Zeus Teil 1 (Fortsetzung folgt)

Zeus betrachtete sich zufrieden im Spiegel.
„Perfekt,“ dachte er und lächelte seinem Spiegelbild zu.
Er war heute um die vierzig, hatte längeres dunkles Haar, lässig nach hinten gekämmt. Bei der Augenfarbe hatte er sich nach einigem Hin und her für ein unergründliches Grau entschieden, das immer gut ankam. Die Körpergröße war am besten so um die 185 Zentimeter, die Menschen waren ja heutzutage deutlich größer, aber zu groß wollte er auch nicht sein, das wäre zu auffällig.
Die Kleidung wäre ohne Hilfe von Aphrodite ein Problem geworden, aber sie war ja in der „Fashion and Beauty“, wie sie es nannte, absolut zuhause. Ohne zu wissen, mit wem sie es zu tun hatten, war sie zur begehrtesten Beraterin der Prominenten in Hollywood aufgestiegen. Sie zählte die schönsten Frauen der Welt zu ihren Kundinnen – jedoch konnte es keine mit ihr aufnehmen. Aphrodite war die schönste Frau aller Zeiten, für Zeus allerdings einfach zu perfekt. Und daher langweilig. Sie hatte auch nur Klamotten oder Schuhe im Kopf und konnte Zeus´ intellektuellen Anforderungen in keiner Weise gerecht werden. Aber als Stylingexpertin war sie unschlagbar. Im Handumdrehen zauberte sie Zeus diesen unvergleichlichen Casualchic auf den Leib, eine Mischung aus sehr teuer und sehr lässig. Sie hatte den Dreh raus, das musste Zeus zugeben. Nachdem er durch ihre Hände gegangen war sah er wie die Inkarnation des intellektuellen Genies schlechthin aus. Zeus verpasste sich noch einen leicht gebräunten Teint, was Aphrodite zu der Ergänzung um eine RayBan „Wayfarer“ Brille veranlasste. „Voll im Trend, Zeus,“ sagte sie.
Ihre Kundinnen waren für ihn tabu, denn der Nachteil dieser Zeit war, dass alles sofort publik war. Diese Frauen wurden ständig und überall abgelichtet, und dann sah man die Bilder sofort im Internet. Viel zu gefährlich für Zeus, er hatte sowieso alle Hände voll zu tun, seine Frau Hera auf andere Fährten zu lenken.
Hera war immer noch rasend eifersüchtig und wenn die Menschheit wüsste, wie viele Mädchen nach Jo und Europa der Wut seiner Ehefrau zum Opfer gefallen waren, wäre sein Ruf vollkommen ruiniert. Die großen Metropolen mit Millionen von Einwohnern boten ihm aber meistens sichere Verstecke. Früher, als er sich nur in Griechenland austoben konnte, mit den paar Menschen, die damals lebten, war es für seine Frau ein leichtes, ihn aufzuspüren. Heute dagegen musste sie schon einige Spione auf ihn ansetzen. Sie hatte ein paar zuverlässige Leute bei der CIA und beim Secret Service, das wusste Zeus, aber es waren Halbgötter oder deren Kinder, und dadurch für ihn nicht wirklich gefährlich.
Hermes war Zeus treu ergeben und der war mittlerweile ein Experte in allen technischen Details dieser verrückten Zeit, manche sagten, er sei in der Lage, sich in jeden Computer einzuhacken. Die Flügel an den Fersen trug er nur noch symbolisch, denn das Internet bot heute ganz andere Möglichkeiten der Kommunikation. Mit Hermes` Hilfe konnte Zeus seine Spuren perfekt verschleiern, verwischen, wie es ihm gefiel. Er war da und auch wieder nicht und Hera kochte vor Wut,
Es war ihm unbegreiflich, warum die Männer der sogenannten „modernen“ Welt glaubten, dass man eine Frau mit so etwas lächerlichem wie einem schnellen Auto beeindrucken könne. Er, Zeus, wusste es besser. Eine Frau, oder besser, eine wirklich interessante Frau, ließ sich viel eher mit, wie er es gerne nannte, „weichen“ Faktoren beeindrucken. Viel besser als ein Porsche funktionierten Liebesgedichte, die er sich gerne von Apoll schreiben ließ. Der hatte ja mit seinen neun Musen einen Stab von Mitarbeiterinnen, die jegliche Art von Kunstwerk aus dem Hut zaubern konnten. Und der verwegene, leidenschaftliche Künstler war nun einmal Zeus Lieblingsavatar.
Er konnte dabei unter verschiedenen Kunstgattungen wählen, wobei er festgestellt hatte, dass „Schriftsteller“ am besten funktionierte. Mit Sprache konnte man die Frauen bestens umgarnen.
Jetzt, im einundzwanzigsten Jahrhundert dieser neuen Zeitrechnung, war ja sogar schon ein von Hand geschriebener Brief eine kleine Sensation
Sein Jagdrevier waren Vernissagen oder Lesungen, er tauchte auf, sah sich um und wenn es kein Objekt für seine Begierden gab, zog er weiter. Im Gegensatz zu früher hatte er sich auch angewöhnt, zusätzlich zu neuen Eroberungen, immer mehrere Geliebte, verteilt auf die großen Städte, zu haben. Das war bequemer als immer nur auf der Suche zu sein, und man wurde ja auch nicht jünger. Auch wenn er, Zeus, sich sein Alter jederzeit aussuchen konnte, eine gewisse Bequemlichkeit ließ sich nicht verleugnen. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, die Avatare, die er bei den verschiedenen Frauen eingesetzt hatte, nicht durcheinander zu bringen. Aber Aphrodite hatte ihm hierfür mit Hilfe von Hermes eine App auf sein I-phone gespielt, die ihm jederzeit und überall den richtigen Avatar zur jeweiligen Geliebten präsentierte. Im Laufe der Jahrtausende hatte er verschiedene Avatare ausprobiert. Manche waren sogar zu Legenden geworden, wie zum Beispiel Casanova.
Die Zeit, in der er jetzt agieren musste, war allerdings auch für ihn als Gott eine echte Herausforderung. Die Frauen hatten sich vollkommen verändert. Sie waren so respektlos und unweiblich geworden, dass er es sich abgewöhnt hatte, nur nach jungen Mädchen Ausschau zu halten, wie früher. Am ehesten konnte er die Frauen ab dreißig verstehen. Und bei denen über vierzig hatte er so leichtes Spiel, dass er sich fragte, was deren Männer denn machten (oder besser NICHT machten) dass sie so ausgehungert waren.

2 Gedanken zu „Zeus Teil 1 (Fortsetzung folgt)

  1. Hat dies auf wortwabe rebloggt und kommentierte:

    heute ist so ein Tag wie im Sommer 2012, als ich diese Geschichte begonnen habe, die sich dann, irgendwie von selbst, weitergesponnen hat…Tag für Tag…eine wunderschöne Erfahrung, ein heißer Sommer, ich war wie im Rausch, habe jeden Tag geschrieben und meinen blog gefüllt. Unglaublich, dass das schon drei Jahre her ist. Aber ich liebe sie immer noch, meine allzu menschlichen Götter!

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