Adria – Ah

Anna, die Chefin unseres Bagno. Ist der Inbegriff der italienischen Mama. Eine Mutter Courage der Liegestühle gewissermaßen. Sie wacht über den großen Plan an der Wand der kleinen Bar, auf dem alle Liegestühle ihres Bagno eingezeichnet sind. Neue Gäste werden von ihr persönlich  einem Liegestuhlpäarchen nebst Sonnenschirm zugeordnet. Sie zählt die Tage, die der Gast zu bleiben gedenkt, am Kalender ab („uno, due, tre, quattro, cinque, sei – ecco “) und teilt dann den entsprechenden Platz zu. Ihre Stimme ist unglaublich, rau, wild und kratzig, ich erwarte ständig, den berühmten Satz aus ihrem Mund zu hören: „Ich habe ihm ein Angebot gemacht, dass errrr nicht ablehnen konnte!“ – Aber Anna spricht natürlich nur Italienisch. Sie lobt die „occhi azzuri“ unseres Sohnes und findet er ist groß für sein Alter, weswegen wir einen Platz am Gang haben sollten. Die Argumentation erschließt sich mir nicht ganz, trotzdem bin ich lieber am Gang als mittendrin. Ihre nicht unbeträchtliche Leibesfülle steckt in einem schwarzen Rock und einem spitzenbesetzten Oberteil, die Haare sind zu einem kleinen Zopf zusammengebunden, den eine rote Schleife ziert. Ihre Haut ist blass wie die der neu angekommenen Touristen, ihr Gesicht durchzogen von vielen kleinen Fältchen. Die braunen Augen haben alles im Blick, ihre charmante Tochter Rosa ebenso wie den schweigsamen Matteo, der für das Aufbauen der Liegestühle und Schirme sowie das Abräumen der Tische der kleinen Bar zuständig ist. Ich trinke Rosas großartigen Cappuccino an einem der kleinen Tische auf der Terrasse begleitet vom ständigen Flapp-Flapp der Badeschlappen und Flip-Flops der Vorübergehenden.

Die Sinfonie unseres Bagno ist das leise Plätschern der Stranddusche, begleitet vom Flapp-Flapp der Schuhe und dem Klappern des Geschirrs hinter der Theke. Dazwischen Gesprächsfetzen in Italienisch, Französisch und Deutsch. Den strahlendblauen Himmel über den gelben Schirmen gibt es gratis dazu. Am Strand reiht sich Liegestuhl an Liegestuhl, eine endlos scheinende Armee von Sonnenschirmen zieht sich Kilometer für Kilometer die Adria entlang. Statt Sirenengesang ertönt Tag für Tag das monotone Flapp-Flapp.

Die Sonne ist völlig unparteiisch, sie scheint für arm und reich, für Italiener ebenso wie für Franzosen, Schweizer oder Deutsche. Sie scheint für die ständig plappernde junge Mutter vor mir und für ihren genervten Ehemann, der sich schlafend stellt und aus den Augenwinkeln die hübschen Mädchen beobachtet, die vorübergehen. Begleitet von Schwiegereltern, Schwager, Ehefrau und zwei kleinen Kindern hat er es nicht leicht. Seine Frau redet immer noch, seit etwa zehn Minuten referiert sie über Sonnenmilch, verschiedene Schutzfaktoren, Wasserfestigkeit und Preise. Sie führt die Ergebnisse von Stiftung Warentest an, die sie zu dem Schluss gebracht haben, dass sie, ohne Nachteile zu haben, die billigen No-Names kaufen kann, da deren Qualität ebenso gut ist wie die der teuren Markenprodukte. Eines der Kinder quengelt und will ins Wasser, der Ehemann stellt sich noch immer schlafend, also nimmt sie das kleine aufblasbare Schlauchboot und geht mit den Kindern zum Meer. Ich meine einen leisen Seufzer der Erleichterung aus dem Liegestuhl vor mir zu hören. Mit lautem Flapp-Flapp treffen kurz darauf Schwiegervater und Schwager ein.

„D´Chrischtine isch Bada,“ informiert er seinen Schwiegervater. Die drei Männer sind sich schnell einig, dass die Zeit reif ist für ein kaltes Bier an der Bar und verlassen den Strand.

Die Sonne senkt sich langsam und bald wird sie hinter dem „San Giorgio“ verschwunden sein. Matteo wird die Liegestühle in den Schlafmodus versetzen während die Urlauber sich im Hotel den Sand von der Haut waschen. Das letzte Flapp-Flapp an diesem Abend im Bagno ist das von Anna, als sie das Tor schließt, die Kette vorlegt und auf die Promenade tritt.

Ein Gedanke zu „Adria – Ah

  1. Ich sehe sie vor mir, die Herrscherin der Liegestühle. Was wäre aus Anna wohl in Deutschland geworden? Im schlimmsten Fall eine Blockwartin und im besten ein Original, aber eben nicht das, was sie in Italien sein kann, Normal!

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