Driving home for Christmas

Der Abend war kalt. Die  Wartenden auf den Bahnsteigen traten fröstelnd von einem Bein auf das andere, rieben sich die Hände oder schlugen die Kragen ihrer Mäntel hoch.

Die Bahnsteige verschwanden in der Dunkelheit, sobald sie aus dem überdachten Bereich hinausführten. Leichter Nebel lag über dem Gelände, das Licht der Lampen sah aus als hätte ein übergroßer Pinsel gelbe Tropfen in die Luft gemalt. Eine dünne Schneeschicht bedeckte die offenen Bereiche, die Gleise verloren sich in der Ferne und wurden von der Dunkelheit verschluckt. Da sich die meisten Reisenden unter die Überdachung zurückgezogen hatten, wirkte dieser Teil der Bahnsteige wie ausgestorben.

Im Schein einer Laterne stand eine junge Frau, die schmalen Schultern hochgezogen, und zog an ihrer Zigarette. Sie war nicht auffallend gekleidet, und doch wirkte alles an ihr elegant, der schlichte schwarze Wollmantel, den sie eng in der Taille gegürtet hatte, die schmalen Stiefel, die ein Fingerbreit unter dem Mantel endeten und der perfekte blonde Pagenkopf. Trotz der späten Stunde und obwohl es vollkommen dunkel war, trug sie eine große Sonnenbrille, die ihr Gesicht zur Hälfte verdeckte.

Sie sah geradeaus, minutenlang, als ob es dort in der Ferne etwas ungeheuer Spannendes zu beobachten gäbe. In regelmäßigen Abständen zog sie mechanisch an ihrer Zigarette, warf sie dann irgendwann weg und trat sie mit der Spitze ihres eleganten Stiefels aus, ohne hinzusehen. Eine kleine braune Reisetasche, die Gepäck für etwa ein Wochenende aufnehmen konnte, hatte sie neben sich auf einer Bank abgestellt. Die Reisetasche passte nicht so recht zu ihrem übrigen Auftritt. Sie war alt und abgewetzt, ein Henkel halb abgerissen, das Leder fleckig.

Eine blecherne Stimme kündigte über die Lautsprecher die Einfahrt eines Zuges an, der Nebel verschluckte  jedoch die Worte. In der Ferne waren Lichter zu erkennen die sich schnell näherten und als der Zug zu sehen war öffnete die junge Frau ihre schwarze Handtasche, die sie am Handgelenk trug und zog ein Ticket heraus. Der Zug kam zum Stehen, sie ging auf die nächstliegende Tür zu und stieg ein. Es war einer dieser alten Intercitys, die seit den neunziger Jahren unterwegs waren. „„Wieder so ein altes Relikt aus den neunziger Jahren, dachte sie, „abgewetzte Sitzpolster und schmuddelige Abteile“. Sie schob die Sonnenbrille auf ihre Stirn und suchte das Abteil mit ihrem reservierten Platz. Sie ärgerte sich, dass sie bei der Buchung nicht darauf geachtet hatte. Eigentlich wollte sie nur mit ICEs fahren, aber nun war es nicht mehr zu ändern. In diesen alten Wagons kam es ihr immer vor als ob sich deren Geruch in ihren Kleidern, ihren Haaren ja sogar in ihrer Nase festsetzen würde. Sie kannte diesen Geruch, hätte man sie mit verbundenen Augen in eines dieser Zugabteile gestellt, sie sofort sagen können, wo sie war.

Sie hatte gehofft, alleine im Abteil zu sein, aber als sie die Tür aufschob, stellte sie fest, dass bereits ein Platz am Fenster belegt war. Einen Moment zögerte sie und überlegte, ob sie einen anderen Platz suchen sollte, aber andere Reisende drängten nach und sie verwarf diesen Gedanken wieder.

Mit einem knappen „Guten Abend,“ betrat sie das Abteil und schob die Tür hinter sich zu. „Guten Abend,“ die Stimme des jungen Mannes am Fenster klang fröhlich, fast hatte sie den Eindruck, der Mitreisende freute sich, dass er nun Gesellschaft bekommen würde.

Er war etwa in ihrem Alter und sah sie unverhohlen neugierig an.

Sie trug wieder ihre dunkle Sonnenbrille und er konnte nur erahnen, wohin ihre Augen sahen. Sie spürte seine Blicke und seine Neugierde war fast mit Händen zu greifen.

Sie zog ihren Mantel aus, legte ihn ordentlich zu ihrer Reisetasche in das Gepäckfach und setzte sich.

„Das würde ich nicht tun,“ sagte er und lächelte sie an.

„Was meinen Sie?“ fragte sie ihn.

„Den Mantel ablegen. Die Heizung ist nämlich kaputt. Sie werden sehen, es ist unglaublich kalt hier drin, wenn man einfach nur so sitzt und sich nicht bewegt.“

Sie nahm die Sonnenbrille ab und sah ihn kühl an:

„Mir ist nicht kalt.“

Nach einer Viertelstunde öffnete sich die Tür.

„Jemand zugestiegen, die Fahrscheine bitte,“ der Schaffner sah sie an.

„Ja, ich, einen Moment bitte,“

sie gab ihm ihr Ticket.

„Wann wird denn die Heizung wieder angestellt?“

„Da muss ich Sie enttäuschen, leider wird es bis zur Endstation nichts mehr,

vielleicht ziehen sie besser ihren Mantel wieder an.“

Er tippte sich an die Mütze und verließ das Abteil.

Sie nahm ihren Mantel und legte ihn über ihre Knie.

„Wissen Sie was?“, der junge Mann lächelte sie wieder an.

„Was halten Sie davon wenn wir die Sitze ausziehen und die Beine hochlegen.

Dann können wir unsere Mäntel auf uns legen wie Decken.“

Sie sah in seine Richtung.

„Was wollen Sie von mir?“ fragte sie ihn mit eiskalter Stimme.

„Nichts – äh, ich dachte einfach, wir wärmen uns gegenseitig.“

Sie antwortete ihm nicht.

Der Zug glitt durch die Nacht. Im Abteil wurde es merklich kälter.

Nach einer Stunde holte sie ihre Reisetasche von der Ablage und zog eine

Strickjacke hervor. Sie zog sie an und knöpfte sie zu bis zum Hals.

Der junge Mann hatte in der Zwischenzeit den Mantel aus- und einen dicken Wollpullover angezogen, den er aus seinem Koffer geholt hatte.

Den Mantel legte er sich demonstrativ wie eine Decke über die Knie.

Irgendwann sagte sie leise:

„Also schön, dann machen wir es so.“

Sie zogen die Sitze aus, setzten sich gegenüber und legten die Mäntel

wie Decken über sich.

Sie spürte seine kräftigen Beine neben ihren.

„Einen Moment noch,“ sagte sie.

Sie holte aus ihrer Tasche dicke Socken, die sich zu ihrer eleganten

Garderobe seltsam ausnahmen, zog ihre Stiefel aus und streifte die

Socken über. Dann schlüpfte sie wieder unter die Manteldecke.

Instinktiv sah sie zum Fenster hinaus, erblickte aber nur ihr eigenes Spiegelbild.

„Ich würde gerne das Licht ausschalten,“

sagte sie ohne ihn anzusehen.

„Kein Problem, ist sowieso nur eine Funsel,“ sagte er und sprang auf.

Mit einem `klack` hatte er den Schalter über der Abteiltür umgelegt.

Jetzt konnte sie vage erkennen, was vor dem Fenster vorbeiflog.

Manchmal waren Umrisse von Häusern zu erahnen, sie stellte sich vor, wie hinter den Fenstern geschmückte Weihnachtsbäume standen, Familien sich um einen gedeckten Tisch versammelten.

„Fahren Sie auch zu ihrer Familie nach Hause?“, fragte er, vorsichtig, als ob er sich auf vermintem Gelände vorantasten würde.

„Nein“, kam es knapp.

Sie hätte gerne ihre Sonnenbrille wieder aufgesetzt, aber dann hätte sie draußen vor dem Fenster gar nichts mehr erkennen können.

Jetzt spürte sie die Wärme unter den Mänteln und zog den ihren etwas höher.

Am liebsten wäre sie darunter gekrochen.

Als Kind hatte sie sich die Hände vor die Augen gehalten, im festen Glauben, wenn sie die Erwachsenen nicht mehr sehen konnte dann könnten die Erwachsenen auch sie nicht sehen. Aber das war eine Illusion gewesen.

Jeder hatte sie gesehen. Es half nichts, sich hinter den Händen zu verstecken.

Sie starrte auf die vorbeifliegenden Lichter. Keine gute Idee, sich an die Kinderzeit zu erinnern. Wenn das anfing, war es nicht mehr zu stoppen.

„Ich liebe Weihnachten,“ hörte sie ihr Gegenüber sagen.

„Die ganze Familie trifft sich im Haus meiner Eltern, so ist es jedes Jahr.“

Sie spürte, wie ihre Augen brannten.

Ihre volle Konzentration galt dem Schauspiel vor dem Fenster, sie kniff die Lippen zusammen und ballte die Hände unter ihrem Mantel. Dann zog sie ihre Handtasche auf den Schoß und fischte die Sonnenbrille heraus. Sie setzte sie auf, schloss die Augen und lehnte sich zurück.

`Die Mauern müssen stehen`, dachte sie. `Ich habe vor drei Jahren das letzte Mal geweint, ich werde auch jetzt nicht weinen.`

Wenn der Zug in der Endstation eingefahren war, würde sie das Gleis wechseln und einen anderen Zug in eine andere Richtung besteigen, so wie sie das seit drei Jahren machte. Sie würde diese Nacht und den nächsten Tag in verschiedenen Zügen verbringen, auf einer Reise ohne Ziel. Irgendwann würde sie wieder zurückfahren.

Es war die beste Option, besser als alleine irgendwo herumzusitzen.

Sie spürte, wie die körperliche Nähe zu ihrem Gegenüber ihr zusetzte.

So nahe war sie lange niemandem gewesen. Sie biss sich auf die Lippen und ballte die Hände unter dem Mantel. Sie waren eiskalt.

Der junge Mann lehnte sich etwas nach vorne „ Darf ich Sie etwas fragen?“, er zeigte auf ihre Reisetasche. „Woher haben Sie denn diese alte Tasche? Das ist doch bestimmt ein Familienerbstück!“

„Ja, das ist es,“ sagte sie tonlos.

„Es ist das Einzige, was man von meinen Eltern und meinen Geschwistern nach dem Tsunami gefunden hat.“

Und in diesem Augenblick füllten sich ihre Augen mit Tränen.

In memoriam B.H., vermisst 25.12.2004, Khao Lak, Thailand

2 Gedanken zu „Driving home for Christmas

  1. Bin über den Suchbegriff „schmuddelige Abteile“ zu dieser Geschichte gekommen. Habe letztlich die Geschichte zu Ende gelesen, auch als schon längst klar war, daß ich die Antwort auf meine Frage hier nicht finden würde, was für die Geschichte spricht. Ich suche weiter. Allzeit frohes Schaffen!

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