Kopffüßler

Diese Untersuchung finde ich entwürdigend.

Ich stehe das nur durch, indem ich mir vorstelle, dieser Körperteil gehöre gar nicht zu mir sondern zu jemand anderem. Es ist widerlich und ich mag nicht hinsehen.

Ich kneife die Augen zusammen weil ich mir die Hände nicht vor das Gesicht schlagen kann um nichts mehr zu sehen. Eigentlich möchte ich mit diesem Teil meines Körpers nichts mehr zu tun haben.

Ich stelle mir vor, ich könnte mich scheiden lassen von diesem „Objekt“ und dann in Freiheit leben. Oder mich eines fernen Tages für einen anderen entscheiden.

Ich höre schon die Moralisten predigen, ich solle mich nicht so anstellen, schließlich wäre ich ja nicht die Einzige auf der Welt, die das über sich ergehen lassen müsse und außerdem gebe es viel Schlimmeres.

Das mag ja sein, aber die Tatsache dass es Schlimmeres gibt kann ja nicht dazu führen alles klaglos hinzunehmen.

Zu einer Zeit als ich noch jung war, nicht nur gefühlt sondern auch auf dem Papier, habe ich gelesen, dass Frauen, wenn sie älter werden, ihre sexuelle Anziehungskraft vollständig verlieren und so zur „Frau ohne Unterleib“ werden. Jetzt habe ich schon die nächste Stufe erreicht: so alt, dass ich mich auf meiner persönlichen Skala als asexuelles Wesen einstufe, eben „ohne Unterleib“, und darüber hinaus auch noch meinen Busen als hinderlich empfinde.

Mathematisch gesehen bleibt nach Abzug von Brust und Unterleib nur noch der Kopf als wesentliches Merkmal übrig. Ich bin sozusagen ein Kopffüßler. Ich sehe eine Kinderzeichnung vor mir, ein großer Kopf auf strichdünnen Beinen, mit ebenso dünnen Armen, die aus dem Kopf heraus zu wachsen scheinen. Fast fange ich hysterisch an zu lachen.

Die freundliche Dame im weißen Kittel quetscht jetzt meine rechte Brust in die Apparatur und ich halte vor Schmerz die Luft an. Ich hasse diese Untersuchung und ich hasse meine Brust, weil sie mir das Leben schwer macht. Das ganze Thema ist darüber hinaus auch so tabuisiert, dass man sich besser ausschweigt und seine Gedanken für sich behält. Während sie nun die linke Brust auf die Ablage zieht und platt quetscht, stelle ich mir wieder vor, ich wäre flach wie ein Brett und diese Prozedur würde jemand ganz anderen betreffen.

Ich kann also mit niemandem darüber reden, denn es ist irgendwie peinlich und außerdem muss ich mich ja schämen, so zu jammern, wenn man bedenkt, was die wirklich kranken Menschen durchmachen müssen. Ich schäme mich also und beiße die Zähne zusammen.

Nachdem nun beide Brüste flachgepresst wurden wiederholt sich die ganze Prozedur seitlich. Als ich endlich den Raum verlassen kann bin ich vollkommen fertig. Das Ganze hat vermutlich keine zehn Minuten gedauert, mir kommt es aber vor wie Stunden. Ich ziehe mich an nur um auf die nächste Untersuchung zu warten.

Das Untersuchungszimmer ist schwach beleuchtet, das Ergebnis der Mammografie hängt an den Leuchtkästen. Meine Brust sieht aus wie die Karte eines riesigen Flussdeltas mit ungezählten Nebenarmen, Zuflüssen, kleinen Seen. Der Arzt liest parallel auf einem weiteren Bildschirm meine Krankenakte. Er zeigt auf einige der weißen Flecken auf den Bildern und  erklärt mir, was es damit auf sich hat. Ich höre nur halb hin. Dieses Gebilde auf dem Bildschirm hat nichts mit mir zu tun.

Wieder muss ich mich ausziehen, die Hände des Arztes stecken jetzt in blauen Plastikhandschuhen und die blauen Finger betasten diese Brüste, die gar nicht zu mir gehören sondern zu einer anderen Frau. Ich sehe geradeaus an die Wand gegenüber und betrachte den Vorhang an der Umkleidekabine. Eine Öse hat sich aus dem dazugehörigen Ring gelöst und ich spüre den Impuls, aufzuspringen und das wieder in Ordnung zu bringen.

Dann muss ich mich hinlegen und kaltes Gel wird auf meine Haut gespritzt. Die Ultraschalluntersuchung ist auch furchtbar. Es tut weh und ich bohre meine Fingernägel in den Unterarm um den Schmerz an einer anderen Stelle zu spüren.
Meine Brüste sind ja noch überflüssiger als mein Blinddarm. Sie sind zu nichts mehr nütze und nur noch eine Bedrohung oder im Weg. Ohne mein Einverständnis haben sich Zysten zur weltweiten Hauptversammlung meinen Busen ausgesucht. Ständig bin ich unter Beobachtung, jeder Millimeter meines Brustgewebes wird untersucht, durchleuchtet, abgetastet.

Trotzdem finde ich regelmäßig neue Knoten, die dann zu neuen Untersuchungen führen. Es wird gestanzt, punktiert und abgesaugt. Danach sehe ich aus, als ob ich verprügelt wurde, tagelang sind meine Brüste grün und blau.

Während der Arzt mir Einzelheiten zu meinem Ultraschallbild erzählt, mache ich eine Atemübung. Ich konzentriere mich voll und ganz darauf, aus der linken Hüfte in den Brustkorb ein – und schräg nach rechts unten zur rechten Hüfte wieder auszuatmen. Danach atme ich von rechts unten ein und nach links unten wieder aus.

Ich werde so ruhig, dass der Arzt sich erkundigt ob es mir gut geht. Insgeheim stimme ich ein Loblied auf meine Yogalehrerin an.

Ein Teil meines Ichs ist dennoch in der Lage mit dem Arzt zu kommunizieren, der andere Teil aber hat sich mental verabschiedet. Ich lasse meine Brüste und meinen Unterleib zur Untersuchung auf der Pritsche liegen und verlasse ungehindert den Raum.

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