Die Notenprinzessin

– Ein musikalisches Märchen –

In einer kleinen Stadt lebte einmal ein armer Musikus. Der Lohn für das Orgelspiel in der Kirche reichte kaum zum Leben und so fristete er ein ärmliches Dasein. Eines Tages hörte er, dass im gräflichen Schloss ein Musiklehrer für die drei Töchter des Grafen gesucht wurde und er wollte sich um die Stelle bewerben.

Das Schloss des Grafen lag umgeben von einem wunderschönen Garten am Rande der Stadt. Die junge Gräfin liebte die Musik und ihre Töchter sollten den besten Musikunterricht bekommen. Als der Musikus sich vorstellte musste er zum Beweis seines Könnens gleich etwas auf dem Klavier vorspielen. Die Gräfin war hingerissen von seinem Spiel und damit war seine Anstellung als Musiklehrer im Schloss besiegelt.

Was für ein Fest war es für unseren jungen Musikus, als er die ärmliche Dachkammer verlassen und ein schönes Zimmer im Schloss des Grafen beziehen konnte! Mit Begeisterung nahm er die Unterrichtung der kleinen Gräfinnen auf und schon bald konnten sie einfache Lieder auf dem Klavier spielen.

Es war wohl fast ein Jahr vergangen, da beschloss die junge Gräfin, ein Sommerfest zu veranstalten, anlässlich dessen die Kinder ihr Können zum Besten geben sollten. Es wurde unermüdlich geübt und geprobt und endlich war der große Tag gekommen. Es war ein frühsommerlicher lauer Abend, der Jasmin im Garten blühte üppig und verströmte seinen Duft, die Sonne war noch nicht ganz untergegangen und der Himmel leuchtete in den schönsten Farben.

Nach dem Kaffee hatte sich die Gesellschaft im Garten verstreut aber jetzt versammelte sich alles im Festsaal des Schlosses, wo die drei Mädchen voller Aufregung ihrem Auftritt entgegenfieberten. Der Abend wurde ein großer Erfolg und der Graf bedankte sich am Ende des Konzerts bei unserem Musikus und sprach davon, dass endlich die alten Räume wieder von Musik erfüllt seien, und die Tradition fortgesetzt würde. Der Musikus verstand nicht recht, was der Graf damit meinte, nickte aber artig zu den Worten und machte eine Verbeugung zum Publikum. Am nächsten Tag konnte er seine Neugierde nicht zügeln und ging in die Küche um die alte Köchin, die schon ihr ganzes Leben im Schloss verbracht hatte, zu fragen, was mit dieser Tradition, die der Graf erwähnt hatte, gemeint war. Sie wiegte den Kopf und sagte, die alten Geschichten sollte man ruhen lassen aber er gab nicht nach und am Ende setzte sie sich doch zu ihm und erzählte:

„Es mag nun fast hundert Jahre her sein, als der Urururururgroßvater des jungen Grafen hier gelebt hat. Alle großen Musiker der Zeit gingen in diesem Hause ein und aus. Der Urahn des heutigen Grafen hatte einen wunderschönen Flügel gekauft, ein außergewöhnliches Instrument, denn damals gab es noch gar nicht so viele Klaviere und Flügel wie man sie heute kennt. Und weil er die Musik so liebte lud er immer wieder bekannte Künstler ein im Schloss aufzutreten. Man erzählt sich, dass in dieser Zeit ein ungewöhnlicher junger Mann, der wohl über Nacht mit seinen Kompositionen Berühmtheit erlangt hatte, zum Konzert im Schlosse gastierte. Er spielte an einem Vollmondabend auf dem Flügel seine neueste Sonate und die Musik war so traurig, dass die Frau des Grafen nach dem Konzert in Schwermut versank und niemand sie jemals wieder lachen sah. Der Flügel aber war über Nacht verstummt und nie wieder konnte ein Mensch dem Instrument einen Ton entlocken.“ Damit endete die Erzählung der alten Köchin. „Aber was ist mit dem Musiker geschehen, der diese traurige Musik gespielt hat?“, fragte der Musikus aufgeregt. „Er verschwand und war nie mehr gesehen,“ seufzte die Köchin. „ Und der Flügel?“, wollte der Musikus wissen. „Ach, der Flügel, der mag wohl in irgendeinem Zimmer im Schloss noch stehen, immer wieder hat jemand versucht, den Schaden zu beheben aber er hat nie mehr einen Ton von sich gegeben.“

Nun war aber der unbekannte Musiker in Wahrheit ein Magier gewesen, der von dem Wunsch besessen war, ein berühmter Komponist zu sein. Da es ihm an Talent mangelte er aber über Zauberkräfte verfügte, reiste er ins Land Musica und entführte dort die Notenprinzessin. Er sperrte sie ein, zwang sie seine Muse zu sein und ihm das absolute Gehör und die Kunst des Klavierspiels zu schenken.

Jeden Tag musste sie neue Kompositionen für ihn schreiben und weil dies die Musik von der Notenprinzessin selbst war, war sie überirdisch schön. Wenn der Magier sie auf dem Piano spielte gab es keinen, den sie nicht mitten in das Herz traf. Aber die gefangene Notenprinzessin wurde immer trauriger, und so wurde auch die Musik, die sie für den Zauberer komponieren musste, immer trauriger. Alles endete mit dem Konzert im Schloss des Grafen, bei dem das Publikum so schwermütig wurde, dass niemand auch nur in der Lage gewesen war, die Hände zum Applaus zu heben. Da wurde der Magier so böse, dass er die Notenprinzessin verwünschte und sie bis ans Ende der Welt in dem Flügel einsperrte. Nur einmal alle hundert Jahre konnte sie erlöst werden, wenn an einem Vollmondabend ein Musiker mit reinem Herzen auf dem Flügel spielen würde, dann würde das Instrument wieder erklingen und die Notenprinzessin wäre erlöst. Der böse Zauberer rechnete fest damit, dass der alte Graf den Flügel aus Kummer über das Schicksal seiner Frau zerstören würde. Aber die schwermütige Gräfin bestand darauf, jeden Tag auf den stummen Tasten zu spielen. So blieb der Flügel im Besitz der Familie und über die Generationen geriet die Geschichte in Vergessenheit. Der Flügel aber verschwand unter einem Tuch aus schwarzem Samt in einem nicht bewohnten Seitenflügel des Schlosses.

Die Neugierde war in unserem jungen Musikus geweckt und er streifte jede Nacht heimlich durch das Schloss auf der Suche nach dem verschollenen Flügel. Eines Nachts, der Vollmond war gerade über den Dächern der Stadt aufgestiegen, kam er an eine alte Holztür in deren Schloss ein  großer rostiger Schlüssel steckte.

Vorsichtig drehte er den Schlüssel und drückte gegen die Tür, die sich knarrend öffnete. Das Mondlicht fiel durch einen Spalt der geschlossenen Vorhänge auf ein großes schwarzes Objekt in der Mitte des Raumes und der Musiker jubelte innerlich, denn er erkannte sofort dass er den Flügel gefunden hatte. Leise schloss er die Tür, öffnete die Vorhänge und ließ das Mondlicht in den Raum. Dann zog er die Decke aus schwarzem Samt vom Flügel und war verwundert, als er sah, dass dieser glänzte als ob er eben erst poliert worden wäre. Kein Staubkörnchen war auf dem schwarzen Lack zu sehen. Er öffnete den Deckel des Flügels und setzte sich an die Tasten. Nun waren aber in dieser Nacht genau hundert Jahre vergangen und als der Musikus die Tasten anschlug ertönte der Flügel so wunderschön dass es unserem jungen Musiker die Tränen in die Augen trieb.

Da erschien über dem geöffneten Flügel eine neblige Wolke aus der ein strahlendes Licht hervorschoss.

Danach war alles still und neben dem Flügel stand die lieblichste Gestalt, die der Musikus je gesehen hatte. Es war die Notenprinzessin, er hatte sie und den alten Flügel erlöst! Das schöne Mädchen nahm seine Hände und sagte: „Ich bin die Notenprinzessin und ich war hundert Jahre von einem bösen Zauberer verwünscht und in diesen Flügel verbannt. Du hast mich heute Nacht erlöst und zum Dank schenke ich dir meinen Kuss. Er wird dich zu einem berühmten Künstler machen.“ So sprach die schöne Muse, küsste den jungen Mann auf den Mund und verschwand. Der Klang des Flügels war jedoch in alle Winkel des Schlosses gedrungen und Jung und Alt hatten sich auf den Weg gemacht, den wunderschönen Tönen zu folgen. Nach und nach trafen alle Schlossbewohner in dem alten Saale ein und lauschten dem Spiel des jungen Musikers. Der Kuss der Notenprinzessin machte aus ihm einen begnadeten Komponisten, der in der ganzen Welt Berühmtheit erlangte. Und die Musik, die er spielte, traf alle Menschen mitten ins Herz.

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