Rosa

Jetzt bin ich achtzig Jahre alt und somit nur ein Jahr jünger als dieses Jahrhundert, das mir zwei Weltkriege beschert hat. Damit bin ich bekanntermaßen nicht allein und ich sollte mich nicht beschweren, denn immerhin lebe ich noch und durfte alt werden. Letztendlich wird man aber ohnehin nicht gefragt ob man das, was das Leben für einen bereithält, haben will.

Ich wurde in eine arme Familie hineingeboren, neben vierzehn anderen Kindern von denen nur  sechs das Erwachsenenalter erreichten. Drei meiner Brüder starben an den Fronten des ersten Weltkrieges und der vierte wäre den gleichen Weg gegangen, hätte unser Vater nicht eine beherzte Reise zum damaligen König angetreten. Aber die alten Geschichten will ja niemand hören. Nicht mein Sohn, der sich redlich bemüht, etwas aus seinem Leben zu machen, und erst recht nicht seine Tochter, die ich nicht verstehe, was vermutlich auf Gegenseitigkeit beruht. Ich gebe zu, die Einzige, die sich manchmal mit mir beschäftigt, ist meine Schwiegertochter, wobei ich denke, dass auch sie mich nicht besonders leiden kann.

Für meine Familie bin ich eine alte verbitterte Frau, launisch und kratzbürstig. Ich befürchte  das trifft mein äußeres Bild ziemlich genau. Leider bin ich nicht in der Lage und vielleicht auch nicht willens mein Innerstes nach außen zu kehren.  Ab und zu hole ich das Foto des einzigen Mannes hervor, den ich je geliebt habe und frage mich was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht dem Willen meiner Eltern und den Konventionen der Zeit gebeugt hätte. Bald werde ich mich wohl von dieser Welt verabschieden und vielleicht wird irgendein Familienmitglied nach meinem Tod meine Habseligkeiten durchsehen und das alte Gesangbuch meines Mannes durchblättern. Den Konfirmationsspruch auf der ersten Seite lesen, die abgegriffenen Seiten überfliegen und zwischen all den frommen Liedern das Foto entdecken. Ein junger Mann, dunkle Haare, ebenmäßiges Gesicht, schöne klare Augen – und auf der Rückseite der Fotografie der Stempel eines Fotografen in Boston. Er oder sie wird sich fragen wer das wohl war. Diese Vorstellung gefällt mir, ich hinterlasse gerne ein paar Geheimnisse.  Die alte Oma hatte offensichtlich auch „ein Leben vor dem Tod“  – zu theatralisch? Also dann eben „ein Leben bevor sie das Stigma alte Oma traf“.

Ich versuche mich daran zu erinnern ob ich die alten Leute in meiner Jugend auch mit diesen Augen angesehen habe? Als ob sie bereits alt auf die Welt gekommen seien? Vermutlich, ich erinnere mich nicht mehr daran.

Was also nimmt man wahr, wenn man seine Eltern sieht? Nur die Gegenwart.

Die Vergangenheit bleibt ein unentdecktes Land, wenn sie dich nicht einladen, sie dahin zu begleiten.

Ich wollte nie etwas von mir preisgeben, das gebe ich zu. Wenn ich heute in den Augen meiner Familie als absonderlich und launisch gelte, dann stört mich das nicht weiter.  Es ist kein Anlass, mein Schicksal vor ihnen auszubreiten wie ein unberührtes Laken, auf dem ihre Kommentare schmutzige Spuren hinterlassen.

Ich werde nicht der erste Mensch sein, der seine Geheimnisse mit ins Grab nimmt und auch nicht der Letzte. Und dass es damit nicht mehr lang dauert, das spüre ich. Der Krebs, der angeblich ein Magenleiden ist, frisst sich unaufhörlich voran. Ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde? Ich glaube es nicht.

Meine Familie hat gemeinsam mit meinem Arzt entschieden mich in dem Glauben zu lassen, meine Magenbeschwerden seien die Folgen eines harmlosen Magengeschwürs. Wie immer so griff auch hier das Vorurteil, dass mit zunehmendem Alter nicht nur die Haare weniger werden sondern automatisch auch die Gehirnleistung. Auch wenn es auf manche Menschen zutreffen mag, auf mich trifft es ganz gewiss nicht zu. Ich würde sogar behaupten, dass das Alter meinen Scharfsinn noch verstärkt. Ich jedenfalls lasse mich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln. Schließlich ist es mein Körper, meine Krankheit und meine Lebenszeit. Ich habe mir daher eine zweite Meinung eingeholt. Bei einem Arzt, der als gnadenlos offen gilt und deshalb bei sensiblen Menschen keinen guten Ruf genießt. Für mich ist er genau der Richtige. Er hat mir schonungslos eröffnet dass ich wohl noch ein Jahr zu leben hätte, im Höchstfall. Da ich nicht an Wunderheilung glaube habe ich ihn um ein Rezept für starke Schmerzmittel gebeten und mich für seine Offenheit bedankt.  Danach begab ich mich direkt in die einzige Bäckerei in unserer Kleinstadt, die Hochland-Kaffee verkauft und gönnte mir ein Pfund der besten Sorte. Kaffee ist mein Lieblingsgetränk, und wenn er mich umbringen würde, jetzt würde ich auf nichts mehr verzichten und erst recht keinen billigen Kaffee mehr trinken.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle erstand ich beim Gärtner noch einen Strauß Freesien. Ich liebe ihren Duft, sie riechen nach Frühling, nach Sonne und dem Versprechen dass es bald wieder grünt und blüht.

Diese Leidenschaft für Freesien und Kaffee sind wohl die einzigen Dinge, die ich mit meiner Enkeltochter teile. Und den Geburtstag im Februar, neben November wirklich der furchtbarste Monat des Jahres.

Dieser Arzttermin fand drei Tage vor meinem achtzigsten Geburtstag statt. Die Familie hatte sich für meinen Ehrentag mächtig ins Zeug gelegt. Ich wurde zum Essen ausgeführt und man trug launige Gedichte vor. Ich machte gute Miene und sah verstohlen auf die Uhr. Nach dem Dessert stand ein Spaziergang an und aus Rücksicht auf mein fortgeschrittenes Alter fiel dieser recht kurz aus. Danach kam das Beste, der Nachmittagskaffee.  Der Teil der Familie, den meine Schwiegertochter nicht leiden kann, kam zum Gratulieren am Nachmittag. Sie nennen mich „Tante Rose“, was sonst keiner macht aber ich lasse es zu, es erinnert mich daran, wie ich in Amerika genannt wurde: Rose. Eigentlich heiße ich Rosina. Das mag sich heute komisch anhören, aber in meiner Familie war das ein gebräuchlicher Frauenname über Generationen hinweg. Ich habe sogar zwei Namen, Rosina Barbara, die mir beide ausnehmend gut gefallen. Leider war ich mein Leben lang immer nur Rosa oder Rose. Nur aus dem Mund eines Mannes klang „Rose“ wunderschön –

Mein Ehemann nannte mich sein „Röschen“. Er liebte mich abgöttisch aber leider konnte ich seine Gefühle nicht erwidern. Heute schäme ich mich dafür, wie ich ihm das Leben zur Hölle gemacht habe und bin sicher, wenn es einen Gott gibt dann wird er mit mir abrechnen.

Ein Gedanke zu „Rosa

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