Rosa (2)

Rosa, eine kleine Blume, die Augen zwei blaue Tropfen in ihrem winzigen Gesicht. Barbara hat das Kind aus sich herausgepresst als ob es nichts mit ihr zu tun hätte. Es (das Kind) ist zu klein, sagt die Hebamme, es wird wohl die Nacht nicht überleben. Ihr müsst eine Nottaufe machen. Wilhelm, der Älteste,  ein stiller Beobachter, starrt auf das Kind, wartet, dass die Seele den kleinen Körper verlässt. Aber das Kind stirbt nicht. Barbara taumelt durch das Haus wie Treibgut im Meer, ziellos. Doch das neue Kind (Rosa) gedeiht trotz der fehlenden Mutterliebe. Schon jetzt scheint sie zu wissen, dass sie nur bekommt, was sie sich erkämpft. Sie weint ohne Unterbrechung bis Barbara sie wieder stillt.

Das Kind weiß was es will, sagt die Hebamme nach einer Woche. Rosa kämpft um ihr kleines Leben, mit nachdenklichem Gesicht (wie ein Stiefmütterchen) blickt sie in die Welt. Da ist die Mutter, deren Herzschlag sie kennt. Der Vater, dessen Stimme sie hört, und da ist Wilhelm. Der erste, der sie bei ihrem Namen nennt, Rosa. Alle anderen werden noch monatelang „das Kind“ sagen, wenn sie von ihr sprechen. Der Beginn ihres Lebens untrennbar verbunden mit dem Tod der älteren Schwester. Der Winter,  in dem sie geboren wurde, für immer der Winter in dem Maria starb.

Später wird man Rosa fragen, wie das war, damals in ihrer Kindheit. Und sie wird die Augen schließen und Wilhelm sehen. Seine dunklen Locken, seine starken Arme, das hellrote Zahnfleisch, wenn er lacht. Sie denkt an seine überstürzte Hochzeit, (weil Else schwanger war) Spätsommersonne, die Braut in schwarz, der Bräutigam in grau (Uniform). Heimaturlaub. Wie ein unsichtbares Band wob die Angst alle zusammen. Sie standen auf einem Teppich aus unausgesprochenen Gebeten, Verzweiflung und geahnten Katastrophen. Und sie wird wieder an diesen Frühlingstag denken (erste Sonne), als sie mit Wilhelms junger Frau (hochschwanger) vor dem Glaskasten am Rathaus steht, wo der Büttel die neuen Gefallenenlisten aufgehängt hat. Ihr Finger, der suchend die Liste entlangwandert, bis er auf Wilhelms Namen stehenbleibt. Wie sie erstarrt und ihren Finger nicht lösen kann von dieser Ansammlung falscher Buchstaben. Wie Else neben ihr aufschreit, zusammenbricht. Hände, die sie wegzerren von dem Kasten und ihr rechter Zeigefinger, immer noch ausgestreckt, wie ein Mahnmal. Wilhelm, ihr schöner Bruder, zerschossen in irgendeinem Schützengraben.

An diesem Tag entschied sich Rosa, wegzugehen.

Ein Gedanke zu „Rosa (2)

Ich liebe Kommentare! Nur zu!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s