Schnee fällt ins Herz


Vor wenigen Stunden hatten die Kirchenglocken das neue Jahr eingeläutet, das zugleich auch ein neues Jahrhundert war. Barbara strich über ihren schwangeren Bauch und dachte verwundert darüber nach, dass dieses Kind ein „1900“ vor dem Geburtsjahr haben würde. Das konnte sie sich kaum vorstellen. Seit Maria krank geworden war wollte sie auch nicht mehr über das Kind nachdenken, das in wenigen Wochen zur Welt kommen würde. Sie wusste, dass ihre Gedanken eine Todsünde waren, aber am liebsten hätte sie mit dem Herrgott einen Handel gemacht. Er sollte das unbekannte Kind in ihr zu sich nehmen und ihre Maria wieder gesund machen –

Die Stille war fast unerträglich. Sie wurde nur unterbrochen durch den immer wiederkehrenden Husten, der Marias Brustkorb schüttelte. Barbara wachte am Bett ihrer ältesten Tochter. Die Nacht war kalt. Sie zog ihr wollenes Tuch enger um die Schultern. Ihre Augen waren müde, die tagelange Krankenpflege hatte Spuren hinterlassen.

Auf ihr Drängen hin hatte Albert gestern in der Stube ein Bett aufgestellt, damit Maria nicht in der kalten Kammer liegen musste. Barbara fühlte ihre Stirn und legte wieder ein feuchtes Tuch darauf.

„So heiß“, dachte sie, „als ob sie die Stube aufheizen wollt´“.Maria, ihr Mädchen.

.Selten war der Winter war mit solcher Macht gekommen wie in diesem Jahr. Die Äste brachen unter Schnee und Frost, Wege waren zugeweht, es schien, als hätte die Landschaft jegliche Farbe verloren. Die Hänge rings um das Dorf waren weiß, die Konturen der Bäume und Sträucher nur noch zu erahnen. Der Schnee fiel scheinbar ununterbrochen, seit Tagen durchdrang kein Sonnenstrahl die Schneewolken.

Maria hustete seit Weihnachten und keines der alten Hausmittel hatte geholfen.Jetzt lag sie da, ihr kleines blasses Gesicht umrahmt von feuchten schwarzen Strähnen, die sich aus ihren Zöpfen gelöst hatten. Barbara stand auf, sie stellte sich mit dem Rücken an den Ofen und legte ihre Hände an die warmen Kacheln. Der Raum war dunkel, sie hatte die Kerzen schon vor Stunden gelöscht. Der Platz vor dem großen Bauernhaus wurde vom Mondlicht schwach beleuchtet, gegenüber warf der Farrenstall lange Schatten. Barbara sah auf den stillen Platz mit dem gespenstischen Licht und schauderte leicht. Sie rieb sich über die Arme um sich zu wärmen. Obwohl die Kacheln des Ofens noch viel Wärme abgaben schien sie sie nicht zu spüren.

Am sechsten Januar erst waren die Raunächte zu Ende. Albert war, dem alten Brauch nach, heute mit Weihrauch und Weihwasser durch das Haus und den Stall gegangen um die bösen Geister zu vertreiben. Geputzt und aufgeräumt hatten sie alle, damit sich keiner der Dämonen in der Unordnung einnisten konnte.

Und trotzdem war es nicht besser geworden mit Marias Krankheit. Sie hatte gebetet, gefleht, mit ihrem Herrgott gehadert, aber Maria lag noch immer mit hohem Fieber in ihrem Bett, immer wieder geschüttelt von krampfartigen Hustenanfällen. Barbara spürte, wie die Angst um Maria ihr die Kehle zuschnürte. Ihre Hände schlangen sich ineinander, sie rang nach Atem und zwang sich, tief Luft zu holen. Sie schloss die Augen, Erinnerungen zogen in Bildern an ihr vorbei.

Dreizehn Jahre war sie nun schon verheiratet. Sie sah die lange Tafel der Hochzeitsgesellschaft vor sich, sie konnte dem Glücksgefühl, das sie damals empfunden hatte, in ihrem Inneren lauschen, wie einem leisen Ton, der immer noch in ihr schwang. Sie hatten kein leichtes Leben, arbeiteten hart und alle Kinder  mussten mithelfen. Barbara wusste, es war eine Sünde, ein Kind mehr als die anderen zu lieben. Aber dieses Kind war ihr immer näher gewesen. Maria stöhnte wieder. Barbara nahm die Hand ihrer Tochter und streichelte sie sanft.

„Lieber Herrgott im Himmel, bitte nimm mir meine Maria nicht“, flüsterte sie. Das Kind wurde von einem Hustenanfall geschüttelt und krümmte sich. Maria war ihr viertes Kind gewesen. Nach drei Buben endlich das lang ersehnte Mädchen.

Bei jeder Schwangerschaft hatte sie sich ausgemalt, wie sie mit einem Mädchen gemeinsam singen würde, Handarbeiten machen, wie sie es kochen lehren würde und all die anderen Dinge, die eine Frau können muss.

Die Buben waren wild und hingen an ihrem Vater, Maria aber war von Anfang an „ihr“ Kind gewesen.

„Du verwöhnst sie zu sehr“, schimpfte Albert oft, „das tut ihr nicht gut!“

Barbara sah ihren Mann in diesen Momenten an wie einen Fremden.

„Kann man ein Kind zu sehr verwöhnen“ fragte sie ihn. „Ist es nicht so, dass man seine Kinder nicht genug verwöhnen kann?“

Albert drehte sich dann um und verließ murrend das Zimmer. Er liebte seine Barbara, aber manchmal hatte er das Gefühl, sie stünden jeder am anderen Ufer eines Flusses und die verbindende Brücke sei verschwunden.

Barbara kümmerte es nicht. Maria war ein solches Glück, sie war ihr jetzt schon mit ihren neun Jahren eine Hilfe mit den drei kleineren Geschwistern. Die Kleinen hingen ständig an Marias Rockzipfel, geduldig erzählte sie ihnen Geschichten, putzte ihnen die verschmierten Gesichter und brachte sie am Abend zu Bett.

Sieben Kinder hatte Barbara geboren und das achte sollte in fünf Wochen zur Welt kommen.

„Bitte Herr, nimm mir meine Maria nicht!“ Die Verzweiflung trieb Barbara Tränen in die Augen. Sie spürte die Bewegungen des Babys in ihrem Bauch und legte sich neben Maria. Sie wünschte sie wäre nicht schwanger und könnte sich an Maria schmiegen – aber der dicke Bauch war ihr im Weg. So gut es ging legte sie einen Arm um Maria und lauschte ihrem rasselnden Atem bevor sie erschöpft einschlief.

Albert kam kurz darauf um nach seiner Frau zu sehen und Marias kleines Gesicht war weiß wie Wachs. Er wagte es nicht, Barbara zu wecken, verzweifelt flüchtete er in den Stall und kümmerte sich um das Vieh.

Als er ihren Schrei hörte hielt er kurz inne in seiner Arbeit und machte mit verbissenem Gesicht weiter, während ihm die Tränen in die Augen stiegen. Er wusste, dass er dem, was ihn jetzt erwartete, nicht aus dem Weg gehen konnte.

Als Maria begraben wurde war der Boden des Friedhofs so stark gefroren, dass die Totengräber nur mit Mühe ein Grab ausheben konnten. Barbara stand am Sarg der Tochter, den hochschwangeren Leib wie ein Schild vor sich. Sie wurde von Albert und dessen Bruder gehalten, doch sie schwankte nicht. Es schien, als würde ihr Gesicht eins mit dem fallenden Schnee, durchsichtig und weiß.

Mit leerem Blick sah sie zu wie der kleine Sarg langsam in der kalten Erde verschwand.

Der Schnee knirschte, wenn die Leute auf der Stelle traten um die Kälte des Bodens nicht so sehr zu spüren.

Die Menschen blickten an Barbara vorbei, als sie kondolierten, als könnten sie sich dadurch unsichtbar machen.

Sie wollten weg, wollten heimkehren in die Normalität des eigenen Lebens.

Doch Barbaras Trauer war machtvoll, sie hing über dem Platz wie Nebel. Ihre Verzweiflung fing alle ein, nistete sich in ihre Mäntel wie schlechte Luft, verfolgte sie bis in ihre Häuser und nahm ihnen den Atem.

Schweigend zog Albert Barbara weg von Marias Grab, der Schnee hatte es schon mit seiner weißen Haube bedeckt und es war eins geworden mit dem Land.

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