Die Geschichte von Leonardo und Lisa

Mona Lisa sah mit unergründlichem Lächeln auf die Besucher, die sich um sie scharten. Sie war es gewöhnt, angestarrt zu werden. Seit Hunderten von Jahren ergötzten sich die Menschen an ihr. Man hatte sie von Zimmer zu Zimmer getragen, ihr Bild aus dem Rahmen geschnitten und gestohlen, sie hatte schon vieles erlebt. Hier im Louvre war sie nun schon so lange, dass sie sich nicht mehr genau an die anderen Orte erinnern konnte.

Nur an das Schlafzimmer Napoleons erinnerte sie sich, er hatte ihr einiges zugemutet. Warum eine so gebildete schöne Frau wie Josephine sich von ihm angezogen fühlte, hatte sie nie verstanden. Manchmal hätte sie lieber weggesehen, aber das ging ja nicht. Damals wusste sie auch noch nicht, wie man seinen Bilderrahmen verlässt, das hatte ihr erst vor fünfzig Jahren La Liberté verraten, wer sonst. Sie rannte nachts mit entblößter Brust durch die Räume des Louvre und sang die Marseillaise.

So etwas würde Lisa nie einfallen, wenn auch sie weitaus temperamentvoller war als sie den Anschein machte.

Das Stimmengewirr vor ihr war international. Mittlerweile sprach Mona Lisa mehrere Sprachen, zumindest die Worte, die sie immer wieder hörte:

„Che bellissima!“ riefen die Italiener.

„How beautiful!“ die Amerikanerinnen.

Sie folgte interessiert aber mit unbewegter Miene den Diskussionen um ihren Namen und lächelte.

Insgeheim ärgerte sie sich wenn wieder jemand behauptete, sie sei ein Mann. Was für eine Lächerlichkeit! Nachts, wenn die Hallen leer waren und die Aufpasser, wie sie die Sicherheitsleute nannte, anderswo kontrollierten, kämpfte sie sich aus dem lächerlich kleinen Rahmen und vertrat sich die Beine. Sie deklamierte halblaut die fremden Worte, die sie gehört hatte. Manchmal schlich sie sich auf eine Toilette und betrachtete sich im Spiegel.

Wie konnte nur irgendjemand auf die Idee kommen sie wäre ein Mann gewesen? Das wäre ja als ob man Jesus Christus für eine Frau hielte! Sie war eine Frau, und was für eine!

Sie erinnerte sich noch genau an den ersten Besuch bei Leonardo.

Ihr Mann hatte das Portrait in Auftrag gegeben und sie war stolz, dass so ein bekannter Maler sie porträtieren würde. Nicht einer seiner Mitarbeiter, nein, der Meister selbst. Sie war etwas befangen, als sie zu der ersten Sitzung ging. Noch nie zuvor war sie Leonardo begegnet.

Als sie ihm gegenüber stand und er sie forschend betrachtete, senkte sie, die stolze Lisa, den Blick.

Er legte ihr die Hand unter das Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. Sie spürte ein flaues Gefühl in der Magengegend und lächelte. Sie kannte die Wirkung ihres Lächelns und setzte es immer ein, wenn sie jemanden für sich gewinnen wollte. Und dann wollte er sie genau so malen, mit ihm zugewandten Blick, der weit in die Ferne zu schweifen schien.

Lisa wollte widersprechen, einen fremden Mann so anzusehen schickte sich nicht, aber sie verstummte und lächelte. Dieser Mann war ihr gewachsen, das hatte sie sofort gespürt. Also sah sie ihn an, unverwandt, und er malte sie. Obwohl sie Kleider trug fühlte sie sich bald nackt vor seinem Blick. Seine Augen schienen ihr dunkel zu sein wie der Mocca, den sie morgens trank. Dann wieder schimmerten sie wie der bleierne Novemberhimmel über Florenz, an manchen Tagen hatten sie jedoch die Farbe des Arno.

Mona Lisa seufzte. Was für ein Mann! Sie hatten sich so sehr geliebt dass es sie heute noch schmerzte. Und doch war nichts geschehen, dessen sie sich hätte schämen müssen.

Leonardo war klug, und er behandelte sie mit dem größten Respekt. In diesen langen Stunden konzentrierter Arbeit kamen sie sich so nahe, dass sie meinte, ihr Herzschlag müsse sich dem seinen angeglichen haben. Sie sah ihn an und tauchte immer tiefer in dieses Gesicht ein, so wie er in ihres.

Sie stellten fest, dass sie dieselben Dinge liebten. Ein sonniger Tag mit diesem speziellen Licht, das so typisch war für Florenz, konnte sie beide entzücken. Sie deklamierten die Liebesgedichte von Petrarca, beide konnten sie lange Passagen auswendig.

“Voi ch’ascoltate in rime sparse il suono
di quei sospiri ond’io nudriva ‚l core”

flüsterte Mona Lisa.  Aber sie erhielt keine Antwort.

Wie so oft war sie in ihren Erinnerungen abgeschweift und konnte es nicht fassen dass sie sich nach hunderten Jahren immer noch nach Leonardo sehnte.

Leonardo malte vier Jahre an ihrem Portrait und wollte es, als es fertig gestellt war, behalten. Die gute Gesellschaft von Florenz zerriss sich die Mäuler über Lisa, aber sie lächelte. Sie hatte mit Leonardo so vieles geteilt, das konnte ihr keiner mehr nehmen. Es gab eine so tiefe Verbundenheit zwischen ihnen, die sie selbst bis heute nicht recht verstehen konnte.

„Ich mache dich unsterblich,“

hatte er ihr an einem kühlen Oktobermorgen ins Ohr geflüstert und nur ganz leicht ihre Haare berührt. Sie schauderte noch immer bei der Erinnerung daran. Näher waren sie sich nie gekommen.

„Wir wussten beide, dass wir den Zauber zerstören würden,“

dachte Lisa.

„Es war dumm von mir, von uns. Ich sehne mich jetzt seit fünfhundert Jahren nach einem Kuss von ihm. Er hat mich unsterblich gemacht und ist doch selber fortgegangen von mir.“

Mona Lisa wusste, dass auch Leonardo unter seiner Sehnsucht gelitten hatte. Ihr Bild blieb bis kurz vor seinem Tod in seinem Besitz. Dann verkaufte er es, weil er es nicht mehr ertragen konnte, sie zu sehen und ihr doch nicht nahe sein zu können.

Langsam ging sie wieder zurück zu ihrem leeren Rahmen. Sie glitt in das Bild hinein und erstarrte.

Als der Wachmann einige Minuten später seine Runde drehte blieb er vor ihr stehen und sagte laut:

„Das ist doch Blödsinn, das kann kein Mann gewesen sein,“

und ging weiter.

Mona Lisa lächelte.

Der nächste Tag begann wie immer mit einer Traube von Menschen, die sich um sie drängelten. Mitten unter den Besuchern stand ein lächelnder Mann. Er trug eine Schiebermütze und Mona Lisa sah ihm direkt in die Augen. Waren sie braun oder doch grün, wie der Arno ihrer Jugend? Der Mann lächelte unergründlich zurück, warf Mona Lisa einen Kuss zu und verschwand in der Menge.

2 Gedanken zu „Die Geschichte von Leonardo und Lisa

  1. Ach so schön! Am Ende lief mir ein kleiner Schauer über den Rücken weil ich mir beim Lesen so sehr gewüscht habe, die beiden mögen sich wieder sehen…
    So viele interessante Details, ich wusste zum Beispiel nicht, dass Leonardo das Bild nicht hergeben wollte, was alles natürlich noch herzzereissender macht…

    Gefällt 1 Person

    • hej, danke dir! Irgendwie ist mir dein Kommentar durchgerutscht, habe es eben erst gesehen…Es gibt viele Legenden um das Bild, ich habe so gut es ging recherchiert, habe auch eine Doku gesehen von der ich annehme, dass es richtig recherchiert war. Aber am Ende finde ich immer, es ist viel schöner wenn man nicht alles weiss und sich auch was ausdenken kann 🙂

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