Die Schlange Teil 6

Anna glaubte nicht an Zufälle sondern daran dass alles vorherbestimmt war. Sie glaubte an eine höhere Macht, die die wesentlichen Dinge ihres Lebens steuerte. Trotzdem wollte sie in ihrem Leben möglichst alles selbst planen, vorhersehbar machen. „Ich gehöre zu den Menschen, die am liebsten in der Buchhandlung ihre eigene Biografie kaufen würden,“ sagte sie oft mit einem Augenzwinkern, „ Das wäre optimal , dann könnte ich nachschlagen, was zum Beispiel am 21.12 2012 passiert und wüsste ob ich Astronautennahrung  hamstern muss oder nicht.“ Sie war ein wandelnder Widerspruch und trieb damit ihre Umgebung zum Wahnsinn, weil man nie wusste woran man mit ihr war.

Als sie mit den Seminarunterlagen vom Büro der Geschäftsführerin zurück zu ihrem Arbeitsplatz gegangen war, hatte sie innerlich getobt. Wütend hatte sie die Unterlagen auf ihren Schreibtisch geknallt. Ihre Kollegin Sandra hatte nur gegrinst: „Das war doch klar, dass du noch daran glauben musst, Du hast dich um das Gruppenseminar gedrückt, jetzt musst du zum Einzelseminar.“ „Es ist eine Frechheit! Ausgerechnet an diesem Wochenende, da wollte ich doch mit Lea an den Bodensee fahren!“ Lea war eine alte Freundin aus Düsseldorfer Tagen, sie wollte Anna besuchen und mit ihr zusammen ein verlängertes Wochenende am Bodensee verbringen. „So ein Mist““

„Ach sieh es doch positiv“, sagte Sandra, wer weiß, „vielleicht lernst du den Mann deines Lebens kennen!“ Anna hatte nur gelacht. „Wovon träumst du nachts, Sandra? Bei diesen Seminaren trifft man nur spießige karrieregeile Mittvierziger in schlecht sitzenden Anzügen. Nicht mein Beuteschema.“

Anna grinste in sich hinein als sie auf der Rückfahrt vom Seminar daran denken musste. Die Inhalte des Seminars hätte sie nicht wirklich wiedergeben können, dafür aber eine Personenbeschreibung von Steffen Amberg, die jeden Profiler neidisch machen würde.

Am Freitagabend war nach der kurzen Vorstellungsrunde und einer Einführung in das Thema ein „get together“ veranstaltet worden, lockere Gespräche bei Fingerfood und diversen alkoholischen Getränken. Die Gruppe war ganz nett, es war gar nicht so schlimm, wie Anna befürchtet hatte. Aber sie musste sich zum lockeren Smalltalk mit den anderen Seminarteilnehmern zwingen. Eigentlich interessierte sie nur einer im Raum, aber das musste ja nicht jeder mitbekommen. Der Abend endete feuchtfröhlich, und entsprechend motiviert war die Runde der Teilnehmer am Samstag. Zudem regnete es in Strömen. Anna unterdrückte ein Gähnen. Sie machte sich stichwortartige Notizen. Und jedes Mal, wenn sie wieder aufsah, sah ihr Steffen Amberg direkt in die Augen. Sie konnte einfach nicht anders, sie musste ihn die ganze Zeit anlächeln.

„Ich benehme mich wie ein Teenager“ dachte Anna ärgerlich und setzte ihre professionellste Miene auf.

„Lächeln Sie eigentlich auch wenn die Sonne scheint?“ fragte Steffen Amberg , als sie in einer Kaffeepause zusammen am Fenster standen und auf den regennassen Hof hinuntersahen. „Ich lächle immer,“ log Anna und rührte in ihrer Kaffeetasse. „Wie Mona Lisa – „ sagte Steffen Amberg. „ich finde, der Name passt wunderbar zu ihnen. “ Anna war hin und weg. Das musste ein Traum sein, so einen Mann gab es nur in Romanen. Da sie nicht wusste, was sie darauf sagen sollte, schwieg sie einfach und sah lächelnd zum Fenster hinaus.

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