Shangri-La

Ich habe das Fliegen immer geliebt. Vielleicht liegt es daran, dass ich einer Generation angehöre, in deren Kindheit Fliegen alles andere als selbstverständlich war. Das Abenteuer begann ja nicht erst, wenn man auf seinem Flugzeugsitz Platz genommen hatte. Die Atmosphäre auf den großen Flughäfen dieser Welt, das internationale Stimmengewirr, die vielen verschiedenen Menschen – es gab für mich nichts Spannenderes. Ich war einer dieser Vielflieger in den Business Lounges dieser Welt, immer auf dem Sprung zum nächsten Ziel und doch kam ich nie richtig an. Geschäftsreisen führten mich in die USA, nach Asien, Moskau, Paris, Mailand, London, Istanbul. Manchmal kam ich zuhause nur an um meinen Koffer aus-und sofort wieder einzupacken, wachte auf in irgendeinem Hotel und fragte mich, in welcher Stadt ich war. Ich führte meine Verhandlungen, traf mich am Abend mit Geschäftspartnern zum Essen in edlen Restaurants und flog wieder zurück. So war es immer und nichts deutete darauf hin dass die bevorstehende Reise nach Hongkong anders verlaufen sollte als jede andere Reise zuvor.

Dieses Mal war nur der Zeitpunkt ungewöhnlich: es war der Abend vor Weihnachten. Die Termine waren für Montag den 27. Dezember geplant und ich hatte mich bereit erklärt, die Reise zu übernehmen, da ich als Einziger im Team keine Familie hatte und die Kollegen nach den Feiertagen zuhause sein wollten.

Warum also nicht dem deutschen Weihnachtskitsch entfliehen und die Feiertage in einem Luxushotel verbringen? Das war allerdings nicht so einfach, der ganze Flughafen war eine einzige Weihnachtswunderwelt, außer mir schienen alle anderen in freudiger Erwartung zu sein. Weihnachtsdekorationen wohin das Auge reichte, es war unerträglich.

Einen Moment lang ertappte ich mich dabei wie ich an früher dachte, an Weihnachten mit meinen Eltern und meiner Schwester, mit Baum und Kerzen und Liedersingen.

„Sentimentaler Kitsch,“

dachte ich, checkte mein Gepäck ein und ging direkt zu meinem Abfluggate. Wie immer war ich spät dran, das viele Reisen hatte mich irgendwann dazu verleitet, ständig auf den letzten Drücker am Check-In anzukommen, ich nannte mich selbst spaßeshalber „Doktor Kimble auf der Flucht“ – die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass es irgendwie immer noch klappte.

An diesem Tag war aber alles anders als sonst. Ich fühlte mich seltsam gehetzt und verfluchte schon im Stillen die Entscheidung, Weihnachten in Hongkong im Hotel zu verbringen.

„Was für eine Schnapsidee,“

dachte ich.

Trotzdem – spätestens am 25. Dezember musste ich irgendwo weit weg von zuhause sein. Diese Mal eben in Hongkong.

Lange Schlangen an den Kontrollen und ein weiter Weg zum Gate brachten mich dann aber doch ins Schwitzen. Als ich endlich ankam war der Warteraum bereits leer. Eine freundlich lächelnde Bodenstewardess kam auf mich zu:

„ Herr Winkler? Norman Winkler?“

„Ja, das bin ich – sind Sie denn schon durch mit dem Boarding?“

„Ja, das sind wir, bitte folgen Sie mir, ich begleite Sie zu Ihrer Maschine.“

Einen kurzen Moment wunderte ich mich, folgte der jungen Frau dann aber ohne Zögern und ohne nochmals einen Blick auf die Anzeigetafel am Gate zu werfen.

Heute frage ich mich, ob ich überhaupt am richtigen Gate gewesen bin? Aber es ist müßíg, sich darüber Gedanken zu machen, die Dinge nahmen ihren Lauf und ich war mittendrin in dieser Geschichte.

Wir gingen durch einen Gang und betraten die Maschine. Ich wunderte mich, die Uniform der Flugbegleiter und die Innenausstattung der Maschine waren vollkommen anders als ich es kannte. Aber irgendetwas zerstreute auch jetzt meine Zweifel und ich ließ mich von der charmanten jungen Dame zu meinem Sitzplatz führen.

„Danke, ich kenne meinen Platz, ich sitze immer auf 3 B“.

sagte ich doch sie hielt mich zurück.

„Entschuldigen Sie, Herr Winkler, aber Sie sitzen Reihe 12,

hier entlang bitte.“

„Nein, sehen Sie doch,“ ich hielt ihr meine Bordkarte unter die Nase, „hier steht es doch: 3 B !“

Sie nahm die Bordkarte, studierte sie ernsthaft und gab sie mir zurück mit den Worten:

„Sie müssen sich vertan haben, es ist Sitz C Reihe 12“.

Ich starrte ungläubig auf das Stück Papier und las meinen Namen und die Sitzplatznummer: 12 C.

Eine Viertelstunde zuvor hatte ich die Karte in der Hand gehalten und nochmals überprüft, ob meine Assistentin auch wirklich meinen „Stammplatz“ gebucht hatte, 3 B. Ich hatte es gelesen, schwarz auf weiß, ich war mir vollkommen sicher.

In der Zwischenzeit hatte  mich die Stewardess sanft aber mit Nachdruck zu Reihe 12 bugsiert.

„Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“

Widerstandslos ließ ich mir den Mantel abnehmen und mich in meinen Sitz schieben.
Was war bloß los mit mir? Warum war ich nicht in der Lage, die Situation zu klären?

„Boarding completed“ hörte ich die bekannte Ansage.

Die Türen wurden verschlossen und das Flugzeug setzte sich in Bewegung. Ich saß immer noch wie hypnotisiert auf meinem Platz und starrte nach vorne wie das Kaninchen auf die Schlange.

Jetzt erst bemerkte ich, dass die Plätze um mich herum alle leer waren.

Der Flug war ausgebucht gewesen, ich hatte ja noch beim Check – In gefragt, ob die Maschine voll sein würde.

Ich zog wieder meine Bordkarte aus dem Jackett und las meinen Namen, die falsche Sitzplatznummer, Flug FRA – SHANGRI-LA –

Sollte das ein Witz sein? Shangri La war ein Hotel in Kowloon, mir war nicht bekannt, dass es einen Flughafen dieses Namens gab.

Die Maschine beschleunigte, ich wurde in den Sitz gedrückt.

Dann spürte ich, wie sie abhob.

An den restlichen Flug kann ich mich nicht mehr erinnern.

Ich muss eingeschlafen sein.

„Herr Winkler?“

Jemand berührte mich sanft an der Schulter.

„Herr Winkler, bitte stellen Sie Ihre Lehne gerade, wir landen in Kürze.“

Ich öffnete die Augen und versuchte mich zu orientieren.

„Willkommen in Shangri-La.“

Ich war noch nicht ganz wach aber so viel wusste ich, Shangri-La war kein Ort an dem man ankommen konnte.

Ich trat aus dem Flugzeug, auf eine Gangway, wie vorsintflutlich. Hongkong war es definitiv nicht, auf diesem hypermodernen Flughafen gab es wahrscheinlich überhaupt keine Gangways mehr.

Ich ging die Stufen hinunter und stieg in einen Bus.

Noch während der Fahrt zog ich mein Handy aus der Tasche und stellte es an.

„Kein Netz“

verkündete es.

Das konnte nicht sein, an jedem zivilisierten Ort dieser Welt hatte man heutzutage Empfang, erst recht an allen Flughäfen dieser Welt.

Der Bus hielt an einem kleinen Gebäude an.

Die Name „Shangri-La“ prangte in goldenen Buchstaben an der Wand über dem Eingang.

Ich betrat das Flughafengebäude oder was es auch immer war durch eine schwere graue Metalltür und stand – im Flur meines Elternhauses.

Jetzt wusste ich endgültig, dass ich träumte. Ich schlug mir mit der flachen Hand auf die Wange, um mich aufzuwecken, da öffnete sich die Tür neben mir.

„Was machst du denn hier draußen,“

hörte ich meinen Vater sagen.

„Komm rein, Junge.“

Das saßen sie, als ob nichts geschehen wäre.

Meine Mutter, mein Vater, meine Schwester und ihr Mann.

Sie winkten mich an den Tisch und wir feierten Weihnachten wie immer. Es roch nach Mamas Apfelpunsch und Zimtsternen, mein Schwager sang wieder mit voller Inbrunst aber völlig falsch „Stille Nacht“ und mein Vater wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, als Mama die Weihnachtsgeschichte vorlas.

Ich erinnere mich, dass ich einfach nicht mehr darüber nachdenken wollte, ob es ein Traum war. Insgeheim war es seit Jahren mein innigster Wunsch gewesen, einmal wieder so zusammen Weihnachten zu feiern. Je gehetzter ich um die Welt jettete umso größer wurde er.

Wir gingen spät ins Bett, soviel hatten wir uns zu erzählen nach all den Jahren. Eigentlich habe nur ich erzählt, alle wollten wissen, was ich so erlebt hatte.

„Schade, dass du morgen wieder abfliegen musst,“

sagte meine Schwester.

„Ja, wirklich schade,“

sagte ich mechanisch.

Zum Abschied gab mir mein Vater ein kleines, in rotes Papier eingewickeltes Päckchen.

„Pack es erst aus, wenn du im Flugzeug bist, okay?“

„Alles klar, Paps.“

sagte ich und steckte das Päckchen in meine Jackentasche.

Später lag ich in meinem alten Kinderzimmer, zwickte mich in den Arm und konnte es nicht glauben. Was war hier los?

Am nächsten Morgen wurde ich vom Bus abgeholt. Ich wunderte mich schon nicht mehr darüber, doch jetzt wollte ich nicht mehr weg. Ich wollte bleiben, in Shangri-La oder wo immer ich hier war.

Aber es war wie ein Film, der rückwärts abgespielt wird.

Ich stieg in das Flugzeug, dieselbe Flugbegleiterin, derselbe Sitzplatz, wieder schlief ich ein.

„Herr Winkler?“

Jemand berührte mich sanft an der Schulter.

„Herr Winkler, bitte stellen Sie Ihre Lehne gerade, wir landen in Kürze.“

Ich öffnete die Augen und versuchte mich zu orientieren.

Der Bildschirm vor mir zeigte den Landeanflug auf Chep Lak Kok, den internationalen Flughafen Hongkong.

Ich sprach eine Flugbegleiterin an:

„Welchen Tag haben wir heute?“

„Heute ist der 25. Dezember“

Sagte sie und sah mich verwundert an.

„Kennen Sie Shangri-La?“

Fragte ich sie.

„Shangri-La – ist das nicht ein mystischer Ort in Tibet?“

Sie sah mich an.

„Jeder hat wohl sein eigenes Shangri-La,“

sagte sie bedeutungsvoll.

Sie bückte sich und hob eine Tageszeitung auf,

die neben meinem Sitz auf dem Boden lag.

„Bitte schön,“

sagte sie, und legte sie auf meinen Schoß.

Ich las die Schlagzeile:

„Sechs Jahre danach: Erinnerungen an die Todeswelle vom 25.12.2004“.

Als ich meine Jacke anzog fand ich in der Tasche ein kleines, in rotes Papier eingewickeltes Päckchen.

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