Kallisti

Meine Wortwabe ist kein sicherer Ort mehr. Ist es möglich, dass die Fantasie der Wirklichkeit so nahe gekommen ist, dass die Wirklichkeit sich jetzt bedroht fühlt? Wie immer verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität und ich frage mich, ob ich nicht auch nur eine Figur bin in dieser ewigen Geschichte um Liebe und Verrat, Eifersucht und Ehre – aber ich bin nicht Helena, an der sich ein Krieg entzündete. Ich bin wohl eher Penthesilea und liege, von Achill erschlagen, im Sand. Eine mutige kämpferische Amazone, die nur im Kampf sterben darf. (Allerdings würde ich im Traum nicht daran denken, mir eine Brust abzuschneiden um besser Bogen schießen zu können).Und sie stirbt für die Ideale ihrer Welt in dem Augenblick, als Achill sich unsterblich in sie verliebt. Was für eine Tragödie. Kleist hat das ja umgedreht, aber die Geschichte geht auch nicht besser aus, hier wird Achill von Penthesilea ermordet doch wenigstens erkennt diese am Ende, welchen idiotischen Gesetzen sie gefolgt ist. Wenn Frauen Männer verachten ist das genauso dumm wie umgekehrt. Die Amazonen haben die Söhne, ihre eigenen Kinder, verstümmelt und nur die Töchter aufgezogen. Heute führt die Bevorzugung männlicher Nachkommen zur selektiven Abtreibung weiblicher Föten und einem prognostizierten Männerüberschuss von 10 bis 20 Prozent in China und Teilen Indiens. So kann man seine eigene Spezies auch dezimieren.
Betrachtet man die Geschichte jedoch genauer, dann stellt sich heraus, dass eigentlich alles mit dem unseligen Apfel „für die Schönste“ begann, den Eris, die Göttin der Zwietracht, in die Runde warf…Eris, sie ist allgegenwärtig. Und Zeus war schlau, er hielt sich heraus und überließ Paris den Part des Schiedsrichters. Drei Frauen, die ihm alle nahestanden, wie konnte er da eine Entscheidung treffen? Wie wäre es wohl ausgegangen, wenn Zeus „die Schönste“ öffentlich benannt hätte? Es hätte einen Streit unter Göttern gegeben, Zeus hätte es sich auf jeden Fall mit zwei von drei Frauen samt ihren Anhängern gründlich verdorben. Was wäre dann aus dem Kampf der Geschlechter geworden? Ein ewig währender Götterkrieg?
Als Anhängerin der Vielweltentheorie stelle ich mir vor, es gibt ein Paralleluniversum, in welchem all das nicht passiert. Ein Universum mit denselben Menschen, die aber andere Werte verinnerlicht haben. Ein Universum wo sich Mann und Frau in Freiheit begegnen, ebenbürtig, ohne Besitzanspruch und Hinterlist. Und ich bin sicher, es gibt diese Welt, irgendwo da draußen. In dieser Welt geht es nicht um den Preis für die größtmögliche Schönheit der Frauen und Helena wäre ehrlich zu Menelaos  und würde ihm sagen, dass ihr Paris jetzt besser gefällt. Dass sie deshalb mit ihm geht, nach Troja. Sie wäre frei in ihren Entscheidungen , selbstverantwortlich,und nicht nur eine Trophäe. Es gäbe keinen Krieg und keine Toten und andere Geschichten.
Imagine…irgendwo da draußen – und vielleicht auch hier bei uns, nach dem großen Knall…

Imagine all the people
Sharing all the world …
You may say I am a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one
– John Lennon

(Kallisti (neugriechisch): der Zankapfel , der Apfel der Eris)

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