Trainingslager

Es soll Menschen geben, die viel Geld bezahlen um unter fachkundiger Anleitung an ihre Grenzen zu gehen. Sie lernen, sich zu konzentrieren und laufen dann über glühende Kohlen oder eine Bahn aus Glasscherben, sie steigen auf Bäume und hangeln sich von Ast zu Ast oder essen Insekten. Es ist wirklich spannend, was man alles mit Willenskraft und dem nötigen Quantum innerer Gelassenheit bewältigen kann. Ich bin mittlerweile Spezialistin auf diesem Gebiet und das völlig kostenlos. Jahrelanges Training haben der Belastbarkeit meiner Nerven zu wahren Höhenflügen verholfen. Als Mutter, neudeutsch auch Familienmanagerin genannt, bin ich der CEO unserer Familie, mit dem Unterschied, dass ich keine Angestellten habe, die mir gegen monatliches Salär ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Nebenbei bin ich die externe Festplatte für alle – „Mama, wo sind meine Laufschuhe?“ „Weißt du wo das Ladekabel für mein Handy ist?“ Man hält mich für ein allwissendes Wikipedia der Dinge, das zentrale Navigationssystem im Dschungel unseres gemeinsamen Heimes. Einmal im Jahr nehme ich an einem freiwilligen Trainingslager teil: Familienurlaub!

Wir sind die typischen Individualreisenden, lieber im Ferienhaus als im Hotel, lieber landestypisch als im Touristenghetto. Dieses Jahr wünschte sich unser Sohn einen Badeurlaub im Hotel. Wir schlossen einen Kompromiss und zogen nach einer Woche in einem Häuschen mitten in einer Kleinstadt in Venetien um in ein Hotel mit Pool an der italienischen Adria. Das Hotel war sorgfältig ausgesucht, dank verschiedener Portale im Internet wusste ich, dass hier vorwiegend Franzosen und Italiener Urlaub machen. Der Einsatz der erlernten Fremdsprachen war so zumindest schon garantiert. Ebenso der Abbau diverser Vorurteile, die sich im Laufe des Schullebens bei unserem Junior aufgebaut haben: „Ich dachte, die Franzosen sind alle Spasten aber die sind eigentlich ganz cool.“ Jetzt „chillt“ er den ganzen Tag mit seinem französischem Kumpel und stochert in seinem Schulwortschatz nach den richtigen Wörtern. Ich freue mich insgeheim über den gelungenen pädagogischen Coup und widme mich dem weiteren Ausbau meiner Belastbarkeit indem ich am Pool ausharre, bis die Wassergymnastik der beiden dauergutgelaunten Animateurinnen vorüber ist.  Die Sommerhitze lähmt jegliche Aktivität, Tage verrinnen wie Sand im Uhrenglas und nachts wache ich schweißgebadet auf, weil ich geträumt habe unter Sand begraben zu sein.  Die Geräuschkulisse ähnelt der im Freibad unserer Kleinstadt, mit dem Unterschied, dass die Durchsagen des Bademeisters („Der kleine Kevin sucht seine Mama“) fehlen. Zwischen zwölf Uhr dreißig und fünfzehn Uhr ist Mittagsruhe am Pool und der Tross der Urlauber setzt sich gehorsam in Richtung Speisesaal in Bewegung. Am Nachmittag fliehe ich an den Strand, wo die meisten Liegen im Bagno aus unerfindlichen Gründen leer sind – vermutlich sind die Hotelgäste lieber am Pool anstatt auf ihren reservierten Liegen am Meer. Ich harre aus, bis die Sonne untergeht und streiche in meinem virtuellen Kalender Tag vier des Trainingslagers aus. Noch drei Tage und der Alltag hat mich wieder – ich befürchte aber, dass ich mich dann an dieses Leben gewöhnt habe und mich womöglich danach zurücksehne.

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