Stella Polaris

Der Polarstern ist der hellste Stern im Sternbild Kleiner Bär (im Deutschen volkstümlich auch Kleiner Wagen genannt). Er scheint für Beobachter ohne Fernrohr das ganze Jahr über immer am gleichen Ort zu stehen; seine Höhe am Himmel entspricht ungefähr dem (nördlichen) Breitengrad, auf dem der Beobachter sich befindet. (Quelle: Wikipedia)

 

Stella Polaris schüttelte ihre Strahlen. Ihr Blick fiel auf die Erde. Sie wollte es eigentlich gar nicht tun, sie hatte sich vorgenommen, diese Person endlich zu ignorieren, aber da war sie wieder.

Wie jede Nacht stand die einsame kleine Gestalt auf einem Dach, irgendwo mitten in Europa, und erzählte. Seit drei Jahren sprach sie mit Stella Polaris, die mittlerweile das ganze Leben dieses kleinen Menschen kannte.

Sie stupste den Mond an:

„Siehst du sie? Da unten steht sie und schaut zu mir hoch.“

„Woher weiß sie, dass du sie verstehen kannst?“

Stella Polaris druckste herum. „Naja, also“ begann sie.

Der Mond fiel ihr ins Wort.

„Du hast ihr doch nicht etwa zugewunken? Oder hast du etwa….?“

Stella Polaris wurde rot.

„Ich fasse  es nicht,“ der Mond schob ärgerlich eine Wolke weg.

„Du hast ihr eine Sternschnuppe geschickt?“ rief er aus.

„Naja, sie war so verzweifelt, und es war so kalt –„

„Du hast ihr im Winter eine Sternschnuppe geschickt.“

Der Mond schüttelte sein weißes Haupt.

Ja, so war es gewesen. Stella Polaris hatte einfach Mitleid und wollte die Frau da unten auf der Erde ein bisschen aufmuntern. Sie schickte ihr eine ihrer schönsten Sternschnuppen, mitten in einer bitterkalten Januarnacht.

„Wie du gesehen hättest, wie sie sich gefreut hat, dann würdest du  mich verstehen“, schnaubte sie.

„ Aber jetzt ist es schlimmer als je zuvor. Früher kam sie nur in klaren Nächten auf das Dach, seit der Sternschnuppe kommt sie jede Nacht. Und erzählt mir alles, was passiert ist. Ich weiß, was sie vorhat, ich weiß, was sie ärgert und ich weiß, wonach sie sich sehnt.“

„Na, und wonach sehnt sie sich?“ fragte der Mond schnippisch.

„Wonach sich alle Menschen sehnen,“ sagte Stella Polaris. „Nach Liebe“.

„Das dürfte ja kein so großes Problem sein. Es gibt ja ein paar Milliarden von ihnen. Nicht so viele wie von euch, aber doch genügend um einen zu finden, den man lieben kann, sollte man meinen.“

Der Mond wanderte weiter.

„So einfach ist das für die Menschen nicht,“ rief Stella Polaris ihm hinterher.

Doch der Mond hörte schon nicht mehr zu.

„So einfach ist das nicht,“ sagte sie zu sich selbst und sah hinab auf die kleine Gestalt auf dem Dach.

Sie wusste, wen die Frau liebte.. Sie hatte ihn schon besucht, hatte einen ihrer Strahlen durch sein Fenster geschickt um zu sehen, ob es eine Chance gab für ihre kleine Menschenfreundin. Aber es war ihr nicht gelungen etwas heraus zu finden. Es blieb ihr nichts anderes übrig als Nacht für Nacht tröstend auf die Erde hinunter zu scheinen. So leicht wie der Mond meinte, hatten es die Menschen nicht. Stella Polaris kannte das Geheimnis. Die Menschen wanderten durch Zeit und Raum, auch wenn sich die meisten dessen nicht bewusst waren. Sie lebten ihr Leben und glaubten dass dies die einzig mögliche Dimension sei. Aber es gab so viel mehr –

Sie sah hinab auf die Erde und schickte ihrem Schützling diese traurige Wahrheit:

„Millionen waren vor dir da und Millionen werden nach dir kommen. Und unter ihnen ist nur einer den du lieben kannst. Und den musst du suchen und finden. Und es kann auch passieren, dass du ihn findest und er erkennt dich nicht.“

Sie wollte diesem hoffnungslosen Sehnen ein Ende bereiten.

Die kleine Gestalt auf dem Dach sah die Sternschnuppe.

„Jetzt wird alles gut,“ jubelte sie.

„Das ist das Zeichen, danke Stella Polaris!“

Und Stella Polaris schwor sich in diesem Moment, nie wieder eine Sternschnuppe auf die Erde zu schicken.

 

 

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