Rosa (4)

1901

Barbara treibt wie ein stummer Schatten durch das Haus. Wilhelm erscheint sie wie die die junge Königin im Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen, die in der Nacht als Geist ihr Kind besucht und spricht „jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr“. Manchmal, wenn er seine Mutter in ihren schwarzen Kleidern durch das Haus gehen sieht, stumm und mit seltsam leerem Blick, bekommt er Angst, dass auch sie verschwinden könnte. Die Trauer, die Barbara einhüllt, erscheint ihm wie ein dunkles Nichts, in das sie hineinfallen, ein Nebel, in dem Barbara sich für immer verirren könnte.

Als im Frühling die Tage heller werden, atmet das ganze Dorf auf. Die Fenster werden geöffnet und die Häuser holen wieder Luft. Die Schatten, die auf Barbara liegen, scheinen leichter zu werden. Doch der Tod gibt sich nicht geschlagen. Im Sommer, als die Hitze über den Feldern schwirrt, nimmt er den kleinen Eugen mit, nur eine Woche vor dessen siebtem Geburtstag. Wieder ein kleiner Kindersarg, dem Barbara folgen muss. Da fragen sich die Leute schon, was sie denn getan hat, dass Gott der Herr sie so straft. (Nichts ist schlimmer als wenn man seinen Kindern hinterhergehen muss). Es ist nur acht Monate her, da standen sie schon einmal auf diesem Friedhof, die Kinder, die sich an den Händen halten und Barbara, die sich an Albert klammert. Nicht weit von seiner großen Schwester findet Eugen sein Grab.

Barbara hat aus ihrer Trauer einen unsichtbaren Wall gebaut, Stein um Stein schichtet sie diese Mauer auf. Ihre Kraft reicht noch aus um die nötige Arbeit zu tun und ihre Familie zu versorgen. Für das Kind (die kleine Rosa) in der Wiege ist nichts mehr übrig.

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