Abserviert

Chronik einer Kündigung

Dieser Tag wird wohl immer meine persönliche Guinessliste der „schlimmsten Tage meines Lebens“ anführen. Mein Lateinlehrer wäre stolz, wenn er wüsste dass ich jetzt, nach zwanzig Jahren, die Bedeutung von „dies ater“ begriffen habe. Caesar kann sich nicht schrecklicher gefühlt haben nachdem sein Ziehsohn Brutus ihm das Messer zwischen die Rippen jagte. Aber er konnte wenigstens noch sein„auch du mein Sohn Brutus“ stöhnen und anschließend filmreif den Löffel abgeben.

Danach wurde Caesar zu einer Legende und Brutus bekam in der Geschichte den Platz, der ihm zustand: er war der Verräter. Ich dagegen werde weder zur Legende werden noch werden meine Widersacher an den Pranger gestellt. Octavian, Caesars Großneffe, ließ Brutus´Kopf vor der Statue Caesars niederlegen, nachdem dieser sich nach verlorener Schlacht das Leben genommen  hatte.

Dieses Privileg wird meinen Nachkommen nicht vergönnt sein…

Ich muss an meinem persönlichen dies ater Haltung bewahren.

Eingekreist von Pfuhl und Groß sitze ich auf der Kante meines Stuhls und

darf mir anhören, dass man trotz meiner mannigfaltigen Qualitäten keinen Job mehr für mich hat. Die Umstrukturierungsmaßnahmen der Wieland Taler Unternehmensberatung hatten zu einer Verschmelzung meiner Abteilung mit einer weiteren Abteilung geführt.

„…leider müssen wir ihnen mitteilen, dass es in dieser Struktur keinen

Arbeitsplatz mehr für eine Frau Mair geben wird.“

Warum spricht er von mir in der dritten Person? „Sie haben ja noch dreißig Tage Urlaub, ich schlage vor sie nehmen erst einmal Urlaub.“

Ich sitze da, wie vom Donner gerührt.

Horrorszenarien laufen vor meinem geistigen Auge ab. Ich sehe schon die

Banker unser Haus versteigern, sehe mich in Sack und Asche in der Schlange

beim Sozialamt –

„Frau Mair, wollen Sie die Formalitäten direkt mit mir besprechen oder möchten Sie lieber einen Dritten einschalten?“

Was meint er? Welchen Dritten?

„Äh, was meinen Sie damit?

Meinen Sie einen ANWALT?“

Anwälte kannte ich nur aus dem Fernsehen. Am besten gefielen mir Spielfilme aus Amerika, in denen weitschweifige Gerichtsszenen mit ernst blickenden Geschworenen vorkamen.

„Na, das können sie sich ja noch überlegen.

Ich schlage vor, wir gehen jetzt in ihre Abteilung und teilen es ihren Mitarbeitern mit. Ach ja, da ich ja weiß, wie wichtig Ihnen das ist:

wir werden alle übernehmen. Alle haben einen Job.“

Na toll, denke ich. Alle außer mir.

So leicht will ich mich aber nicht geschlagen geben.

Zumal weder mein Kleinhirn noch der Rest meines Gehirns den Inhalt dieser persönlichen kleinen Ansprache verstanden hat.

„Man hat dich rausgeschmissen“, sagt mein Verstand.

„Das kann man mir nicht antun“, kontere ich.

„Warum nicht, du bist eben zuviel. Übrig. Vielleicht auch unbequem.“

„Unbequem? Ich unbequem?

Wie kann jemand der pausenlos Überstunden macht und Mitte August immer noch dreißig Tage Urlaub hat unbequem sein?“

Mein Verstand grinst: „Ach komm, sei mal realistisch. Du weißt doch, dass das nicht zählt. Am Ende des Tages musst du dich gut verkaufen können.“

Schön, dann will ich es jetzt wissen.

„Warum haben Sie keinen Job mehr für mich?“

frage ich Pfuhl ganz direkt.

„Wenn ich doch mit so vielen Qualitäten ausgestattet bin. Wenn Sie sogar sagen, es müsste mehr von meiner Sorte geben.“

„ Es liegt nicht an ihren mangelnden Qualitäten.“

Jetzt ergeht sich Pfuhl in einem Schwall heißer Luft.

Am Ende hat er nichts Wesentliches gesagt, außer, vielleicht zwischen den Zeilen, dass ich eine schwierige Persönlichkeit habe.

„Hab ich doch gesagt, du bist unbequem“ meldet sich wieder mein Verstand.

„Hättest eben mal eher nicken sollen als dauernd deine Meinung zum

besten zu geben!“

Ich starre wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf das Bild an der

gegenüber Wand gegenüber. Groß klopft mir jovial auf die Schulter. Dieser Opportunist, denke ich. Jetzt hat er mich geschlachtet um seine eigene Haut zu retten. Mein Gott, wie er mich anwidert.

„Wir sollten dann noch ein paar Formalitäten besprechen,“ sagt Pfuhl

abschließend.

„Können wir das unter vier Augen tun?“ frage ich.

Lieber mit einem Kotzbrocken im Raum als mit zweien.

„Herr Groß, das geht schon in Ordnung,“

sagt Pfuhl.

„Es sind nur Formalitäten,“

Groß bleibt auffordernd neben mir stehen.

Ich zwinge mich, ihm ins Gesicht zu sehen.

Muss ich ihm jetzt die Hand geben?

Ich strecke ihm angewidert die Hand hin, vielleicht merkt er, dass mir

das schwer fällt.

„ Auf Wiedersehen Herr Groß,“

habe ich eben `auf Wiedersehen` gesagt?

Ich hoffe, das bleibt mir erspart.

„Ich werde mich schon noch verabschieden.“

Sage ich.

Und denke: bestimmt nicht, du Widerling.

Hast mich ins offene Messer laufen lassen nachdem ich die ganze

Zeit loyal hinter dir stand.

Meine Güte, ich habe diesen Mann sogar noch bedauert als er heftigen

Angriffen ausgesetzt war und alle ihn totgesagt hatten!

Endlich ist er aus dem Raum verschwunden.

Nicht ohne mir noch mal verschwörerisch auf die Schulter zu klopfen.

IGITT!

Pfuhl pflanzt sich neben mir auf.

Mit Pastorenstimme versucht er mir zu signalisieren, er sei der gute

Mensch von Sezuan.

„Wissen Sie, man wird ja öfter angerufen und nach einer Referenz

gefragt,“

er sieht mich bedeutungsvoll an.

„Natürlich kann ich dann so oder so antworten.“

Was will er mir dadurch signalisieren?

Verhalten sie sich regelkonform und die Referenz wird positiv für sie

ausfallen?

Ich lasse weitere salbungsvolle Sätze in meine Ohren sickern, ohne

ihren Inhalt zu verstehen.

Verstohlen sehe ich auf meine Uhr. Es ist siebzehn Uhr fünfundvierzig.

Ich sitze erst seit einer Dreiviertelstunde in diesem Büro.

Es kommt mir vor wie ein halber Tag.

Meine Existenz hat sich in diesen fünfundvierzig Minuten in Luft aufgelöst.

„So, dann wollen wir mal rüber gehen in ihre Abteilung,“

sagt Pfuhl.

Wir betreten den Flur.

Ich erinnere mich, wie ich diesen Flur zum ersten Mal entlang gegangen bin.

Es ist fast drei Jahre her.

Ich hatte einen Termin beim Inhaber der Firma, Herrn Herbst.

An diesem Tag war der Flur wie ausgestorben. Jede Tür rechts und links des Ganges war verschlossen.„Die heiligen Hallen,“ schoss es mir damals durch den Kopf.

Brauner Teppichboden, dunkelbraunes Holz, siebziger Jahre Chic. Zugeknöpft, engstirnig, spießig, das passt eigentlich nicht zu mir, dachte ich. Herr Herbst, ein aalglatter Endfünfziger, empfing mich in einem kleinen Besprechungsraum mit einem viel zu großen, ebenfalls dunkelbraunen, runden Besprechungstisch. Das Gespräch kam schwer in Gang, blieb holprig. Wir standen ein jeder auf einer Seite des Tisches, mir ist immer noch diese beklemmende Enge des Raumes im Gedächtnis. Ich war wie befreit, als ich mich verabschieden konnte. Am Ende war ich so klug wie zuvor.

Als ich die Zusage für den Job bekam war ich wirklich überrascht, denn Herbst konnte nicht viel mit mir anfangen, das habe ich gespürt.

Jetzt fällt mir das alles wieder ein. Hätte ich auf meinen ersten Impuls gehört wäre mir dieser Tag heute vielleicht erspart geblieben. Ich bin wie zugeschnürt, als hätte mir jemand einen Strick um den Hals gelegt. Der Gang zu meiner Abteilung ist Spießrutenlaufen. Jeder schaut an mir vorbei, ich fühle mich wie eine Aussätzige. Es scheint, als ob von mir eine Gefahr ausgehen würde, als ob dieser Virus ansteckend sei. Ich wurde rausgeschmissen, betriebsbedingt. Das ist die Tatsache, die an mir klebt wie ein riesiger Pickel, eine Pestbeule, die alle, die mir begegnen, in die Flucht schlägt. Ich bin unter einer Glasglocke, jedes Geräusch wabert wie im Nebel an meinen Ohren vorbei. Gleich werde ich meine persönlichen Dinge in eine Schachtel packen und zum Auto gehen. Nach Hause fahren, nicht schlafen können, Existenzängste bekommen und Wutanfälle. Das Gefühl der Ohnmacht wird mich wahnsinnig machen. Ich werde schreien wollen und nicht können.

Ich steige aus meiner Glasglocke, verabschiede ich mich von meinen Mitarbeitern, packe meine persönlichen Dinge in eine Schachtel, gehe zum Auto und –

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