Der letzte Eintrag

Mich erreichte die Nachricht in der U-Bahn auf dem Weg zur Friedrichstrasse. Der erste Gedanke, den ich hatte, war: jeder auf der Welt wird sich daran erinnern, wo er war als er das gehört hat. Wie bei 9/11.

Der Wagon war voll, aber ich hatte noch einen Platz ergattert. Neben mir saß eine junge Punkerin mit knallpinken Haaren. Plötzlich kam die Durchsage. Danach waren alle wie gelähmt. Die Zeit schien sich zu verlangsamen, Stille breitete sich  in dem Wagon aus wie ein klebriger Sirup, der in jede Ritze läuft und sich festsetzt. Vermutlich waren es nur Sekunden, die mir aber wie eine Ewigkeit vorkamen, bis die junge Punkerin das Schweigen durchbrach: „Wat war dat denn? Wolln die uns dissen oder wat?“

Als ob sie damit einen Startschuss gegeben hätte redeten plötzlich alle auf einmal. Eine Frau fing an zu weinen, der Mann links von mir betete. Ich wollte nur noch raus. Raus aus der Bahn, raus aus dem Tunnel, ans Licht. Dann würde sich schon alles aufklären.

Ich gebe zu, ich habe mir die Zukunft der Menschheit nie besonders rosig vorgestellt. Schon vor Jahren war mir klar, dass es schwierig werden würde auf diesem Planeten zu überleben, wenn die Menschen nicht endlich anfangen würden nachzudenken und ihren Umgang mit der Natur ändern würden. Doch die Weltuntergangsszenarien von 2012 waren nicht eingetroffen. In der Sylvesternacht haben wir auf 2013 angestoßen, Micha hatte ein Transparent gebastelt auf dem stand „Hurra wir leben noch!“. Und jetzt fuhr ich durch Berlin, allein unter Fremden, und musste diese Nachricht verdauen.

Als der Zug in den nächsten Bahnhof einfuhr, drängten alle zur Tür. Nicht nur ich wollte hier raus.

Ich musste doch mit Micha telefonieren, erfahren was hier los war. Auf dem Bahnhof herrschte pures Chaos. Hysterisch schreiende Menschen liefen durcheinander, jeder wollte zu den Treppen, die nach oben führten. Eingezwängt in der Masse die hinausdrängte, versuchte ich mein Handy aus der Tasche zu ziehen. „Netz überlastet“ zeigte es an. Jetzt spürte ich wie die Angst in meinen Magen kroch und sich nach oben durcharbeitete. Als sie in meinen Synapsen angekommen war liefen mir schon die Tränen über die Wangen.

Ich dachte an all das, was ich mir für meine Zukunft vorgenommen hatte. Ich wollte noch so viel erreichen, Dinge, die mir wichtig waren, voranbringen. Endlich einmal mich in den Focus stellen. Wir wollten ein Haus kaufen und aufs Land ziehen. Die ganze Hektik der letzten Jahre fiel mir ein. Wie eine Getriebene hatte ich mich zwischen Familie und Beruf aufgerieben und mir fest vorgenommen, das in Zukunft zu ändern. Ich musste hysterisch auflachen. Zukunft! Was für ein lächerliches Wort!

Kürzlich wurde ich auf einem Seminar gefragt, was ich tun würde, wenn ich wüsste, dass am nächsten Tag die Welt unterginge. Ich sagte, dass ich diesen letzten Tag mit den Lebewesen, Menschen und Tieren, die ich liebe, verbringen würde. Ich würde noch ein, zwei Dinge klären, abends bei einer Pizza und einem guten Rotwein den Tag ausklingen lassen und alles aufschreiben.

„Verbindungsfehler. Kein Netz“

Jeder will telefonieren, natürlich. Jeder, dem es so geht wie mir. Am letzten Tag der Welt, weit weg von denen, die du liebst. Jetzt sitze ich am Brandenburger Tor mit Hundertausend anderen, wir liegen uns in den Armen, trinken Champagner und warten auf das Ende. Es sieht aus wie in Woodstock, friedlich.

Verbindungsfehler.

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