Eine Rose für Buddha

Ich schreibe dir und doch auch nicht. Neben mir am Tisch sitzt eine fremde Frau, sie schreibt, überlegt, schreibt. Ich schreibe über mich selbst, denn ich bin mir selbst fremd. Jetzt steht die Fremde auf und geht in die Küche. Sie sieht sich suchend um als fragte sie sich selbst, was sie eigentlich in der Küche gewollt hat.

Da siehst du, was du aus ihr gemacht hast!
Liebe sollte doch einfach sein, berauschend. Stattdessen taumelt sie durch die Wohnung wie eine Motte bei Tageslicht. Weißt du noch, wie ihr euch kennen gelernt habt? Es heißt, Liebende erkenne man daran, dass sie nicht müde werden, sich gegenseitig zu erzählen, wie es war als sie sich das erste Mal begegnet sind.

Du erinnerst dich nicht mehr daran, nicht wahr?

Nun, ich weiß, dass sie sich sehr genau daran erinnert, die Fremde hier in meiner Wohnung.Es war ein regnerischer Tag im Juli.

Es regnet immer in der ersten Juliwoche, sagte sie. Die Sonne kommt erst am zehnten Juli.

Du fragtest sie, woher sie das wisse und sie sagte, das hat mir die Sonne verraten.

Und was hat sie dir noch verraten, die Sonne? wolltest du wissen.

Damit hast du sie total verwirrt. Eigentlich ist sie nie um eine Antwort verlegen, aber in diesem Augenblick hat sie dich angesehen und weggesehen und am Ende geschwiegen.

Kannst du dich daran noch erinnern? An ihr Schweigen? Nein, denn du hörst ja auch jetzt ihr Schweigen nicht. Denn du bist nicht da.

Deshalb muss sie dir ja auch schreiben, diese Frau, die mir fremd ist.

Sie blickt durchs Fenster hinaus in den Garten. Ein Hauch von Schnee liegt auf dem Rasen, die letzten Rosenknospen haben sich nicht geöffnet und sind als Knospe erfroren – quasi in ihrer Jugend. Die Ahnung von späterer Schönheit wurde in der Knospe konserviert. Nichts geben sie mehr preis, bleiben verschlossen. Wenn man sie pflückt (das hat sie getan, die Fremde, und die Knospen ihrer Buddhastatue in den Schoß gelegt – als ob das etwas nutzen würde!) dann bleiben sie wie sie waren, verändern sich tagelang nicht in Form und Farbe.

Oder liegt das doch an Buddha?

Dieses Opfer hat dich auch nicht zurückgebracht. Buddha lächelt hintergründig wie immer, aber er scheint die erfrorenen Blüten zu mögen. Mehr als die staubige Asche der Räucherstäbchen, die beim Abbrennen auf ihn niederregnet.

Vielleicht ist das die bessere Lösung. Wie die Rosenknospen in der Jugend zu sterben, anstatt zuzusehen, wie die Blüte in ihrer vergänglichen Schönheit erblüht und vergeht. Wie Blatt für Blatt zu Boden sinkt und nur ein vertrockneter Rest am Zweig zurückbleibt, nach dem sich keiner mehr umsieht.

Aber dazu ist es jetzt zu spät. Die Fremde ist bereits am Verblühen, hat das Stadium bereits erreicht, in dem sich keiner mehr nach ihr umdreht. Und es gibt auch nichts mehr, das sich zu konservieren lohnen würde.

`Bestenfalls kann ich noch zur Hagebutte werden`, denkt sie mit einem Anflug von Spott.

Da ist sie wieder, die Fremde. Sie will dich gar nicht wiederhaben. Du sollst deine Sachen abholen, schreibt sie dir.

Weißt du noch, wie du meine Hand genommen hast, damals in diesem kalten Januar, als wir einen stundenlangen Spaziergang durch den Prater gemacht haben?

Trotz der Handschuhe waren meine Hände steif vor Kälte. Ich erinnere mich an die kahlen Bäume, an eine endlos scheinende Allee von Astgerippen. Das Riesenrad außer Betrieb, der Weg gefroren, bei jedem Schritt knirschte die Kälte unter den Schuhen.

Es war trostlos, schreibt die Fremde. Sinnlos, stundenlang in der Kälte herumzustapfen, um am Ende irgendwo einen überteuerten Kaffee zu trinken.

Ich fand es sehr romantisch. Damals haben wir beschlossen, für immer zusammenzubleiben. Im Frühling haben wir geheiratet.

Das war überstürzt, schreibt die Fremde jetzt. Ich war verrückt, einen wie dich zu heiraten. Da wäre ich besser alleine geblieben.

Ich werde Buddha noch eine Knospe suchen, vielleicht war das Opfer nicht groß genug um dich zurückzuholen.

Buddha bringt dich auch nicht wieder, lese ich im Brief der Fremden. Und er weiß ja besser als ich oder du, was mir gut tut.

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