerz ist da so wie ihr Herz da ist, selbstverständlich, ein Teil von ihr. Ihr Herzschlag und das Pochen dieser Wunde sind eins geworden.

Jetzt holt sie den schmerzenden Stein hervor. Sie schließt die Augen und hält ihn in ihrer Hand, fühlt, wie schwer er wiegt.

„Er ist kleiner geworden, aber nicht leichter,“

Sie versucht, sich Marias Gesicht vorzustellen aber es ist noch mehr zu einem Schemen geworden, es gelingt ihr nicht mehr.

Rosa ist jetzt vier Jahre alt, eine lebendige Erinnerung an diesen Winter, in dem Hoffnung und Verzweiflung sich so nah waren.

„Wenn du nicht willst, dass deine Kinder zu Halbwaisen werden, dann musst du etwas unternehmen,“ Frieda, die alte Hebamme, rückt mit energischen Bewegungen den Schurz über ihrem Bauch zurecht. „Barbara braucht Hilfe, zehn Geburten in sechzehn Jahren – und du weißt, wie sehr sie immer noch um Maria trauert. Sie wird nicht mehr auf die Beine kommen, wenn du nicht endlich etwas tust!“ Frieda steht vor Albert, die Hände in die Hüften gestemmt, und sieht ihm direkt in die Augen. Albert, der nie viel spricht, steht auf und geht ohne ein Wort hinaus. Frieda packt kopfschüttelnd ihre Sachen ein und macht sich auf den Heimweg. Aber ihre deutlichen Worte haben Albert Angst eingejagt. Am nächsten Morgen spannt er den kleinen Wagen an und macht sich auf den Weg zu Berta, der kinderlosen Schwester der Wöchnerin.

„So geht es nicht mehr weiter“, bestimmt Berta,. „Du brauchst Entlastung. Warum gibst du mir nicht ein Kind mit? Wir haben Platz und dir würde es helfen!“ Barbara, von klein auf gewöhnt von ihrer herrischen Schwester in barschem Ton herumkommandiert zu werden, fügt sich. Die Frage, welches Kind zur Tante Berta muss, ist schnell beantwortet: „ Die Rosa geht.“  Wilhelm, der sich seit Rosas Geburt für sie verantwortlich fühlt, stellt sich vor seine kleine Schwester. „Rosa ist zu klein! Anna kann zur Tante Berta gehen, der Anna würde es gut tun, sie ist doch immer krank.“ Doch Barbara bleibt hart. „ Es ist entschieden, die Rosa geht.“  Und so fährt Rosa mit Onkel und Tante  und ihren paar Habseligkeiten in der Kutsche weg von ihrer Familie und allem, was ihr vertraut ist. (Rosas erste Reise). Der Schmerz darüber, dass ausgerechnet sie weggeschickt wird, fällt wie ein giftiges kleines Samenkorn in ihr Herz.

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