Louvre, Paris (Zeus Teil5 – lies auch „Die Geschichte von Leonardo und Lisa“

Im Louvre gab es nie Ruhe, nicht für Mona Lisa. Ihr Bild war eines der gefragtesten. Sie war zweifellos unsterblich geworden, Leonardo hatte recht behalten. Alle wollten sie sehen. Menschenmengen drängten sich jahraus jahrein vor ihrem Portrait und sie durfte keine Regung zeigen. Wenn sie nicht von La Liberté gelernt hätte, wie sie nachts ihren Rahmen verlassen konnte, wäre ihr Legendenleben um einiges langweiliger gewesen. Immer nur zu lächeln, hunderte von Jahren, das empfand sie mittlerweile als zutiefst unbefriedigend. So aber stahl sie sich Abend für Abend aus ihrem Rahmen und spazierte durch den Louvre.

An einem Vormittag im Mai beobachtete sie ein Paar, das sich Hand in Hand vor ihrem Bild aufgestellt hatte. Wie durch ein Wunder waren außer diesen beiden keine anderen Besucher in der Nähe. Das hatte es noch nie gegeben und es konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Der Mann war deutlich älter als seine Begleiterin, er sah allerdings umwerfend aus, war teuer gekleidet und flüsterte der Schönen neben ihm halblaut etwas zu. Mona Lisa strengte sich an, sie wollte zu gerne hören, was da geflüstert wurde. Da traf sie der Blick des Unbekannten und es schien ihr, als ob dieser ihre Gedanken gehört hätte und daher näher an ihren Rahmen herangerückt wäre. Jetzt verstand sie deutlich, was er sagte. Er deklamierte ein Liebesgedicht, das nicht nur der jungen Begleiterin sondern auch Mona Lisa die Röte ins Gesicht trieb.

„Wer ist der Kerl?“ fragte sich Mona Lisa. „Hat er den Louvre gesperrt oder warum stehen die beiden mitten am Tag alleine vor mir?“

Als hätte er wieder ihre Gedanken gehört sah ihr der Mann direkt ins Gesicht. Diese Augen – Mona Lisa war sicher, sie hatte ihn schon einmal gesehen.

Er legte den Arm um seine Begleiterin und entfernte sich langsam. Bevor er den Raum verließ drehte er sich noch einmal um und warf Mona Lisa einen Kuss zu.

Sie blieb völlig verwirrt in ihrem Bild zurück.

Kaum war es Nacht im Louvre schlüpfte sie aus dem Rahmen und rannte zu ihrer Freundin La Liberté.

„Du musst mir helfen, La Lib, ich hatte heute einen Besucher, also ich weiß auch nicht, mit dem stimmt etwas nicht.“

„Warum? Was war denn los? Wollte er dich stehlen?“

„Nein, aber er war mit einem jungen Mädchen da, ganz allein, mitten am Tag, als ob er den Raum abgesperrt hätte –„

„Gutaussehend, teuer gekleidet, längere Haare, um die Vierzig?“

„Genau! Woher kennst du ihn?“

„Das willst du nicht wissen, Lisa. Aber ich kenne ihn, und wie ich ihn kenne – „

La Liberté machte eine Pause und verdrehte die Augen.

„Es ist Zeus.“

Mona Lisa konnte mit dieser Aussage nichts anfangen.

„Der Typ heißt Zeus?“

„Nein, Schätzchen, er IST Zeus.“

„Zeus ist ein Gott, es gibt ihn nur in alten Büchern.“

„Das denkst du, und die meisten Menschen denken das auch. Weil sie keine Fantasie haben und keine Vorstellungskraft. Weil sie glauben, nur das, was sie erklären können, kann Wirklichkeit sein.“

„Aber –“ Mona Lisa wusste nicht mehr, was sie sagen sollte.

„Hör zu, Lisa. Zeus wandelt auf der Erde seit Anbeginn. Nur weil niemand mehr aufschreibt, was er treibt, heißt das nicht, dass es ihn nicht mehr gibt. Er ist sehr aktiv. Und einige der anderen sind es auch.“
Mona Lisa schnappte nach Luft. Sie war mittlerweile einiges gewöhnt, aber das überstieg ihre Vorstellungskraft.

„Was meinst du mit „die anderen“ – gibt es noch mehr von ihnen?“

„Aber ja doch, hast du noch nie Apollon gesehen wenn er mit seinen Musen unterwegs ist? Oder Hermes?“

Mona Lisa wollte jetzt mehr wissen.

„Und was ist nun mit Zeus?“

„Zeus – “ La Liberté schien durchaus angenehme Erinnerungen an Zeus zu haben.

„Also um es kurz zu machen,“ sie holte tief Luft,“ Zeus ist der großartigste Liebhaber, der hier auf der Erde unterwegs ist. Zumindest soweit ich das beurteilen kann.“

Im Vergleich zu La Liberté war Mona Lisa nahezu jungfräulich, sie beneidete aber ihre Freundin insgeheim um deren erotische Erfahrungen.

„Zeus und du –“

Mona Lisa wusste nicht so recht, wie sie es aussprechen sollte,

„also du und Zeus, habt ihr denn, äh, ward ihr –“

„Du willst wissen ob wir ein Liebespaar waren? Oh ja, wir hatten eine sehr leidenschaftliche Affäre…

Allerdings bevor ich zu dem wurde war ich heute bin.“

„Du meinst, als du noch gelebt hast? Als du Modell gestanden hast für das Bild?“

„Genau. Er trieb sich schon damals am liebsten in Künstlerkreisen herum. Daran hat sich nicht viel geändert.“

Mona Lisa sah verträumt vor sich hin.

„Du hast wenigstens aufregende Erinnerungen. Ich habe ja nicht einmal das.“

„Willst du denn eine Affäre mit Zeus beginnen?“ La Liberté lachte.

„Das würde ich mir zweimal überlegen. Er reißt dir das Herz aus dem Leib, selbst du, eine Legende, wärst nicht davor gefeit.“

„Und wenn es so wäre. Ich glaube es wäre mir egal. Diese Augen – “

„Oh je,“ La Liberté sah ihre Freundin beunruhigt an.

„Ich glaube, dich hat es schon erwischt, Du Ärmste.“

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