like a rolling stone

„Ich könnte heulen,“ sagte sie zu mir.

Ich sah sie an und konnte nichts erkennen. Sie sah aus wie immer, lächelte mich an und hob die Arme, so als ob sie zu einer wortreichen Erklärung ansetzen würde. Ich erwartete ihr „weißt du, es ist so“ mit dem sie immer startete, aber es kam nichts. Sie ließ die Arme wieder sinken und sah zum Fenster hinaus.

Der Himmel hatte sich in ein blasses Blaugrau getaucht, im Osten schimmerte er wie von hinten beleuchtet.

„Sieht aus wie blaues Milchglas“, sagte sie mit tonloser Stimme.

Es war nicht ungewöhnlich, dass sie einen Gedanken, denn ich gerade begonnen hatte zu denken, aussprach. Wir waren uns schon immer sehr nahe gewesen.

Der Wald war nur noch eine schwarze Silhouette, ein Scherenschnitt aus Baumkronen. Es war so still, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte mir diese Stille jetzt in ein Tuch packen und in die Tasche stecken. Ich wusste, dass das Gras jetzt feucht werden würde. Unsere Badeanzüge, die auf der Wäscheleine im Garten hingen, würden auch feucht werden. Aber wir waren unfähig, aufzustehen, das Haus zu verlassen, hinauszugehen in den dunklen Garten, um sie hereinzuholen.

„Hast du die Tür schon abgeschlossen?“ fragte ich.

„Nein.“ Ihre Stimme war tonlos, ohne Leidenschaft.

Sie lächelte mich wieder an.

Ich drückte auf die Fernbedienung und Bob Dylan sang „one more cup of coffee for the road“.

Als das Lied zu Ende war wollten wir es nochmal hören. Das konnte manchmal stundenlang so gehen.

Wir waren uns immer einig. Nur heute konnte ich ihre Stimmung nicht verstehen.

Wir saßen auf dem Sofa und schwiegen. Immer noch wartete ich auf eine Erklärung.

Ich räusperte mich und wollte ansetzen zu der Frage, die mir auf der Seele brannte.

„Frag nicht,“ sagte sie und lächelte mich auf diese leidenschaftslose Weise an, die mich verrückt machte. Das war nicht ihr wahres Ich. Sie war jemand, der sprühte, sie liebte das Leben.

Ich verstand nicht, was diese Veränderung ausgelöst hatte.

„Sag´s mir. Wem willst du es denn sagen, wenn nicht mir?“

„Ich kann nicht. Es ist eigentlich lächerlich.“

„Wenn du so bist wie jetzt, kann es nicht lächerlich sein.“

Draußen war es jetzt dunkel, aber es war eine sanfte Dunkelheit, die eine Ahnung der Dinge, die da waren, zuließ. Nicht diese Dunkelheit des Südens, die sich über dich stülpt und das schwärzeste Schwarz über dir ergießt, von einer Minute auf die andere.

Ich wartete. „Patience“, schoß es mir durch den Kopf und ich kramte die alte Guns ´n Roses Cd aus meiner Tasche. Was für eine gebremste Leidenschaft, diese Stimme, wie immer jagte sie mir Schauer über die Haut.

„Nüchtern war er bestimmt ein guter Liebhaber,“ sagte sie.

„Kann sein, aber ich steh nicht auf blond,“ ich fand Axl Rose auch immer sexy, aber eben nur zum anhören.

„Also los, jetzt sag schon“, ich gab nicht auf.

„Ich bin  –  verliebt,“ sagte sie.

„Das ist alles?“, ich war erleichtert. „Ist doch super!“

Ich fragte mich, wie sie es geschafft hatte, jemanden kennenzulernen ohne dass ich etwas davon mitbekam.

„Wer ist es denn?“

„Kann ich dir nicht sagen,“ sie sah wieder zum Fenster.

Dann ging sie zum CD player und stoppte Axl Rose.

„He, was soll das? Spiel doch wenigstens den Song zu Ende!“

Aber sie reagierte nicht.

Sie schob wieder Bob Dylan rein.

„Bist du heute auf deiner sentimental journey?“

„How does it feel ? How does it feel ? To be on your own ? With no direction home ?”

Sie sang laut mit.

Wir waren schon so lange beste Freundinnen, dass ich jedes ihrer Lieblingslieder kannte.

Sie drehte lauter.

„Los sag schon,“ ich schrie gegen Bob Dylan an.

„Wer ist es?“

Sie sah mich mit einem unergründlichen Blick an.

Bis jetzt war unser gemeinsamer Urlaub ein voller Erfolg gewesen.

Einmal in die Heimat von Pippi und Michel zu reisen, nur wir beide, alleine in einem dieser roten Holzhäuser mitten im Nirgendwo – diesen Sommer hatten wir endlich unseren Traum verwirklicht.

Wir waren vollkommen abgeschnitten, unsere Mobiltelefone funktionierten nur im nächsten Ort,

Fernsehen und Radio gab es nicht, Internet nur mit vielen Hängern, so dass wir es aufgegeben hatten, das Laptop hochzufahren.

Was für ein Mist, dass sie ausgerechnet jetzt anfangen musste, Trübsal zu blasen.

„How does is feel? To be on your own? With no direction home?”

Hoffentlich kam er jetzt zum Ende, unser guter Bob.

Ich stellte den CD-player ab.

„So, raus mit der Sprache,“ ich lachte sie an, froh, dass es so ein harmloser Grund war.

„Wer ist der Glückliche?“

Sie klimperte mir den Resten der Eiswürfel in ihrem Glas. Ich ging in die Küche und holte die Wodkaflasche aus dem Kühlschrank.

„Nachschub, zum Anstoßen,“

Ich schenkte uns beiden ein und verteilte den Rest Tonic auf unsere Gläser.

„Auf die Liebe!“

Ich stieß an ihr Glas, sie trank es in einem Schluck aus.

„Musst du dir Mut antrinken oder was ist los? Das war unser letztes Tonicwater, du „

„Es ist Frank.“

„Welcher Frank?“

Ich verstand nicht wen sie meinen könnte. Der einzige mir bekannte Mann mit dem Namen Frank war mein eigener.

„Das gibt’s ja nicht, jetzt verliebst du dich auch noch in einen Mann, der denselben Namen hat wie mein Ehemann. Das glaubt uns kein Mensch.“

„Es ist Frank,“ wiederholte sie.

Ich hatte das Gefühl zu spüren wie die Worte in mein Bewusstsein sickerten. Buchstabe für Buchstabe tropfte in mein Gehirn und formte dort den Namen des Mannes, mit dem ich seit drei Jahren verheiratet war.

Ich starrte sie an.

Sie lächelte wieder ihr leidenschaftsloses Lächeln.

„Wir lieben uns. Er wird dich verlassen.“

Sie sah auf die Uhr.

„Er wird in einer halben Stunde hier sein.“

Sie stand langsam auf und ging an mir vorbei zur Treppe. Ich hörte, wie sie oben in ihrem Zimmer hin und her ging.

Ich sezierte in Gedanken die letzten Wochen und versuchte mich zu erinnern, ob es irgendetwas gab, das mir hätte auffallen müssen.

Aber es gab nichts. Der Betrug musste sich völlig außerhalb meiner Reichweite vollzogen haben.

Ich hörte immer noch Schritte im ersten Stock, jetzt im Bad.

„Sie packt,“ dachte ich.

„Und Frank ist schon auf dem Weg hierher um sie abzuholen.“

Wie perfide. Die beiden hatten sich das alles ausgedacht, während ich diese langersehnte Freundinnenreise geplant hatte.

Deshalb musste der Mietwagen auf mich gebucht werden, die verlorene ADAC Karte war nur ein Vorwand gewesen.

Ich sollte hier in dem Haus alleine zurückbleiben, während die Frischverliebten in ihre gemeinsame Zukunft starteten.

Ich weiß nicht, ob es einem Entschluss gab oder ob ich spontan gehandelt habe.

Sie sah mich nicht als sie im Halbdunkel die Treppe hinabging. Es passierte wie in Zeitlupe, ich stand halb versteckt neben der Treppe und hob die Wodkaflasche über meinen Kopf.

Sie hatte Koffer und Reisetasche in den Händen und war zudem völlig überrascht. Die schwere Flasche knallte auf ihren Kopf und ein krachendes Geräusch war zu hören. Sie knickte ein und kippte nach vorne.  Eine Blutlache bildete sich um ihren Kopf.

Ihre Sachen wieder einzuräumen ging schnell, wir hatten dasselbe System. Ich stellte ihre elektrische Zahnbürste auf den Waschbeckenrand und legte den Pyjama in ihr Bett.

Die Wodkaflasche lag so vor der Haustür, dass Frank sie aufheben musste, um die Tür öffnen zu können. Ich hatte ihn mit der Flasche in der Hand neben der Toten überrascht.

Wir waren ein Herz und eine Seele gewesen, das konnte jeder bezeugen, der uns zusammen gesehen hatte.

„Wie Schwestern“, sagten die Vermieter unseres Ferienhauses, als sie von der schwedischen Polizei befragt wurden.

Niemand konnte sich erklären, warum mein Mann meine beste Freundin umgebracht hatte.

Es war wirklich eine Tragödie.

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