Das Seminar (Die Schlange 4)

Der Wind strich um Anna herum und spielte mit Haarsträhnen, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten. Ärgerlich schob sie die immer gleiche Strähne hinter das rechte Ohr. Sie saß halb in der Sonne und genoss die warmen Strahlen. Ihre Haut war aufgeheizt und jedes Mal wenn wieder eine Windböe kam fröstelte sie. Ihr Latte Macchiato Glas war leer, sie wollte der Kellnerin winken aber die junge Frau beachtete sie nicht. Wieder zerrte der Wind am Sonnenschirm und an ihren Haaren. Anna war genervt, es wäre so ein schönes Sommernachmittag, wenn der Wind nicht wäre. Leider konnte sie dem Wind nicht die Meinung sagen aber die Kellnerin würde ihre Launen abbekommen wenn sie sich endlich mal an ihren Tisch bequemen würde.

Anna sah nach oben wo der Wind an den Stoffbahnen des Sonnenschirms zerrte und strich sich zum wiederholten Mal eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Der Wind nervt, nicht wahr?“

Anna sah von ihrer Zeitschrift auf und blickte sich um. Am Nebentisch saß ein Mann, der sie auffordernd ansah, so als wolle er sagen: sprich mit mir, es ist ja sonst keiner da mit dem du reden kannst! Spontaneität gehörte nicht zu Annas hervorstechenden Eigenschaften, sie durchdachte alles, was sie vorhatte, ganz genau. Sämtliche Varianten wurden durchgespielt, nichts wurde dem Zufall überlassen. Aber irgendetwas brachte sie dazu, diesem Fremden spontan zu antworten ohne sich die Worte vorher zurechtzulegen. „Ja, er nervt dieser Wind. Es wäre so ein schöner heißer Nachmittag –„

Anna ließ den Satz offen. Eigentlich hasste sie das, Menschen, die immer vage blieben, sich nicht klar bekannten, das Ende eines Satzes offen ließen oder SMS schrieben, die in Pünktchen endeten. „Weicheier“, pflegte sie zu sagen. „Können sich nicht entscheiden.“ Und jetzt sprach sie selbst so – sie räusperte sich und suchte nach einem sinnvollen Abschluss für ihren unvollendeten Satz, aber es wollte ihr nichts einfallen. Da sah sie die Kellnerin auf ihren Tisch zukommen und winkte hektisch. Endlich, sie hatte sie gesehen und steuerte quer über die große Terrasse auf Anna zu.

„Noch eine Latte Macchiato bitte,“ eigentlich hatte Anna in Gedanken die junge Kellnerin schon abgekanzelt, weil sie so unaufmerksam war aber sie wollte vor dem Mann am Nebentisch nicht zickig wirken. „Warum interessiert es mich, was er über mich denkt? Das ist doch völlig egal!“ Anna schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Wollen Sie doch keine Latte Macchiato?“ Die Kellnerin sah Anna unsicher an.

„Nein, äh ich meine ja, bitte bringen Sie mir noch eine“ „Mir auch bitte“ warf ihr Tischnachbar ein.

Anna beobachtete ihn unauffällig. Sie nannte das „scannen“. So ein Scan dauerte vermutlich  nur Sekunden. Anna checkte ihr Gegenüber von Kopf bis Fuß und ihr Ergebnis war, ohne Uhr, etwa 900 Euro. War die Markenuhr echt, dann kamen noch einmal etwa 7000 Euro hinzu. Weiterhin ergab ihr Scan, dass er keinen Ehering trug.

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