Die Schlange (2)

Eigentlich hatte Anna überhaupt keine Lust auf diese Weiterbildung. Sie fand es außerdem unverschämt, dass sie dafür einen Samstag opfern sollte- Wie immer war sie vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Ihre Geschäftsführerin, deren Markenzeichen dunkle Augenringe waren, die jedem Nachtclubbesitzer Ehre gemacht hätten, hatte ihr einen Termin geschickt.Anna sah die Nachricht und ihr Magen krampfte sich zusammen. Auf der Liste der Leute, die sie in ihrer Firma auf den Tod nicht ausstehen konnte, stand der Name von Frau Panski ganz oben. Sie war sich mit ihren Kolleginnen auch einig, dass ihre Chefin sich jeden Morgen die Augenringe aufmalte, zumindest nachmalte. Die Augenringe waren sozusagen ihr Gütesiegel. Sie arbeitete nämlich nicht nur von Montag bis Freitag sondern auch jeden Samstag und manchmal sogar am Sonntag. Zusammen mit dem Seniorchef, der, ganz vom alten Schlag,  die Qualität der Arbeit an der Zeit bewertete, die man in seiner Firma verbrachte.

„Wer hier einen Vertrag unterschreibt wird zum Leibeigenen.“ Anna bestätigte den Termin mit einem Click. „Was will die Alte bloß wieder von mir,“ sagte sie zu ihrer Kollegin am Schreibtisch gegenüber und verdrehte die Augen.
„Wahrscheinlich bekommst du mehr Verantwortung,“ Sandra, Annas Kollegin betonte das Wort „Verantwortung“ süffisant und dehnte es – denn in den Satz „ Wir geben Ihnen mehr Verantwortung“ wurde grundsätzlich jegliche Art von Mehrarbeit verpackt. Man fühlte sich zunächst geschmeichelt und in dem Glauben, die eigene Leistung werde anerkannt, ging man mit erhobenem Haupt aus dem Büro der Geschäftsführerin und stürzte sich völlig idealistisch in die neuen Aufgaben. Da man ja vorher auch schon ausgelastet war, konnten diese nur mit Überstunden bewältigt werden. Überstunden jedoch waren mit dem Gehalt abgegolten. Das heißt, man machte den Job einer Teilzeitkraft mit, nach dem Motto Null plus Null gleich Null, denn das Gehalt blieb das gleiche. Spätestens beim zweiten Mal fiel man auf den Trick nicht mehr herein und meldete sich krank. Im Gegensatz zu Urlaub nehmen war Kranksein politisch korrekt, sofern es nicht zu lange dauerte und man so laut und ausgiebig jammerte, dass auch der Letzte in der Firma begriffen hatte, dass man dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen war.

Anna öffnete die Tür zu Frau Panskis Büro. „Ah, Frau Stickel, schön, dass Sie da sind, bitte nehmen Sie doch Platz.“ Anna setzte sich auf den Besucherstuhl und verstand die Welt nicht mehr. Was sollte diese plötzliche Freundlichkeit? Hatte Frau Panski heute Morgen Drogen genommen?

Ein Gedanke zu „Die Schlange (2)

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