Die Schlange (3)

Aber nein, es handelte sich um eine Weiterbildungsmaßnahme. Warum man ausgerechnet auf sie verfallen war, verstand Anna auch nicht, aber sie hatte keine Chance. Frau Panski erging sich in einem Monolog über die Wichtigkeit der emotionalen Intelligenz im Allgemeinen und bei Führungskräften im Besonderen. Anna wusste, dass Frau Panski keine Ahnung hatte, wie sehr Anna sie hasste. Insgeheim nannte sich Anna selbst manchmal „falsche Schlange“ weil sie es immer wieder schaffte, Frau Panski durch ausgeprägten Opportunismus davon zu überzeugen, Anna sei eine treue Anhängerin. Frau Panski erklärte Anna nun bereits zum dritten Mal wie wichtig dieses Seminar für sie sei und dass Anna als Einzige in den Genuss eines Einzelseminars kommen würde. Alle anderen aus ihrer Führungsebene hatten ein gemeinsames Seminar besuchen müssen.Anna hatte für den Termin eine perfekte Ausrede gehabt, da ihre Mutter an diesem Wochenende den siebzigsten Geburtstag feierte. Das wäre sogar im Zweifel mit der Geburtsurkunde nachweisbar gewesen, aber soweit war Frau Panski dann doch nicht gegangen. Sie hatte Anna zähneknirschend Urlaub gegeben. Jetzt musste Anna so tun, als wäre sie völlig aus dem Häuschen vor Dankbarkeit und Freude. Sie nahm die Seminarunterlagen mit einem leicht verkrampften Zug um den Mund entgegen und verabschiedete sich. Ein Freitag und ein kompletter Samstag waren für das Seminar vorgesehen. „Führung und Magie“ – schon der Titel brachte Anna auf die Palme. Wenn jemand dieses Seminar dringend nötig hätte, dann ja wohl Frau Panski. Ihr menschenverachtender Führungsstil brachte regelmäßig Mitarbeiter an den Rand ihrer Kräfte. Immer wieder fielen Kollegen wegen Burnout aus oder verließen die Firma.

Auf dem Weg zurück in ihr Büro musste Anna aufpassen, dass sie ihre wütenden Selbstgespräche nicht laut führte. „Das Schlimmste ist dieses Gefühl der Machtlosigkeit“, dachte sie. „Ich kann nur das Spiel mitspielen, ich habe keine Chance mich zu wehren, sonst wird der Druck stärker. Die Panski würde mich kaltlächelnd am langen Arm verhungern lassen. Und das halte ich nicht aus. Dann müsste ich kündigen, aber so leicht finde ich keinen Job mehr. Die Luft wird von Jahr zu Jahr dünner. Also bleibt mir mal wieder nur, die Zähne zusammenzubeißen und weitermachen.“

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