Reisetagebuch, Hongkong, März 2001

Heute Abend über die Cameron Road zurückgelaufen auf der Suche nach einem T-Shirt für Lea. Sie wünscht sich eines im Stil von Dolce und Gabbana. Ich finde genügend flippige Teile aber alle maximal in Kindergröße, nichts für ausgewachsene Frauen. Die Gehwege sind voll wie bei uns die Wege auf dem Volksfest, immer wieder muss ich vom Gehweg auf die Straße ausweichen um vorwärts zu kommen. Aus jedem Geschäft dröhnt andere Musik, allerdings sind es dieselben Top 40 Hits wie zuhause. Ich fühle mich mal wieder wie ein Elefant, um mich herum nur kleine Asiatinnen, deren dünne Oberschenkel etwa den Umfang meiner Oberarme haben. Auf dem Rückweg zum Hotel werde ich nicht ein einziges Mal angesprochen von einem Uhrenverkäufer „Copy Watch? You want copy watch?“  Nach zehn Jahren, in denen ich zwei bis viermal pro Jahr hier war, sehe ich wohl nicht mehr so aus wie eine Touristin, suchend und mit dem Stadtplan in der Hand, wie bei meinem ersten Aufenthalt hier. Es riecht nach Essen, nach Gebratenem, nach Meer und Fisch, nach Räucherstäbchen. Der Geruch wäre, könnte man ihn hören, ein einziges Stimmengewirr. Ich registriere das alles nur noch am Rande, zu vertraut ist es mir schon. Im Hotel wie jeden Abend Deutsche Welle, alle halbe Stunde wechselt das Programm von Deutsch zu Englisch. Dann muss ich umschalten. Es ist einfach zu seltsam, die eigene Sprache im Hintergrund zu hören während das Gesagte simultan ins Englische übersetzt wird.

Heute Morgen bin ich um sieben Uhr aufgewacht, nach einem seltsamen Traum. Wir wohnten in einem Haus, das zum Teil in die Erde hinein gebaut war, die Wände und auch der Boden waren aus Lehm. Die Küche grenzte an den Garten, aus einem schmalen Fenster sah man auf eine große Rasenfläche. Die Küche und das Schlafzimmer lagen tiefer als das Wohnzimmer, das gleichzeitig auch Eingangsbereich war. Die Zimmer waren in ein diffuses Licht getaucht, die Holzläden vor den Fenstern geschlossen. Unser Vermieter war ein Herr aus Mallorca, wir hatten im realen Leben schon zweimal sein Ferienhaus gemietet. In diesem Traum besuchte er mich um mich nach einem unterirdischen Tunnel zu fragen, der von unserem Haus zu seinem führen sollte und über den wir zum Schwimmbad in seinem Haus gelangen könnten. Ich wusste, es gab im Schlafzimmer eine Falltüre, die in einen Keller führte. Ich räumte die Matratze unseres Sohnes weg, und öffnete die Falltüre. Es gab aber keine Treppe, man hätte hinunterspringen müssen, was wir aber noch nie ausprobiert hatten. Wir sahen zusammen hinab in den Keller – und genau in diesem Moment wachte ich auf. Ich ärgere mich noch beim Zähneputzen darüber, dass ich nun nie erfahren werde, was genau sich unter dieser Tür und in dem Keller verbarg.

Vor meinem Fenster ist jetzt Bewegung, es ist viertel vor Acht, ein Dampfer fährt in den Hafen ein, die Fähren kreuzen regelmäßig zwischen Hongkong Island und Kowloon. Ich könnte ewig so sitzen und diese Kulisse betrachten. Ein Fenster vom Boden bis zur Decke, so breit wie das Zimmer, gibt mir das Gefühl, ich befände mich auf einer Bühne und die Kulisse Hongkong Islands mit ihren zahlreichen Wolkenkratzern wäre mein Publikum. Das Zimmer würde, könnte man von außen durch die Fenster hineinsehen, wie ein aufgeklappter Karton aussehen, eine Puppenstube mit Schrank, Bett und Fernsehgerät – und ich mittendrin. Die Fenster sind natürlich von außen undurchsichtig, wie es sein muss, ich sehe alles und mich sieht niemand. Ich blicke auf meine nackten Zehen und plötzlich schießt mir der Gedanke durch den Kopf, wie meine Zehen wohl aussehen, wenn ich gestorben bin. Dann habe ich auch nichts als ein Hemd an, so wie jetzt, und meine Haut wird eine wächserne Farbe bekommen haben.

Ein winziges Boot, zur Hälfte überspannt mit einer dieser typischen halbrunden Planen, verlässt das Ufer. Es tanzt bedenklich auf den Wellen und ein Mann hantiert mit Netzen. Der Kontrast erscheint mir immer wieder erstaunlich: die kleinen Boote, die so einsam vor der atemberaubenden Kulisse dieser reichen Stadt im Wasser schaukeln.  Acht Uhr dreißig, ein schnelles Frühstück mit viel frischer Mango und dann Aufbruch zum ersten Termin, irgendwo im Schlund dieses Drachens.

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