Rosa (1)

Es ist Winter. Grauer, nebelgesichtiger Winter. Äste brechen unter der Last des Schnees und der Kälte. Trügerische Schneeflocken, fallen so weich vom Himmel und werden hart wie Glas.

Marias Husten erfüllt den Raum. Barbara steht vor dem Bett, starrt auf das bleiche kleine Gesicht (so weiß wie Schnee) und streicht Maria eine schweißnasse dunkle Locke (schwarz wie Ebenholz) aus der Stirn. Lauernd steht der Tod neben dem Kamin. „Wenn ich einschlafe nimmt er sie mit.“ Nicht schlafen, nie mehr schlafen. Bis wir wieder fröhlich am Tisch sitzen und jemand sagt, weißt du noch, der Winter als Maria so krank war? (Und wenn sie nicht gestorben sind). Maria hustet. Ein trockenes, keuchendes Geräusch, wie ein Kratzen auf rauem Papier, ein Atemholen ohne Atem. Zwei Kinder in einem Zimmer. Eines auf der Schwelle des Lebens (kurz vor der Geburt) eines schon fast hinübergeglitten in einen fiebernden Traum. Treffen sie sich in diesem Niemandsland und halten sich fest? Der Schnee fällt unaufhörlich. Die Konturen der Landschaft werden rund und weich, die kahlen Äste der Eiche vor dem Haus sind mit weißen Bändern geschmückt wie für ein Fest. Barbara starrt aus dem Fenster und blinzelt in das Nichts aus wirbelnden Flocken. Der Tod grinst sie zuversichtlich an. „Nicht einschlafen“, ein schwächer werdendes Mantra. Nicht einschlafen.

In dieser Nacht stirbt Maria. Als Barbara aufwacht, einen Arm um das tote Kind geschlungen, ist der Tod verschwunden. Staubkörnchen reisen auf einem Sonnenstrahl durch das Zimmer.

Das Grab für Maria wird dem gefrorenen Boden  mit Mühe abgerungen. Barbara steht vor dem kleinen Sarg, den schwangeren Bauch mit dem anderen Kind wie ein Schild vor sich. Die Trauergäste blicken an ihr vorbei als sie kondolieren (wie ein Kind das sich die Hände vor das Gesicht hält und glaubt, es wäre unsichtbar). Sie wollen weg, zurück in die Normalität des eigenen Lebens. Doch Barbaras Trauer ist machtvoll, hängt wie Nebel über dem Platz und kriecht mit langen Tentakeln über den Schnee. Nistet sich ein in ihre Mäntel wie schlechte Luft, verfolgt sie bis in ihre Häuser und nimmt ihnen den Atem.

Drei Wochen später wird Rosa geboren.

Ein Gedanke zu „Rosa (1)

  1. nebelgesichtiger winter…..reisende staubkörnchen im licht……..seite an seite mit dem tod…….mit langen tentakeln über den schnee kriechende trauer……..drei wochen später wird rosa geboren.

    wie schön liest sich das!

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